Betende Hände vor einem Malteserkreuz
Bild: © KNA
Malteser-Großkanzler über die Zukunft des Ordens

Boeselager: Eine große Mehrheit ist inzwischen für Reformen

Der Malteserorden hat turbulente Jahre mit vielen internen Querelen hinter sich. Inzwischen aber ist es ruhiger geworden. Im Interview spricht Großkanzler Albrecht Freiherr von Boeselager über aktuelle Reformen und die Zukunft des Ordens.

Von Joachim Heinz (KNA) |  Rom - 21.05.2019

Anfang des Monats hat das Generalkapitel des Malteserordens eine neue Leitung gewählt. Der Deutsche Albrecht Freiherr von Boeselager bleibt für weitere fünf Jahre Großkanzler des Ordens, der als Völkerrechtssubjekt diplomatische Beziehungen zu anderen Staaten pflegen kann und weltweit in der humanitären Hilfe tätig ist. Im Interview erläutert der 69-Jährige, was aktuell auf der Agenda steht. Und wie sich der Orden in Zukunft aufstellen will.

Frage: Herr von Boeselager, wo sehen Sie die künftigen Schwerpunkte bei der humanitären Hilfe des Malteserordens?

von Boeselager: Wir werden unsere Bemühungen fortsetzen und tun, was wir können, um einerseits der zunehmenden Zahl der Menschen, die von Krieg und Klimawandel, von Flucht und Armut betroffen sind, zu helfen. Und andererseits im politischen Umfeld darauf hinzuwirken, dass Würde und Rechte dieser Menschen geachtet werden.

Frage: In Europa stehen Wahlen an. Es scheint, dass manche Populisten diese Würde und Rechte am liebsten nur auf einen bestimmten Personenkreis beschränken würden. Was setzen die Malteser dem entgegen?

von Boeselager: Wir bestehen darauf, zuerst die Fakten anzuschauen, sie zur Kenntnis zu nehmen. Frei von Emotionen und ohne sie direkt weltanschaulich oder moralisch zu bewerten. Die Zahl derer, die nach Europa kommen hat stark abgenommen. Dagegen wächst die Problematik in den Krisenländern und bei ihren Nachbarn. Außerdem ist es wichtig, persönliche Geschichten der Menschen zu erzählen, die unsere Hilfe brauchen oder die sich auf den Weg nach Europa machen. Wenn wir ihre Motivation verstehen, wächst auch das Mitgefühl – das zumindest bleibt meine Hoffnung.

Frage: Welche Regionen bereiten Ihnen besondere Sorgen?

von Boeselager: Afrika ist ein Schwerpunkt, der immer mehr hervortritt. Während in vielen Teilen der Welt die Armut zurückgeht, ist das in Afrika – von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen – nicht der Fall. Hinzu kommt die Krise im Nahen Osten, wo sich immer noch keine Lösung abzeichnet. Im Gegenteil spitzt sich die Lage im Nordwesten Syriens gerade wieder zu.

Frage: Haben Sie derzeit überhaupt Chancen, die Menschen im umkämpften Idlib zu erreichen?

von Boeselager: Durch die jüngsten Kämpfe ist das noch schwieriger geworden, als es ohnehin schon war.

Linktipp: Boeselager als Großkanzler der Malteser bestätigt

Seit 2014 hatte er den Posten inne, wurde aber 2016 aufgrund interner Querelen zeitweise für abgesetzt erklärt: Nun hat das Generalkapitel des Malteserordens den Deutschen Albrecht von Boeselager als Großkanzler bestätigt.

Frage: Könnte der Malteserorden seine politischen Kontakte spielen lassen, um zur Lösung des Konflikts beizutragen?

von Boeselager: In Syrien lässt sich mit unseren Mitteln und Möglichkeiten auf diesem Gebiet wenig ausrichten. Da sind sehr viel Mächtigere als wir vollkommen machtlos.

Frage: Vielleicht wären für solche und andere Krisen in der Region engere Kontakte mit dem Islam hilfreich.

von Boeselager: Wir sind dabei, mit Vertretern anderer Religionen über die Geltung humanitärer Prinzipien in den jeweiligen Religionen ins Gespräch zu kommen. Dabei wollen wir uns in der Tat zunächst auf den Islam konzentrieren.

Frage: Gibt es schon erste Ergebnisse?

von Boeselager: Dafür ist es noch zu früh. Aber es haben bereits Treffen mit hochrangigen Vertretern stattgefunden.

Frage: Blicken wir auf den Orden selbst. Vor zweieinhalb Jahren wollte Sie der damalige Großmeister Matthew Festing als Großkanzler entlassen, es begann ein Reformprozess. An welchem Punkt stehen die Malteser jetzt?

von Boeselager: Die wesentlichen Punkte, die einer neuen Betrachtung bedürfen, sind identifiziert. Es liegen konkrete Vorschläge auf dem Tisch, teilweise auch schon in Artikelform. Das muss jetzt im Orden diskutiert und, soweit es den Charakter des Ordens als "Religiösen Orden" betrifft, mit dem Vatikan abgestimmt werden. Mein grundsätzlicher Eindruck ist: Wir kommen einem Konsens näher – und eine große Mehrheit der Mitglieder ist inzwischen für Reformen.

Bild: © Malteserorden

Albrecht von Boeselager ist Großkanzler des Souveränen Malteserordens.

Frage: Können Sie Beispiele nennen, in welche Richtung die Reise geht?

von Boeselager: Wir wollen zum Beispiel der weltweiten Ausdehnung des Ordens besser Rechnung tragen und eine größere Repräsentanz der einzelnen Regionen erreichen.

Frage: Wie steht es um die Rolle der Frau?

von Boeselager: Beim jüngsten Generalkapitel waren drei Frauen zugegen. In den Regierungsrat, unser oberstes Beratungsgremium, ist zum allerersten Mal überhaupt eine Frau gewählt worden, dazu noch ein Vertreter der Jugend.

Frage: Was ist mit dem Ersten Stand des Ordens, den sogenannten Professrittern? Hier hatte Papst Franziskus einen Aufnahmestopp verfügt.

von Boeselager: Die Professritter geloben Armut, Keuschheit und Gehorsam, mussten aber in den vergangenen rund zwei Jahrhunderten in einem zivilen Beruf ihr Auskommen suchen, weil der Orden sie nicht mehr finanziell absichern konnte. Unter solchen Bedingungen war ein echtes Ordensleben nur schwer möglich. Hier wünscht der Papst eine Klärung: Die Regeln für die Professritter sollen in Einklang mit dem Kirchenrecht gebracht werden.

Frage: Ist eine Lösung des Problems in Sicht?

von Boeselager: Ich bin zuversichtlich aber ich bin kein Prophet hinsichtlich der Dauer. Wie bereits gesagt, bedürfen die Bestimmungen für die Professritter auch der Zustimmung des Heiligen Stuhls.

Von Joachim Heinz (KNA)