Schachfigur
Standpunkt

Wenn die Moral verrutscht

Egal, ob es um Carola Rackete oder Fridays for Future geht: In der heutigen Diskussion über Moral hat sich einiges verschoben, beobachtet Tilmann Kleinjung. Selbstverständlichkeiten werden hinterfragt, wo sonst nur noch ein Minimalkonsens gilt.

Von Tilmann Kleinjung |  Bonn - 24.07.2019

Tilmann Kleinjung ist Redakteur beim Bayerischen Rundfunk in München

Moral ist verdächtig, war sie schon immer. Wer für sich in Anspruch nimmt, moralisch richtig zu handeln, gilt als Moralist. Wer moralische Korrektheit von anderen erwartet, wird als Moralapostel abgestempelt. Beide gelten als nicht besonders sympathische Zeitgenossen. Der ethische Minimalkonsens der postmodernen Gesellschaft scheint sich auf den kleinsten Nenner zu kondensieren: "Leben und leben lassen." Von Leben retten war nie die Rede.

Und so wird die deutsche Kapitänin Carola Rackete, die mit der "Sea Watch 3"schiffbrüchige Migranten im Mittelmeer retten und in einen sicheren Hafen bringen will, zum Inbegriff der Hypermoralistin, die ihre vermeintlich überzogenen Moralstandards den anderen, insbesondere den Italienern aufzwingt. Soweit ist unser Diskurs schon verrutscht, dass das Selbstverständliche der Rechtfertigung bedarf. Es fehlt die Bereitschaft, den Andersdenkenden und Andershandelnden zuzugestehen, dass sie Gutes im Sinn haben. Man unterstellt ihnen zumindest eine gehörige Portion Naivität und hat dafür das bitterböse Wort von den "Gutmenschen" reaktiviert.

Noch mehr: die gute Tat wird zur schlechten verkehrt:  Carola Rackete und die Seenotretter werden kriminalisiert. Junge Menschen, die freitags für den Klimaschutz auf die Straße gehen, werden pauschal als Schulschwänzer diffamiert. Die neueste Form des Moralbashings ist der Vorwurf der Doppelmoral. Der trifft Politikerinnen und Politiker, die sich zwar für eine CO2 Besteuerung einsetzen, aber dennoch nicht auf Flugreisen verzichten oder es wagen, ihr Eis mit Plastiklöffeln zu verzehren. Das Kalkül: Wenn schon bei Grünen-Politikern Reden und Tun so weit auseinanderliegen, entlarvt sich die gesamte Debatte als aufgeblasen und verpufft. Klimahysterie eben.

Christen wissen: Niemand kommt als Heiliger auf die Welt. Niemand von uns wird die Welt retten. Aber damit anzufangen, dazu sind wir moralisch verpflichtet – trotz unserer Schwächen, unserer Bequemlichkeit und unserer eingeschränkten Perspektive. So einfach ist das mit der Moral.

Von Tilmann Kleinjung

Der Autor

Tilmann Kleinjung ist Chef vom Dienst der Redaktion Religion und Orientierung beim Bayerischen Rundfunk (BR).

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