"Das nächste Jahr wird hart"
Caritas zur bedrohlichen Lage auf Haiti

"Das nächste Jahr wird hart"

Naturkatastrophe - Der Hurrikan "Sandy" hat auf Haiti verheerende Schäden hinterlassen. Die Ernte ist zerstört, dem Land droht eine Hungersnot. Im Interview berichtet Jean-Bosco Mbom, der Büroleiter des katholischen Hilfswerks Caritas, über die aktuelle Lage auf der Karibikinsel.

Bonn - 08.11.2012

Frage: Herr Mbom, welche Spuren hat der Hurrikan auf Haiti hinterlassen?

Mbom: Die größten Schäden hat er im Süden und im Westen des Landes angerichtet. Viele Bauern haben ihre gesamte Ernte verloren. Haitis Landwirtschaft ist zu großen Teilen zerstört. Auch die Infrastruktur ist in Mitleidenschaft gezogen. Viele Straßen sind unterspült, Brücken eingestürzt. Es gibt mindestens 54 Tote, viele Menschen sind noch vermisst. Insbesondere die großen Schäden in der Landwirtschaft werden sich bald bemerkbar machen.

Frage: Was bedeutet das?

Mbom: Die haitianischen Medien berichten, dass rund zwei Millionen Menschen sehr bald die Nahrungsmittelknappheit zu spüren bekommen. Experten rechnen mit gewaltigen Ernteausfällen. Die Fluten haben alles weggespült; deswegen werden die Bauern keine landwirtschaftlichen Erzeugnisse liefern können. Viele Menschen werden nichts zu essen haben. Das nächste Jahr wird sehr hart werden.

Frage: Wie haben die Menschen in Haiti auf den erneuten Schicksalsschlag reagiert?

Mbom: Die Haitianer sind im Moment erstaunlich ruhig. Sie sind ja mittlerweile an Katastrophen gewöhnt. Zunächst sind sie damit beschäftigt, die gröbsten Schäden zu beseitigen.

Frage: Erst das verheerende Erdbeben im Januar 2010, das mehr als250.000 Menschenleben forderte. Dann Tausende Tote bei der anschließenden Cholera-Epidemie. Und jetzt der Hurrikan "Sandy". Ist da überhaupt eine nachhaltige Aufbauarbeit möglich?

Mbom: Es wird häufig kritisiert, dass eine langfristige Strategie fehle. Aber die Menschen hier haben es auch schwer. Ständig gibt es neue Rückschläge. Eigentlich denken die Haitianer im Moment immer nur von Tag zu Tag und wie sie kurzfristig die Probleme lösen können. Die Katastrophen der vergangenen Jahre zwingen sie dazu. Irgendwie steckt man in Haiti in einem nie enden wollenden Teufelskreis. Man hat gerade etwas repariert - und morgen ist es schon wieder kaputt.

Frage: Es gibt Experten, die von einem erneuten Ausbruch der Cholera warnen.

Mbom: Die Angst ist begründet. Es gibt Warnungen und Hinweise, wie sich die Menschen richtig verhalten sollen.

Frage: Sind auch die Einrichtungen der Caritas in Haiti von den Auswirkungen des Tropensturms betroffen?

Mbom: Nein. Wir haben großes Glück gehabt. Unser Gesundheitsprojekt und unser Berufsbildungszentrum laufen sehr gut.

Das Interview führte Tobias Käufer