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Standpunkt

Zu den Protestanten gehen? Warum sollten sie?

Wer die Abschaffung des Zölibats und das Frauenpriestertum fordert, wird gerne an die evangelische Kirche verwiesen – denn da gäbe es das alles ja. Ein Unding, findet Matthias Altmann. Denn Reformer wollen mit Fug und Recht katholisch sein.

Von Matthias Altmann |  Bonn - 23.07.2019

Wer angesichts der hohen Austrittszahlen aus der Kirche Reformen wie die Abschaffung des Pflichtzölibats oder gar die Öffnung des Priesteramts für Frauen fordert, bekommt aus einer bestimmten Ecke oft einen Ratschlag: "Dann geh doch zu den Protestanten!" Dort sei schließlich alles schon lange so, wie es sich der "progressive" Katholik wünscht. Doch so leicht, wie es sich manch einer gerne machen würde, ist es nicht.

Auch wenn sie zum Thema Frauen in kirchlichen Ämtern und verheirateten Priestern vielleicht eine andere Meinung als das Lehramt haben, sind diese Menschen nach wie vor gerne katholisch. Die Kirche ist ihnen von klein auf Heimat. Sie erinnern sich mit Freude an ihre Erstkommunion, an ihre Zeit als Messdiener, engagieren sich in Verbänden, lassen ihre Kinder aus Überzeugung taufen – und so weiter. Sie mögen die Liturgie, feiern ihre Namenspatrone und pilgern mit ihrer Gemeinde zum nahegelegenen Wallfahrtsort. Sie fordern Reformen, gerade weil ihnen die katholische Kirche hierzulande und ihre Zukunft am Herzen liegen.

Man sollte allerdings auch nicht blauäugig sein und sich von möglichen Reformen in der Kirche einen allzu positiven Effekt auf die Mitgliederzahlen erhoffen. Das wissen auch diejenigen, die sie befürworten. Der Berliner Erzbischof Koch sagte etwa, dass die Gottverbundenheit der Menschen und die gesellschaftliche Verbundenheit mit der Kirche auf vielerlei Ebenen abgebrochen seien. Wer aus der Kirche austreten will, weil er mit dem christlichen Glauben schlicht nichts mehr anzufangen weiß, den wird auch die Abschaffung des Pflichtzölibats nicht davon abhalten.

Umgekehrt befürchten andere, dass die geforderten Veränderungen noch mehr Menschen aus der Kirche treiben. Als Beleg dient ihnen die Tatsache, dass die evangelische Kirche in Deutschland noch mehr Mitglieder als die katholische verloren hat. Dabei könnte manche Reform verhindern, dass sich diejenigen, die nach wie vor an der katholischen Kirche hängen, enttäuscht und verärgert von ihr abwenden – etwa, weil ihre eigene Berufung nicht ernstgenommen wird. Kann es sich die Kirche leisten, sie zu vergraulen?

Von Matthias Altmann

Der Autor

Matthias Altmann ist Redakteur bei katholisch.de.

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