Einer der größten Komponisten der Renaissance - und Wahlmünchner

Orlando di Lasso - Hundertzweimal Magnificat

Aktualisiert am 14.06.2019  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Als Roland de Lassus wurde er um 1530 im heute belgischen Mons geboren. Als Orlando di Lasso schrieb er Musikgeschichte. Vor 425 Jahren starb der in ganz Europa verehrte Komponist in München.

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Nein, aus München wollte er nicht mehr fortgehen. Ein Angebot des sächsischen Kurfürsten schlug er ebenso aus wie einen Ruf des französischen Königs nach Paris. Orlando di Lasso blieb dem bayerischen Hof treu. Seit 1557 war er dort als Chorsänger angestellt, wenige Jahre später rückte er zum Hopfkapellmeister auf. Das Amt behielt er rund 30 Jahre lang - bis zu seinem Tod am 14. Juni 1594, vor 425 Jahren.

Orlando hieß eigentlich Roland de Lassus, denn seine Wiege stand im damals niederländischen, heute belgischen Mons. Wann genau er dort geboren wurde ist unsicher, 1530 mag es gewesen sein, vielleicht auch 1532. Schon im Kindesalter fiel seine glockenhelle Knabenstimme auf. Zweimal, so heißt es, sollte er deshalb an einen fremden Hof entführt werden, doch die Eltern wussten das zu verhindern.

1544 dann ging alles einen offiziellen Weg. Ferrante Gonzaga, der musikbegeisterte Vizekönig von Sizilien, war im Gefolge Kaiser Karls V. nach Flandern gekommen - und auch er war berückt von der bezaubernden Stimme des jungen Roland. Mit dem Segen der Eltern nahm er ihn mit nach Italien. Mantua, Palermo und Mailand waren die ersten Stationen dieses mehrjährigen Aufenthalts. Neben seiner Tätigkeit als Chorknabe versuchte sich Roland auch an ersten eigenen Kompositionen.

Nach dem Stimmbruch quittierte er den Dienst bei Gonzaga. Er reiste nach Neapel, wo er Anstellung beim dortigen Bischof fand. In der süditalienischen Metropole lernte er eine reiche Volksmusiktradition kennen, die sein weiteres musikalisches Schaffen entscheidend prägen sollte.

Von Neapel ging es weiter nach Rom, wo das Talent des jungen Musikers schnell für Aufsehen sorgte. Kaum 20 Jahre alt wurde Orlando di Lasso, wie er sich fortan nannte, 1553 zum Kapellmeister an der Lateranbasilika ernannt. Vielleicht wäre er in der Ewigen Stadt geblieben, hätte ihn nicht die Kunde von einer schweren Erkrankung seiner Eltern erreicht. Kurzerhand kündigte er seine Stellung und reiste zurück nach Mons. Seine Eltern aber traf er nicht mehr lebend an.

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Nach kurzen Aufenthalten in Frankreich und England ließ sich di Lasso 1555 in Antwerpen nieder. Eine feste Anstellung fand er zunächst nicht, doch gelang es ihm - erstmals - einige seiner Werke drucken zu lassen. Und: In der Handelsmetropole Antwerpen lernte di Lasso den einflussreichen Augsburger Kaufmann Johann Jakob Fugger kennen, der den talentierten Musiker sofort dem Herzog in München weiterempfahl. Der Niederländer mit dem italienischen Namen wurde zum Wahlbayern - wozu auch die Ehe mit einer bodenständigen Landshuterin beitrug.

In München entstand ein Großteil von di Lassos kaum überschaubarem Werk. Weil er als Hofkapellmeister sowohl für die geistliche als auch die weltliche Musik zuständig war, umfassen seine Kompositionen nahezu alle damals bekannten Gattungen: Motetten, Madrigale, Lieder und Chansons, Messen, Passionen, Hymnen und Mariengesänge. Di Lasso komponierte für Messen und Andachten, für Staatsempfänge und die herzogliche Tafel - und regelmäßig wurde Neues von ihm erwartet. Allein das Magnificat vertonte di Lasso 102 Mal, 60 Messen stammen mit hoher Sicherheit aus seiner Feder, dazu über 500 geistliche und 110 weltliche Motetten.

Schon die Zeitgenossen lobten die Ausdrucksstärke von di Lassos Musik. Noch zu Lebzeiten erschienen Anthologien und Werkzyklen im Druck, die rasch in ganz Europa Verbreitung fanden. Bei aller Kunstfertigkeit im Ausgestalten der mehrstimmigen Sätze lag di Lasso immer der Text am Herzen, dem die Musik in seinen Augen zu dienen hatte. So liegen etwa Welten zwischen di Lassos eindringlichen geistlichen Motetten und ihren extrovertierten, prunkvollen weltlichen Pendants, die als Huldigungsmusiken bei Staatsempfängen aufgeführt wurden.

Bis heute hat dieser Stil nichts von seiner Faszinationskraft verloren, weshalb di Lassos Werke noch immer zum festen Repertoire von Chören und Vokalensembles zählen. Neben Giovanni Pierluigi di Palestrina gilt di Lasso als größter Komponist der Renaissance.

Von Andreas Laska (KNA)