Theologisches Leuchtfeuer im ehemaligen Leichenschauhaus
Katholische Theologie künftig an der Berliner Humboldt-Universität

Theologisches Leuchtfeuer im ehemaligen Leichenschauhaus

Während anderswo über Zusammenlegungen und Schließungen katholischer Fakultäten diskutiert wird, eröffnet im Herbst an der Berliner Humboldt-Universität ein neues Institut für Katholische Theologie. Die Verantwortlichen setzen große Hoffnungen in die Einrichtung – die zudem einen ganz besonderen Schatz beherbergen wird.

Von Steffen Zimmermann |  Berlin - 09.04.2019

Fans und aufmerksamen Lesern der Gereon-Rath-Krimis von Volker Kutscher ist die Hannoversche Straße 6 in Berlin gut bekannt. Hierher verschlägt es den aus dem katholischen Rheinland stammenden Kriminalkommissar immer dann, wenn er einen neuen Mordfall zu lösen hat – denn hier hat das Leichenschauhaus seinen Sitz. Kurz nach dem Auffinden einer Leiche fährt Rath in den Büchern der erfolgreichen Krimireihe meist sehr bald zu dieser Adresse, um von Gerichtsmediziner Magnus Schwartz erste Informationen über die Todesursache der Mordopfer sowie mögliche Hinweise auf den oder die Täter zu bekommen.

Doch nicht nur in den Rath-Krimis, die unter dem Titel "Babylon Berlin" inzwischen auch dem Fernsehpublikum bekannt sind, dient die Hannoversche Straße 6 als Standort der Gerichtsmedizin. Auch im realen Berlin war das Grundstück in unmittelbarer Nachbarschaft zum bekannten Dorotheenstädtischen Friedhof viele Jahrzehnte lang Sitz der Rechtsmedizin der Charité. Noch bis vor wenigen Jahren spürten Forensiker hier in einem Ende des 19. Jahrhunderts errichteten Gebäude ungeklärten und überraschenden Todesfällen nach.

Altehrwürdiges Haus mit neuer Bestimmung 

Ab dem kommenden Wintersemester soll das altehrwürdige Haus, das nur wenige Schritte von der Katholischen Akademie Berlin entfernt liegt, nun eine gänzlich andere Bestimmung erfahren. Zum 1. Oktober nimmt dort das neue Institut für Katholische Theologie der Humboldt-Universität (HU) seinen Lehrbetrieb auf. Bereits im September vergangenen Jahres hatte der Akademische Senat der HU der Errichtung des Instituts zugestimmt, vor wenigen Tagen informierten die Verantwortlichen nun erstmals über Details.

Linktipp: Fortschritt für Katholisches Institut an Humboldt-Uni

Der Akademische Senat der Berliner Humboldt-Universität hat der Errichtung eines Katholischen Instituts an der Hochschule zugestimmt. Auch ein Starttermin steht bereits. Dennoch muss noch eine Hürde genommen werden. (Artikel von September 2018)

Demnach wird ab Oktober zunächst ein Bachelorstudiengang Katholische Theologie angeboten; bis zum Wintersemester 2020/2021 sollen ein Masterstudiengang Katholische Theologie sowie ein neuartiger Mono-Bachelorstudiengang "Religion und Gesellschaft" folgen. Letzterer soll nach Aussage von Gründungsdirektor Johannes Helmrath theologische Antworten auf aktuelle gesellschaftliche Fragen suchen und ein Herzstück des neuen Instituts sein. Insgesamt soll das Theologiestudium an der HU für Tätigkeiten im Schuldient, in der außerschulischen Bildungsarbeit in religiösen Organisationen, Verbänden, Medien und der Wissenschaft qualifizieren. Priester werden hier hingegen bis auf Weiteres nicht ausgebildet.

Der Lehrbetrieb wird im Herbst voraussichtlich mit bis zu 40 Studierenden starten. Unter ihnen sind dann auch Studierende der Freien Universität (FU), denn das dort bislang noch existierende Seminar für Katholische Theologie wird zugunsten des neuen Instituts in der Hannoverschen Straße aufgelöst. Die Eingliederung der FU-Studierenden solle reibungslos funktionieren, so die Verantwortlichen – auch deshalb, weil der Bachelorstudiengang an der HU in allen Fachsemestern starten wird.

Institut soll neue Wege theologischer Forschung und Lehre einschlagen

Ausgestattet wird das neue Institut mit sechs Professuren. Damit kann es personell zwar nicht mit den großen katholischen Fakultäten in Deutschland mithalten, gleichwohl soll – so die gemeinsame Hoffnung von HU und Erzbistum Berlin – ein "forschungsstarkes Team aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern" exzellente Forschung und qualitativ hochwertige Lehre anbieten. Ob und wie dieser Anspruch konkret umgesetzt werden kann, wird sich erst nach Aufnahme des Lehrbetriebs zeigen.

Klar ist aber: Das Institut soll neue Wege theologischer Forschung und Lehre einschlagen. Gründungsdirektor Helmrath geizt deshalb nicht mit Superlativen: Das Institut solle ein "Leuchtfeuer" und "kulturelles Laboratorium" werden, eine "überfällige Erweiterung der Berliner Wissenschaftslandschaft".

Ursprünglich als Haus für die Rechtsmedizin der Charité gebaut, beherbergt das Gebäude in der Hannoverschen Straße 6 in Berlin ab Herbst 2019 das neue Institut für Katholische Theologie der Humboldt-Universität.

Mit Blick auf die theologischen Studiengänge komplettiert das neue Institut diese Wissenschaftslandschaft sogar. Neben der bereits seit der Gründung der HU bestehenden Evangelisch-Theologischen Fakultät existiert an der Universität Potsdam seit einigen Jahren das Institut für Jüdische Studien und Religionswissenschaft. Darüber hinaus wird an der HU parallel zum katholischen Institut derzeit auch ein Institut für Islamische Theologie gegründet. Damit werden die drei großen Weltreligionen künftig erstmals mit jeweils eigenen Wissenschaftseinrichtungen an den Hochschulen in der Hauptstadtregion vertreten sein.

Die Konzentration der Theologien an der HU ist dabei übrigens kein Zufall: Der Berliner Senat erhofft sich dadurch eine Förderung des Dialogs der Religionen in der Hauptstadt, so Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Krach (SPD). Für HU-Präsidentin Sabine Kunst nimmt die Universität auf diese Weise ihre gesellschaftliche Verantwortung für einen Diskurs der Religionen wahr. Auf dem Weg dorthin zeige sich schon, "wie ertragreich dies für Berlin und vielleicht auch für Deutschland werden kann".

Koch: Fühle mich wie vor meinem ersten Studiensemester

Welche Personen das neue Institut für Katholische Theologie prägen werden, ist derzeit noch nicht bekannt; die Berufungsverfahren für die Professuren sind noch in vollem Gange. Beworben hatten sich nach Auskunft der HU rund 140 Wissenschaftler, von denen am Ende 22 – darunter ein Drittel Frauen – in die engere Auswahl gekommen sind. Zu besetzen sind Lehrstühle für Biblische, Historische, Systematische und Praktische Theologie sowie für Theologische Ethik. Hinzu kommt die bisher an der evangelischen HU-Fakultät angesiedelte Guardini-Stiftungsprofessur für Religionsphilosophie und Theologische Ideengeschichte, die mindestens bis 2022 weiter von der Guardini-Stiftung finanziert wird.

Der vielleicht größte Fan des neuen katholischen Instituts ist der Berliner Erzbischof Heiner Koch. "Ich fühle mich ein wenig wie vor meinem ersten Studiensemester, voller Neugier und sehr gespannt auf das, was hier entsteht", sagte Koch vor wenigen Tagen. Er sei gespannt auf den offenen und gleichzeitig kritischen Dialog mit den anderen Theologien, der Philosophie und anderen Humanwissenschaften sowie den Naturwissenschaften. "Ich freue mich auf den wissenschaftlichen Streit um das Bild vom Menschen und die Frage nach Gott, ich freue mich auf bio- und medizinethische Debatten, gerade auch angesichts der Nachbarschaft des Instituts zur Charité", so der Erzbischof.

Linktipp

Weitere Informationen zum neuen Institut für Katholische Theologie, unter anderem zur Organisationsstruktur und zur inhaltlichen Ausrichtung des Instituts, finden sie auf der Internetseite der Berliner Humboldt-Universität.

Koch hatte sich lange für den Ausbau der katholischen Theologie in Berlin stark gemacht – und verbindet nun große Hoffnungen mit dem Start des neuen Instituts. Die Präsenz der Theologien an den Berliner Universitäten sei eine wichtige Integrations- und Inklusionsaufgabe. "Ein gedeihliches und friedliches Miteinander in unserer Gesellschaft setzt voraus, dass wir uns vernünftig über Weltanschauung und Glauben verständigen, dass wir uns über unterschiedliche Perspektiven und Motive austauschen", so der Oberhirte.

Privatbibliothek von Kardinal Lehmann für das neue Institut

Dem Engagement des Erzbischofs für das neue Institut ist übrigens ein besonderer Schatz zu verdanken: Auf Initiative Kochs vermachte der im März vergangenen Jahres verstorbene Mainzer Kardinal Karl Lehmann dem Institut seine 36.000 Bände umfassende Privatbibliothek. Er habe ihn immer wieder darauf angesprochen, so Koch. "Ich habe Dich schon verstanden", habe ihm der frühere Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Zeit seines Lebens wissenschaftlich engagiert war, dann bei ihrer letzten Begegnung gesagt.

Lehmanns Bücher seien ein unschätzbares Startkapital für das Institut. Noch viel wichtiger sei jedoch die Geste, die dieses Vermächtnis bedeute. Über Jahrzehnte habe Kardinal Lehmann Berlin als Standort für Katholische Theologie nicht aus dem Blick verloren. "In seinem Geist soll das Institut Theologie treiben", so Koch.

Von Steffen Zimmermann