Kurienkardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen
Skepsis gegenüber Institutionen habe zugenommen

Kardinal Koch: Sorge über wachsende Zahl an Kirchenaustritten

Auch wegen des Missbrauchsskandals hat in den vergangenen Jahren die Zahl der Kirchenaustritte drastisch zugenommen. Darüber zeigt sich Kardinal Koch sehr besorgt und fordert "absolute Priorität" für die Opfer.

Zürich/Rom - 06.04.2019

Der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch hat sich besorgt über die Zahl der Kirchenaustritte geäußert. Im Vordergrund stehe jedoch "trotz allem die Seelsorge, nicht die 'Zählsorge'", sagte er dem Schweizer "Migros-Magazin". Grundsätzlich habe die Skepsis gegenüber Institutionen zugenommen. "Wenn man aus dem Staat austreten könnte, würden das vermutlich viele tun", so der Präsident des Päpstlichen Einheitsrates. In vielen europäischen Ländern sind die Kirchenaustritte im vergangenen Jahr deutlich angestiegen. So hatte sich 2018 diese Zahl in den zehn größten deutschen Städten um 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr erhöht.

Mit Blick auf den Umgang mit Missbrauchsfällen innerhalb der Kirche hob er die "absolute Priorität der Opfer" hervor: "Auf sie muss man hören, ihnen muss man helfen". Für die Täter dürfe es Null Toleranz geben, zudem müsse aktive Präventionsarbeit geleistet werden.

Koch: Papst ist wie ein Bergführer

Allerdings erschwere die globale Präsenz der Kirche die Lösung solcher Probleme, weil die kulturellen Sensibilitäten so unterschiedlich seien. Die Leitung der Universalkirche sei mit vielen Spannungen verbunden; die Rolle des Papstes gleiche der eines Bergführers. "Mal muss er vorausgehen und den Weg zeigen, ein anderes Mal geht er ganz hinten, um zu schauen, dass niemand zurückbleibt, und manchmal muss er in der Mitte bei allen sein. Eine schwierige Aufgabe, um die ihn niemand beneidet."

Die Lage der Kirche sei je nach Kontinent unterschiedlich. In Europa und auch in der Schweiz befinde sich das Christentum insgesamt in keiner einfachen Situation. Anders als früher sei Religion kein öffentliches Thema mehr, sondern Privatsache. Die Kirche müsse sich angesichts der gesellschaftlichen Herausforderungen immer wieder neu positionieren, sonst bestehe die Gefahr, dass ihre Botschaft nicht mehr gehört werde. Es sei aber auch wichtig, dass sie sich in aktuelle Debatten einbringe, ihre Position - etwa zu Migration, Armut, Terrorismus und Klimawandel - deutlich mache und zeige, dass die christliche Perspektive weiterhin relevant sei. (rom/KNA)