Seelsorge für klassische Wallfahrer und Wintersportler

Wallfahrtsorte: Zwischen Neuevangelisierung und Tourismus

Aktualisiert am 09.02.2019  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Große Gruppen frommer Katholiken, die gemeinsam eine Fußwallfahrt antreten? Das wird selbst im bayerischen Altötting oder im Kloster Einsiedeln weniger – dafür steigt die Zahl der Individualpilger. Ziel der Seelsorger vor Ort: aus Touristen Pilger werden zu lassen.

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Prälat Günther Mandl ist sich sicher: "Wallfahrtsorte sind Leuchttürme in rauer See!" Mandl muss es wissen, denn neben seinen Ämtern als Pfarrer und Stiftspropst ist er Wallfahrtsrektor in Altötting, einem der bedeutendsten Wallfahrtsorte Deutschlands. Der Rückgang der Priester- und Ordensberufungen, eine sinkende Zahl von Gottesdienstbesuchern und der Missbrauchsskandal – die Krise der Kirche habe viele Namen, konstatiert Mandl. Doch auch in dieser "düsteren Zeit" fänden zahlreiche Menschen den Weg nach Altötting. "Sie wollen hier gestärkt und ermutigt werden", weiß der Wallfahrtsrektor.

Doch auch Mandl muss zugeben, dass die Pilgerzahlen in dem bayerischen Wallfahrtsort in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen sind. "Derzeit kommen ungefähr eine halbe Million Gläubige in Pilgergruppen, die meisten aus Pfarreien oder kirchlichen Gruppen." Diese Pilger könne man erfassen, weil sich die Gruppen bei der Wallfahrtsleitung anmelden. Einige traditionelle Fußwallfahrten hätten noch zwischen 8.000 und 10.000 Teilnehmer, doch die meisten Pfarrwallfahrten seien "nicht mehr üppig". Da immer mehr Individualpilger Altötting besuchen, sei die Gesamtzahl der tatsächlichen Wallfahrer jedoch höher: "Wir schätzen, dass so bis zu eine weitere halbe Million dazukommt", so Mandl. Gerade für die Einzelpilger biete man eine bessere Betreuung, etwa durch einen Infostand auf dem Kapellplatz, spezielle Impulskatechesen oder Besucherführungen. Besonders beliebt seien Einzelsegnungen, sagt der Altöttinger Wallfahrtsrektor. "Die Gläubigen lieben die Handauflegung."

Bild: ©privat

Der Altöttinger Wallfahrtsrektor Prälat Günther Mandl segnet bei der Gandenbildverehrung im Jahr 2018 ein Mädchen.

Auch der Papst hat die große Bedeutung erkannt, die Wallfahrtsorte wie Altötting für die einzelnen Gläubigen haben können. Franziskus möchte Pilgerstätten zu Orten der Neuevangelisierung machen. Deshalb regelte er im Februar 2017 innerhalb des Vatikans die Zuständigkeit für Wallfahrtsorte neu. Sie ging mit seinem Schreiben "Sanctuarium in Ecclesia" von der Kleruskongregation auf den Päpstlichen Rat zur Förderung der Neuevangelisierung über. Da Wallfahrtsorte bei vielen Pilgern durch Einkehr und Stille "die Sehnsucht nach Gott" aufkommen lassen, wie der Papst in seinem Motu Proprio schreibt, seien sie aufgerufen, "eine Rolle bei der Neuevangelisierung der heutigen Gesellschaft zu spielen".

Papst: Wallfahrtsorte sind Stütze für Engagement in Pfarrei

Den neuen Verantwortlichen für die Wallfahrtsorte schrieb er in "Sanctuarium in Ecclesia" ins Stammbuch, die Rolle dieser "Zufluchtsorte" zu stärken. Sie seien so bedeutsam, da sie den Pilgern "eine Stütze für ihren täglichen Weg in der Pfarrei" seien. Deshalb solle sich der Rat für die Neuevangelisierung besonders um eine gute Ausbildung der Mitarbeiter der Pilgerorte und "tragfähigen geistlichen und kirchlichen Beistand" kümmern. Nur so könnten die Pilger aus den gemachten Erfahrungen "die größtmögliche persönliche Frucht" ziehen.

Bild: ©Jean-Marie Duvoisin

Pater Philipp Steiner OSB lebt in Kloster Einsiedeln (Schweiz). Der Wallfahrtspater ist Ansprechpartner für die Menschen, die zur Schwarzen Madonna nach Einsiedeln pilgern.

Auch Pater Philipp Steiner vom Kloster Einsiedeln möchte, dass die Pilger in dem Schweizer Marienwallfahrtsort tiefe religiöse Erfahrungen machen können. "Die Besucher sollen merken, dass Einsiedeln ein Ort des Gebets ist", sagt der Wallfahrtspater. "Wenn auch leider nicht immer der Stille", fügt er hinzu. Denn statt der klassischen Gemeindewallfahrten, mit denen im vergangenen Jahr etwa 100.000 Menschen nach Einsiedeln pilgerten, kämen auch vermehrt Einzelpilger und Touristen – etwa aus den nahen Wintersport-Gebieten. "Wir sehen manchmal Menschen, die im Ski-Anzug ein Kerzli anzuzünden", berichtet Steiner von den Einzelpilgern. Steiner schätzt die Zahl der Individualpilger auf etwa 700.000 Besucher.

Damit die Besucher den Weg nach Einsiedeln finden, sei eine gute Pressearbeit wichtig: "Früher lief die Wallfahrt von alleine, heute muss man etwas dafür tun, dass die Pilger kommen", fass Steiner die Situation zusammen. Man stehe in regem Kontakt mit den Pfarrgemeinden, aber auch mit Presse, Radio und Fernsehen und habe selbstverständlich eigene Internetseiten. Zudem sei die Zusammenarbeit mit dem Tourismusverband und dem Bezirk Einsiedeln von großer Bedeutung, denn die Kommune habe das touristische Potential der Wallfahrt entdeckt.

Herausforderung Seelsorge für Einzelpilger

Angesichts der vielen Individualpilger sei es teilweise eine Herausforderung, ihnen die Bedeutung des Marienwallfahrtsortes nahe zu bringen. "Einige kommen ohne religiöses Interesse", weiß der Benediktinerpater. Sie würden von der schönen Natur oder dem barocken Kirchengebäude angezogen. Um die Einzelpilger besser anzusprechen, versuche man in der Seelsorge und im Programm auf sie einzugehen. "Wir bieten niederschwellige Gebete an und wollen als Mönche für die Pilger präsent sein", so Steiner. Schließlich sei die Verbindung von Wallfahrt und Benediktinerkloster ein Charakteristikum des Ortes und für viele Pilger auch ein Grund, nach Einsiedeln zu kommen.

Bild: ©Wolfgang Radtke/KNA

Die Stiftskirche der Benediktinerabtei Einsiedeln. Zu dem Schweizer Marienwallfahrtsort pilgern jährlich etwa 100.000 Menschen; hinzu kommen rund 700.000 Besucher, die Touristen oder Individualpilger sind.

Für spezielle Zielgruppen, wie etwa Kinder und Jugendliche, gebe es besondere Angebote: "Seit 2017 bieten wir für sie den 'Monkstrail' an, eine Art Stationslauf durch die Welt der Mönche." Steiner ist es wichtig zu betonen, dass die Mönche nicht missionieren wollen. "Wir drängen uns nicht auf", sagt er.

Der Wallfahrtsrektor aus Altötting sieht das etwas anders: "Wir wollen die Pilger zur Jüngerschaft auffordern", beschreibt Mandl seinen Anspruch. Auch wenn immer mehr Touristen nach Altötting kämen, bedeute das nicht, dass sie nicht für den religiösen Charakter des Ortes offen wären. Deshalb versuche man, "aus Touristen Pilger werden zu lassen" und diese mit der christlichen Botschaft im Gepäck "in die Regionen entlassen, aus denen Sie nach Altötting gekommen sind". Mandl erhofft sich ein "neues Pfingsten" für die Kirche – auch durch den Einfluss der Wallfahrtsorte.

Von Roland Müller

Dossier: Pilgern: Auf dem Weg zu Gott

Ob nach Lourdes, Fatima, Santiago oder Kevelaer: Jährlich pilgern etwa 40 Millionen Christen. Katholisch.de stellt die Tradition der Wallfahrt, wichtige Bräuche und bekannte Pilgerziele vor.