Schachfigur
Standpunkt

Wo Kirche als Anwältin der Verfolgten deutlicher werden muss

Sie sollen in den Iran abgeschoben werden, wo sie als konvertierte Christen sehr wahrscheinlich unter Verfolgung leiden würden. Müssen die Kirchen nicht Partei für diese Menschen ergreifen, deren Religion relativiert zu werden droht, fragt sich Christoph Strack.

Von Christoph Strack |  Bonn - 02.08.2019

christoph Strack von der deutschen Welle

Ein lauer Samstagabend, eine volle Kirche. Der persische Hauptgottesdienst der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) in der Dreieinigkeitsgemeinde in Berlin-Steglitz. Und Pfarrer Gottfried Martens tauft sieben aus dem Iran stammende Gläubige. Ein Paar mit Kind, vier Männer. Sieben Taufen – das dauert. Jeder der sieben wirkte gut vorbereitet, ließ sich stolz eine Kette mit Kreuz um den Hals legen, bekam die Taufkerze mit seinem Namen. Eine eindrückliche Feier mit liturgischen Texten in deutscher und persischer Sprache. Die Gemeinde von Pfarrer Martens ist seit Jahren für ihre aufblühende persische Gemeinschaft bekannt. Man spürt, sie ist diesen Gläubigen wirklich Gemeinschaft.

Das war am vorigen Samstag. Einige Tage später – zeitlich ist das ein Zufall - warnt der langjährige Fraktionschef der Union im Bundestag, Volker Kauder, mit der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte und der Evangelischen Allianz vor Abschiebungen von Konvertiten in den Iran. Die politischen Statements sind das eine. Ergreifender sind die Schilderungen von zwei Konvertiten. "Ich konnte diesen Islam nicht mehr ernstnehmen", sagt einer unter Verweis auf die Mullahs (ist das nicht verständlich…?). Und er schildert, dass sein Asylantrag kürzlich gescheitert sei, dass er seine Abschiebung fürchte, "ich habe Angst". Nehmen wir das ernst? Müssen die Kirchen da nicht deutlicher ihre Stimme erheben, nicht nur eine kleine Gemeinschaft auf evangelischer Seite?

Schon vor Monaten warnten Martens und der SELK-Bischof Hans-Jörg Voigt, dass deutsche Verwaltungsgerichte zunehmend Klagen von zum Christentum konvertierten ehemaligen Muslimen ablehnten. "Ein Skandal, der sich in aller Stille mitten unter uns abspielt", erklärten sie und führten irritierende Äußerungen deutscher Richter an, fragten provokant: "Sind deutsche Richter Glaubenswächter?"

Ein Gedanke von Volker Kauder beschäftigt mich seitdem. "Wir sind", sagte er, "das Land der Religionsfreiheit." Auch deutsche Politiker mahnten immer wieder – in Pakistan, Ägypten, andernorts – Religionsfreiheit an. "Wenn wir abschieben, ist unser Ruf der Religionsfreiheit in Gefahr."

Dieses Deutschland ist so stolz auf seinen Respekt vor Religion und tritt dafür weltweit ein. Aber die Bewertung der Konvertiten durch deutsche Richter ist ein warnendes Beispiel. Andere Beispiele, wie der Umgang deutscher Richter mit Jesiden, passen dazu. Mancher neuerer Richterspruch wirkt auf Experten weltfremd. Ja, Justiz ist unabhängig. Ja, das ist ein hohes Gut, das es zu respektieren gilt. Aber Kirchen müssen sehr genau hinschauen, wenn religiöses Bekenntnis relativiert zu werden droht.

Von Christoph Strack

Der Autor

Christoph Strack ist Leiter des Bereichs Religionen der Deutschen Welle.

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