Schachfigur
Standpunkt

Bitte mehr ökumenische Leidenschaft!

Mit wachsender Sorge betrachtet Pater Nikodemus Schnabel den gegenwärtigen Zustand der Ökumene. Nach den großen Fortschritten der Vergangenheit hätten sich alle Beteiligten inzwischen zu sehr im Status quo eingerichtet. Für 2019 hat Schnabel deshalb einen klaren Wunsch.

Von Pater Nikodemus Schnabel |  Bonn - 09.01.2019

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Ende der 1950er-Jahre begann in der Ökumene zwischen den Kirchen, was wir heute gerne als die Phase des "Dialogs der Liebe" bezeichnen. Neugierig aufeinander geworden tastete man sich vorsichtig an die anderen heran, sendete erste Zeichen der wohlwollenden Zuneigung, umarmte man sich vor den erstaunten Augen der Weltöffentlichkeit, brachte Verletzungsgeschichten zur Sprache, baute Vorurteile ab, reinigte das historische Gedächtnis und war fasziniert von dem bislang viel zu wenig beachteten Reichtum der jeweils anderen Traditionen.

Auf diese Phase folgte der "Dialog der Wahrheit", in dem auch das Schwierige und das Herausfordernde zur Sprache kam. Viele Dokumente wurden erzeugt: Dialog-, Konvergenz- und Konsenspapiere. Die Ökumene legte ihre rosarote Brille der Frischverliebten ab, kämpfte anfangs um diese Beziehung und richtete sich dann aber zunehmend in einem Status quo ein. Zurzeit betrachte ich das ökumenische Beziehungsleben mit wachsender Sorge.

Wie kann es denn sein, dass die Überwindung der jahrelangen schmerzhaften Kirchenspaltung innerhalb der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche von den deutschsprachigen Christen nicht einmal ignoriert wurde? Haben wir verlernt, uns zusammen mit der Kirche einer anderen Tradition zu freuen?

Wie kann es denn sein, dass wir die dramatischen Ereignisse innerhalb der Orthodoxen Kirche, welche in Deutschland dazu führen, dass russischsprachige und griechischsprachige orthodoxe Gläubige nicht mehr gemeinsam zum Altar gehen können, mit einem müden Achselzucken quittieren? Haben wir verlernt, zusammen mit der Kirche einer anderen Tradition zu leiden?

Wie kann es denn sein, dass es in Deutschland immer wieder katholische und evangelische Stimmen gibt, die meinen, sich auf Kosten des ökumenischen Partners profilieren zu müssen? Haben wir den Dialog der Liebe verlernt?

Für das Jahr 2019 wünsche ich mir mehr Esprit und Leidenschaft im ökumenischen Beziehungsleben! Raus aus der Komfortzone und wieder neugierig auf die anderen werden: Es gibt noch viel zu entdecken und voneinander zu lernen!

Von Pater Nikodemus Schnabel

Der Autor

Pater Nikodemus Schnabel OSB ist Benediktinermönch der Dormitio-Abtei in Jerusalem.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.