Schachfigur
Standpunkt

Der Papst hat den deutschen Katholiken keinen Gefallen getan

An das "pilgernde Volk Gottes in Deutschland" war der mit Spannung erwartete Papstbrief adressiert. Dabei richte er sich gar nicht an die "normalen" Gläubigen, kommentiert Björn Odendahl. Auch sonst wage Franziskus nur eine Bestandsaufnahme aus der Ferne.

Von Björn Odendahl |  Bonn - 02.07.2019

Der Brief des Papstes an das "pilgernde Volk Gottes in Deutschland" kam überraschend. Interpretiert wurde er – nicht nur von den Bischöfen – auf die unterschiedlichste Weise: Die einen sehen eine Zustimmung und Unterstützung zum geplanten "synodalen Weg", schließlich ermuntert er "zur Suche nach einer freimütigen Antwort auf die gegenwärtige Situation". Für die anderen ist der Weg dagegen schon beendet, bevor er angefangen hat, wenn Franziskus anmahnt, sich nicht von der Weltkirche zu trennen oder gleich fünf Mal den Begriff "Sensus Ecclesiae" (Glaubenssinn der Kirche), aber nicht einmal den "Sensus fidei" (Glaubenssinn der Gläubigen) nennt.

So viel ist zumindest klar: An das "Volk Gottes", also auch den "normalen" Gottesdienstbesucher oder gar denjenigen, der der Kirche fernsteht, richtet sich dieser Brief entgegen seiner Adressierung nicht. Zu viel theologisches und kirchenpolitisches Wissen setzt dieser Brief voraus. Zu abgehoben ist die Sprache. Die Themen, die im Vorfeld für den "synodalen Weg" festgelegt wurden und die die Gläubigen umtreiben – der Zölibat, die Sexualmoral und die Rolle der Frauen – werden nicht einmal erwähnt. Weder positiv noch negativ.

Die Absicht dahinter ist klar. Der Papst ist Diplomat. Und er weiß, dass der deutsche Episkopat sich, obwohl er dem "synodalen Weg" ohne Gegenstimme und nur mit wenigen Enthaltungen sein "okay" gegeben hat, alles andere als einig ist: Wie wird der Prozess ablaufen? Welche Themen werden konkret verhandelt? Und vor allem: Kann dieser "synodale Weg" wirklich verbindlich für alle Diözesen sein?

Am Ende hat Franziskus dem "Volk Gottes in Deutschland" mit seinem Brief aber keinen großen Gefallen getan – vor allem wenn er, ähnlich wie beim Ad-Limina-Besuch 2015, eine "Bestandsaufnahme" aus der Ferne wagt. So entsteht etwa der Eindruck, als spiele der Papst Liturgie und Diakonie, zwei der drei Grundvollzüge der Kirche, gegeneinander aus, wenn er zunächst kirchliche Krankenhäuser und Sozialeinrichtungen als "Zeugnis gelebten Glaubens" lobt, dann die "Erosion des Glaubens" aber fast ausschließlich an schlecht besuchten Gottesdiensten festmacht. Ähnlich wirkt es, wenn er die "Reform von Strukturen, Organisationen und Verwaltung" der "Evangelisierung und der Heimsuchung durch den Herrn" als defizitär gegenüberstellt.

Bedingt denn nicht das eine das andere? Braucht es nicht Menschen, die den Glauben auch in Form von Nächstenliebe leben? Und braucht es nicht die Reform von Strukturen, wenn sie die Neuevangelisierung behindern statt zu fördern? Ich denke: ja. Suchen wir also nach "freimütigen Antworten". Gemeinsam.

Von Björn Odendahl

Der Autor

Björn Odendahl ist Chef vom Dienst bei katholisch.de.

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