Der Vatikan ist verwaist - Kardinäle tauschen sich im "Vor-Konklave" aus

Nachfolger gesucht

Aktualisiert am 02.03.2013  –  Lesedauer: 
Kardinäle im Gespräch.
Bild: © KNA
Sedisvakanz

Vatikanstadt ‐ Die katholische Weltkirche ist kopflos, Joseph Ratzinger ein Papst außer Dienst. Von seiner mächtigen Residenz Castel Gandolfo über dem Albaner See aus kann er in den nächsten Tagen zurückgelehnt verfolgen, wie die Suche nach seinem Nachfolger Fahrt aufnimmt. Ein "harmonisches Orchester" sollten sie bitte sein, so hat er es seinen Kardinälen zum Abschied noch geraten.

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Doch diesen Ratschlag dürfte so mancher Purpurträger in den Wind schlagen. Das Kardinalskollegium erwartet ein ganzer Berg brisanter Fragen, wenn es von Montag an in der Synoden-Aula des Vatikans das Konklave vorbereitet. Knapp acht Jahre nach der letzten Wahl eines Pontifex geht es um nicht weniger als den Zukunftskurs der Kirche.

Geopolitischer Kräfteverschiebung Rechnung tragen

Alle Welt spricht zwar inzwischen davon, dass die Zeit gekommen sei, der geopolitischen Kräfteverschiebung endlich Rechnung zu tragen und einen afrikanischen, asiatischen oder lateinamerikanischen Pontifex auf den Stuhl Petri zu setzen. Auf diesen Kontinenten wächst die Kirche der 1,2 Milliarden Gläubigen, ist sehr lebendig. Die einstige katholische Hochburg Europa zeichnet sich hingegen zunehmend durch Glaubensferne aus. Allerdings dürften europäische - und dabei vor allem italienische - Kardinäle den Kurs ganz wesentlich bestimmen, wenn die bis zu 115 Wahlberechtigten in der Sixtinischen Kapelle abstimmen.

Schon die Frage, wann die Wahl des Benedikt-Nachfolgers beginnen soll, kann kirchenpolitische Tragweite haben. Im offiziellen Brief des Kardinaldekans Angelo Sodano an die mehr als 200 Kardinäle steht es klipp und klar - erst wenn alle Wahlberechtigten versammelt sind, soll darüber entschieden werden. Eine ganze Menge Purpurträger haben schon davor gewarnt, sich gleich in die Wahl zu stürzen. Vieles sei vorher zu diskutieren - die Krisen des Vatikans in Benedikts Pontifikat und die Lage der Weltkirche -, um dann personelle Profile zu erstellen. Wer soll dieses "Schifflein" lenken, von dem Benedikt gesprochen hat? Eine überstürzte Wahl kann dabei anstreben, wer so ganz rasch einen Kandidaten durchboxen will.

Kandidatenkarussell dreht sich

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Video: © Peter Philipp und Sarah Schortemeyer

Der Petersplatz während der letzten Stunden des Pontifikats von Benedikt XVI. Zunächst wirkt alles wie an einem normalen Tag, dann nehmen zahlreiche Pilger tiefbewegt Abschied von ihrem Papst.

Das Kandidatenkarussell dreht sich in Rom, und es könnte sehr wohl ein Europäer sein, der da bald auf dem Stuhl Petri sitzt. Nicht nur sind 60 Papst-Wähler europäisch. Die "alte Welt" stellt Spitzenmänner wie den Erzbischof von Budapest, Péter Erdő, den Wiener Erzbischof Christoph Schönborn oder dessen Mailänder Kollegen Angelo Scola. Den Wiener nennen italienische Medien "ratzingeriano" - was auch daran erinnert, dass mehr als die Hälfte der Papst-Wähler, nämlich 67, in den knapp acht Jahren des Pontifikats von Benedikt zum Kardinal ernannt worden sind.

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Video: © Sarah Schortemeyer und Peter Phillipp

Hans-Peter Fischer, Direktor des Campo Santo Teutonico, über die letzte Generalaudienz von Papst Benedikt XVI.

Großes Gewicht vor der Stimmabgabe haben auch die erfahrenen über 80-jährigen Purpurträger. "Sie wählen nicht, aber sie zählen", auf diese kurze Formel bringt es die Turiner Zeitung "La Stampa".

Keine unterschwellige Botschaft

Eine "unterschwellige" Botschaft habe Benedikt den Kardinälen jedenfalls nicht für das Konklave mit auf den Weg gegeben, beteuert der Bostoner Erzbischof Sean O'Malley. Er gilt neben dem Kanadier Marc Ouellet und dem New Yorker Kardinal Timothy Dolan durchaus auch als "papabile", als papsttauglich. Fällt die Wahl der Kardinäle auf einen Papst aus der nördlichen Hemisphäre, dann stünden die Chancen nicht schlecht, dass kein allzu konservativer Pontifex den Bewahrer Benedikt ablöst. Für den Zukunftskurs der Kirche könnte entscheidend sein, dass der nächste Papst den "Apparat" in Rom kennt - und reformiert.

Zunächst einmal geht es in der nächsten Woche aber darum, wann die mit Spannung erwartete Papstwahl beginnen kann und soll - bereits am 11. März etwa? Oder doch erst nach der sonst üblichen Wartezeit von 15 Tagen? "Ich weiß von einigen Kardinälen, dass sie erst Tickets buchen, wenn sie wissen, wann das Konklave beginnt", erklärte der Kirchenrechtler Markus Graulich dem "Radio Vatikan". Er würde das Konklave erst am 16. März eröffnen. Jedenfalls hätten die in Rom schon versammelten Kardinäle dann genug Zeit, im "Vor-Konklave" zu klären, was sie vom künftigen Oberhirten erwarten und was anders werden soll. Das Konklave selbst könnte dann umso kürzer ausfallen.

Hanns-Jochen Kaffsack (dpa)

Der Heilige Geist

Wer wird nach Benedikt XVI. auf dem Stuhl Petri sitzen? 117 Kardinäle werden im März über den kommenden Pontifex entscheiden. Katholisch.de erläutert die Hintergründe dieser wichtigen Kirchenversammlung und erläutert zentrale Begriffe.