Vor 100 Jahren wurde die argentinische First Lady "Evita" geboren

Eva Perón – "Heilige der Armen" oder geltungssüchtige Populistin?

Aktualisiert am 07.05.2019  –  Lesedauer: 

Frankfurt am Main ‐ Viele Argentinier verehrten sie als "heilige Evita". Aus einfachen Verhältnissen stammend setzte sich Eva Perón für Bedürftige und alleinerziehende Mütter ein. Der Personenkult um sie war so mächtig, dass ihre Gegner später gar ihren Leichnam entführen ließen.

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Ein Mädchen aus einfachen Verhältnissen steigt binnen weniger Jahre zur mächtigsten Frau Argentiniens auf. Eine mittelmäßige Schauspielerin, kaum gebildet, unsicher im Auftreten, wandelt sich zur umjubelten Lichtgestalt: Eva Péron, Frau des argentinischen Präsidenten Juan Domingo Perón. Aufopferungsvoll setzt sie sich für die Armen ein, agiert als politische Strippenzieherin und setzt zugleich Maßstäbe bei Mode und Stil.

Vor 100 Jahren, am 7. Mai 1919, wird die spätere Präsidentengattin in dem Örtchen Los Toldos geboren. Das unehelich geborene Kind wächst unter schwierigen Umständen auf, Magazine und Kinofilme lassen sie von Glamour und einer Schauspielkarriere träumen.

Sie ist 15, als sie aus der Provinz in die Hauptstadt Buenos Aires flieht. Dort ergattert sie kleine Theater- und Filmrollen, wird Sprecherin von Radio-Hörspielen, erscheint auf dem Cover einer Frauenzeitschrift - und erkämpft sich so die Bekanntheit eines B-Promis. "Ihre Hartnäckigkeit war offenbar größer als ihr Talent", schreibt die Lateinamerikanistin Ursula Prutsch in ihrer Biografie "Eva Perón - Leben und Sterben einer Legende".

Eva Duarte, wie sie damals noch hieß, sucht die Nähe zu Einflussreichen und Mächtigen. Den Oberst Juan Domingo Perón, der sich mit anderen Offizieren 1943 an die Macht geputscht hat und Staatssekretär für Arbeit ist, lernt sie bei einer Spendengala kennen. Sie werden ein Paar, zunächst heimlich - und der ambitionierte Oberst fördert fortan ihre Karriere: Sie wird unter anderem Sprecherin von Propaganda-Radiosendungen des Arbeitsministeriums.

Argentinien ist mit einem Pin auf dem Globus markiert
Bild: ©Fotolia.com/Zerophoto

Das Land Argentinien auf dem Globus.

Das politische Programm Peróns, der aufmerksam den italienischen Faschismus beobachtet hat, zielt darauf ab, mit Hilfe großzügiger Sozialprogramme die Unterstützung der Arbeiterschaft zu gewinnen. Er sucht einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus, plant einen autokratischen Wohlfahrtsstaat.

1945 geht Perón aus Machtkämpfen, die seinen Aufstieg fast jäh beendet hätten, gestärkt hervor, weil er die Massen der Industrie- und Landarbeiter für sich mobilisieren kann. Kurz darauf heiratet der Oberst Eva Duarte, die sich nun der Karriere ihres Mannes widmet. Sie unterstützt ihn im Präsidentschaftswahlkampf 1946, den er gewinnt. "Zum System Perón gehört der Populismus, die direkte Nähe des Führers zum Volk", schreibt Biografin Ursula Prutsch. Und Eva Péron - im Volksmund: Evita - kämpft mit fulminanten Reden für ihren Mann. "Sie war die Vermittlerin zwischen dem Führer und dem Volk."

Von der Vermittlerin zur Volksheiligen

Sie tritt für die armen "Hemdlosen" (Decamisados) ein, wettert gegen Oberschicht und Bildungsbürgertum. Diese Rhetorik der Polarisierung gilt als zentrales Element ihres Populismus. Sie hält ihre eigene Herkunft hoch, um ihre Nähe zum Volk zu demonstrieren - während sie gleichzeitig edle Kleider und teuren Schmuck zur Schau stellt, die sie zur Mode-Ikone machen. Ihre Gegner verdammen sie als vulgär und geltungssüchtig.

Den Mythos einer "Volksheiligen" begründet sie vor allem mit ihrer Stiftung, die sie 1948 ins Leben ruft. Dort empfängt sie Bedürftige, erfüllt materielle Wünsche. Vor allem präsentiert sie sich nahbar, umarmt die Kranken und Leidenden. "Evita zu berühren war für viele Menschen wie den Himmel zu berühren", schreibt der Autor Tomas Eloy Martínez in seinem biografischen Roman "Santa Evita". Für alleinerziehende Mütter setzt sich die Stiftung besonders ein.

Papst Franziskus wedelt mit einer argentinischen Flagge.
Bild: ©KNA

Der erste Südamerikaner auf dem Papstthron: Franziskus schwenkt lächelnd die Flagge seines Heimatlandes Argentinien.

Weil der Peronismus unter der weiblichen Bevölkerung besonders viel Rückhalt hat, führt die Regierung das Frauenwahlrecht ein, das Perón 1951 die Wiederwahl sichert. Ihre Anhänger drängen Evita zur Kandidatur für das Vizepräsidentenamt, doch sie lehnt ab. Inzwischen ist sie an Gebärmutterhalskrebs erkrankt. "Ich verzichte nicht auf den Kampf und die Mühen, sondern auf die Ehre", verkündete sie in einer emotionalen Radioansprache.

Ihr früher Tod ist ein zentrales Element der Mythenbildung, wie auch Thomás Eloy Martínez beschreibt. Zwischen Mai und Juli 1952 zog sich ihr Sterben öffentlich als nationale Tragödie hin. "Viele Menschen glaubten, die Vorboten der Apokalpyse zu erkennen", heißt es im Roman "Santa Evita". Nach ihrem Tod mit 33 Jahren wird sie einbalsamiert und aufgebahrt im Haus des Gewerkschaftsbundes CGT - dort soll der Leichnam bleiben, bis ein monumentales Mausoleum gebaut worden ist.

Ikone in Argentinien - und der Welt

Dazu kommt es jedoch nicht mehr. 1955 wird Perón gestürzt. Die neuen militärischen Machthaber lassen Evitas Leiche verschwinden und in Italien unter falschem Namen bestatten. Jahrelang wissen nur wenige Eingeweihte, wo die sterblichen Überreste geblieben sind. Erst 1974 kommt die einbalsamierte Evita nach Argentinien zurück, auf Druck militanter Peronisten.

Zur globalen Pop-Ikone wird sie rund ein Vierteljahrhundert nach ihrem Tod: Das Musical "Evita" von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice liefert 1978 den Soundtrack zur Mythenbildung: "Don't cry for me Argentina". Das Werk gilt aber zugleich als kritisch, weil es das Wirken der Autokratengattin in erster Linie als kalkulierte Polit-Show darstellt. Mit Madonna in der Hauptrolle wird "Evita" 1996 verfilmt.

Eva Perón habe für ein starkes Wir-Gefühl gestanden, das Feindbilder sucht und findet, urteilt Ursula Prutsch. Die Biografin sieht Evita, die bis heute die Argentinier polarisiert, nicht als reine Selbstdarstellerin, der das Politische nur als Vorwand für die eigene Inszenierung diente: "Dass sie tatsächlich das Elend beseitigen und den Unterschichten materiellen Aufstieg ermöglichen wollte, ist ihr - und Juan Perón - durchaus zuzugestehen."

Von Stefan Fuhr (epd)