Adveniat gibt dem Aktionsthema "Mitten unter euch" insbesondere anhand von Beispielen aus Bolivien ein Gesicht.
Bild: © Adveniat
Adveniat-Chef Bernd Klaschka zur diesjährigen Hilfsaktion

Stärkt die Basis!

Adveniataktion - Am 1. Adventssonntag startet das katholische Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat in Hildesheim seine bundesweite Weihnachtskampagne. Die diesjährige Aktion lenkt am Beispiel Boliviens den Blick auf kirchliche Basisgemeinden. Im Interview erläutert Adveniat-Geschäftsführer Prälat Bernd Klaschka, warum sie für die Menschen in Lateinamerika so wichtig sind.

Bonn - 02.12.2012

Frage: Prälat Klaschka, in diesem Jahr heißt das Motto der Adveniat-Aktion "Mitten unter euch". Worum geht es?

Klaschka: Dahinter steckt das Wort Jesu: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen". Konkret umgesetzt sehen wir das etwa in den kirchlichen Basisgemeinden in Lateinamerika, die im Mittelpunkt der aktuellen Advents- und Weihnachtsaktion stehen.

Frage: Was genau ist eine Basisgemeinde?

Klaschka: Das sind kleine Zusammenschlüsse vor Ort unterhalb der Ebene der Pfarreien. Oft bestehen sie nur aus ein paar Familien oder einer Dorfgemeinschaft mit sehr engen persönlichen Beziehungen untereinander. Gerade in den vielen großen und weit verstreuten Pfarrgemeinden sind diese lebendigen Zellen des Glaubens besonders wichtig.

Frage: Inwiefern?

Klaschka: Zum einen natürlich für das Glaubensleben, wenn sie miteinander beten, die Bibel lesen und auch den Glauben an Kinder und Jugendliche weitergeben. Zum anderen aber haben sie sich seit vielen Jahren als Motor für die Zivilgesellschaft bewährt. Für Adveniat sind sie so wichtig, weil diese Form, Kirche zu sein, seit vielen Jahren gerade bei den Armen reiche Frucht getragen hat.

Prälat Bernd Klaschka ist der Geschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat.

Prälat Bernd Klaschka ist der Geschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat.

Frage: Wie äußert sich das konkret?

Klaschka: Die Armen sind in der Lage, ihre eigenen Ideen einzubringen. Als Einzelne werden sie meist an den Rand gedrängt und kaum beachtet. Doch in der Gemeinschaft unter dem Dach der Kirche können die Armen eine Menge erreichen: Wenn zum Beispiel in einem Dorf ein Gesundheitszentrum fehlt und man kilometerlang zum Arzt gehen muss, wenn in einem Dorf ein Kindergarten oder eine Schule fehlen, dann macht sich eine Basisgemeinde dafür stark, dass so etwas gebaut wird; oder wenn kein Trinkwasser da ist, dass entsprechende Wasserleitungen ins Dorf gelegt werden. Aus dem Glauben heraus kämpfen sie für bessere Lebensbedingungen.

Frage: Werden sie denn ernst genommen von Politik und Gesellschaft?

Klaschka: Ich erinnere mich noch gut an meine Zeit in Mexiko, wo eine Basisgemeinde die Initiative übernommen hatte, den Bau einer Schule zu organisieren und auch Lehrer dafür zu suchen. Ich bin mit den Leuten zum Ministerpräsidenten des Landes gefahren, und dort haben sie selbst sehr selbstbewusst das Wort ergriffen. Frauen ohne Schulabschluss haben vor einem großen Publikum gesprochen und ihre Ziele auch durchgesetzt. Das hat mich sehr beeindruckt zu sehen, wie die Arbeit in der Basisgemeinde auch ihr Selbstwertgefühl fördert. Sie lernen dort, dass jeder Mensch wichtig und wertvoll ist.

Mich hat sehr beeindruckt, wie die Arbeit in der Basisgemeinde auch das Selbstwertgefühl der Mexikaner fördert.

Zitat: Prälat Bernd Klaschka

Frage: Wie hilft Adveniat dabei?

Klaschka: Mit den Spenden aus der Kollekte in den Gottesdiensten an Heiligabend und am ersten Weihnachtstag unterstützen wir viele solcher Initiativen, mit denen die Armen und die Notleidenden an der Basis selbst dafür sorgen können, ihre Lebensbedingungen zu verbessern - und das in ganz Lateinamerika. Gerade die Ausbildung und Weiterbildung der Mitarbeiter in den Basisgemeinden ist da sehr wichtig.

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Video: © Peter Theisen

Ein Bericht über die Situation und Probleme der Armen in Bolivien

Frage: Sie haben selbst dort gearbeitet und erleben auch bei Projektbesuchen viele Basisgemeinden. Auch hier in Deutschland werden die Gemeinden immer größer, während es immer weniger Priester gibt. Können die lateinamerikanischen Basisgemeinden da zum Vorbild werden?

Klaschka: In mancher Hinsicht sicher. Auch wenn die sozialen Probleme in der Regel nicht vergleichbar sind. Aber wir können mit Blick auf die Basisgemeinden Möglichkeiten entdecken, wie Kirche vor Ort aktiv und lebendig bleiben kann - auch ohne die permanente Präsenz eines Priesters. Wichtig ist auch in Deutschland, dass die Kirche an der Basis bleibt und nicht zu einem zentralen Organ wird, das nur in großen Einheiten agiert.

Frage: Müssen da nicht auch Priester und Bischöfe umdenken?

Klaschka: Ganz klar! Priester und Bischöfe müssen lernen, den Laien mehr zuzutrauen und koordinierter und vertrauensvoller mit ihnen zusammenzuarbeiten. Da ist vieles noch zu sehr auf die Amtsträger konzentriert. Wir müssen die Laien noch besser ausbilden, damit sie mehr Verantwortung in der Kirche übernehmen - und da ist die Erfahrung mit den Basisgemeinden sicher hilfreich. Hier gibt es schon gute Ansätze in Deutschland, aber da kann und sollte sicher noch viel mehr passieren. Wir müssen stärker darauf hören, was die Gemeinden sagen. Denn auch hier ist der Geist Gottes lebendig.

Das Interview führte Gottfried Bohl

Hinweis:

Die bundesweite Aktionseröffnung findet am 2. Dezember erstmals in Hildesheim statt. Der feierliche Gottesdienst mit Bischof Norbert Trelle und lateinamerikanischen Gästen in der Basilika St. Godehard in Hildesheim wird ab 10 Uhr live von weltkirche.katholisch.de übertragen.

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