Gedanken zur Ferienzeit: Wer sein Leben auskostet ist nicht faul!
Kolumne: Mein Religionsunterricht

Gedanken zur Ferienzeit: Wer sein Leben auskostet ist nicht faul!

Die Ferien bedeuten für viele Schüler Urlaubszeit. Doch in der Klasse von Lehrer Heinz Waldorf gibt es immer auch Kinder, die keine weiten Reisen machen können und daheim bleiben. Auch dort lasse sich das Leben auskosten, findet er.

Von Heinz Waldorf |  Wentorf - 02.08.2019

Lehrer Heinz Waldorf

Übernächste Woche gehen die Schulferien hier bei uns im Norden Deutschlands zu Ende. Ich denke an Jahre zurück, in denen ich im letzten Drittel der Ferien gar nicht mehr so ruhig war. Früher waren die letzten beiden Ferienwochen sehr angespannt, war ich doch stets in Sorge, ob ich den Stundenplan für die vielen Schulen koordiniert bekäme. Meiner Familie muss ich mit meinem Genervt-Sein gehörig auf die Nerven gegangen sein, und zwar nicht zu knapp. Es waren sogar einmal elf verschiedene Schulen in vier Städten. Ich weiß nicht mehr, wie das zusammenpasste, aber es ist mit Hilfe entgegenkommender und engagierter Stundenplaner-Kollegen in jedem Jahr erneut gelungen. Auch das war zu jedem Schuljahresbeginn eine Art Transzendenzerfahrung – praktisch und lebensnah.

Bislang ist der Stundenplan noch alle Male gelungen

Heute habe ich mich an vier Schulen etabliert, der Aufwand ist wesentlich geringer geworden. Aber auch meine Art mit den Anforderungen umzugehen, hat sich sehr verändert. Ich bin gelassen und ruhig. Wie bereits vor einiger Zeit geschrieben, versuche ich den Sonntagsreden alltägliche Relevanz zu verleihen. Es ist wirklich wahr: Wer ins Wasser springt, merkt, dass es trägt und er nicht unterzugehen braucht. Ich versuche diese Haltung in den Unterricht mitzunehmen, denn sie erzählt von der – zugegebenermaßen auch immer etwas bangen – Überzeugung, dass das Eigentliche, der Segen den Anforderungen des Lebens und unserem Engagement immer schon vorausgeht. Oder mit Paulus gesprochen: "Was kann uns scheiden von der Liebe Christi?" (Röm 8,35) Was hängt schon wirklich am Gelingen eines Stundenplans – zumal er noch alle Male gelungen ist! Vielleicht ist es gar nicht abwegig, vom "Sakrament des gelungenen Stundenplans" zu reden – ein Einfall, über den ich bei Gelegenheit näher nachdenken müsste.

Ich denke an die ersten Begegnungen mit meinen Gruppen, neuen und bereits länger bekannten Menschen. Ich ertappe mich dabei, mir bei dem einen oder der anderen Sorgen zu machen, ob meine Beurteilung auf dem Zeugnis wirklich gerecht gewesen ist, ob es Anlass zu Unmut oder gar Streit gibt. Ich merke, dass ich in dieser Hinsicht wohl niemals ausgebufft und routiniert sein werde, auch wenn ich natürlich weiß, dass Gerechtigkeit in dieser Welt utopisch bleibt. Ich denke in Hinblick auf meine Schüler aber eigentlich an etwas ganz anderes, nämlich an die Erzählungen der Ferienerlebnisse, die in einer Reihe von Gruppen anstehen werden. Ich bin eben daran interessiert, was die Leute so erlebt haben. Es ist immer wieder erstaunlich, was Kinder und Jugendliche erleben, wohin es sie verschlägt und auch, mit Verlaub, wie wenig die Herausforderungen der Gegenwart bei mancher Reise eine Rolle spielen.

Ein Liegestuhl steht an einem sonnigen Strand.

Einige Schüler haben in den Ferien keine Möglichkeit, in ferne Länder zu reisen. Für sie hat Lehrer Heinz Waldorf besonders große Sympathie.

Wer nun vermutet, ich erhöbe moralinsauer den Zeigefinger und baute als erstes eine Einheit zu den Schöpfungsgeschichten und zur Bewahrung der Schöpfung zusammen, irrt sich. Mich beschäftigen in jedem Jahr die wenigen Kinder, die ob der Erzählungen ihrer Mitschüler immer kleiner und stiller werden. Sie mögen manchmal gar nicht mit der Sprache herausrücken, dass sie "nur zuhause gewesen" seien, "gar nichts Besonderes gemacht" und an sich den ganzen Tag über "nur Fußball gespielt" oder "mal schwimmen gewesen" seien. Kein Kalifornien, keine französischen Kathedralen, kein Bali und nicht mal die kroatische Adria. Au weia! Mal abgesehen davon, dass es mir selber früher fast immer genauso ergangen ist, was ich damals nicht schlimm fand, weil fast niemand aus unserer Klasse so große Reisen veranstaltet hat und das Fußballgeschehen auf dem örtlichen Bolzplatz genug Auf- und Anregung brachte: Ich hege ich für die heutzutage kleine Minderheit reiseunfähiger Schüler große Sympathie.

Das hat natürlich mit meinem Beruf zu tun und dem Evangelium, das oftmals die kleinen Leute auf den Schild hebt. Vielleicht aber überzeugt mich das Ganze auch deswegen seit nun schon geraumer Zeit, weil es mir und meiner Lebensphilosophie entspricht. (Oder umgekehrt? Wie ich vermute, wird es sich wieder einmal um ein dialektisches Verhältnis handeln.) Ich verberge meine Begeisterung für dieses phantastische Nichtstun und nichts vorhaben und nichts müssen, und das volle sechs Wochen lang, keineswegs. Auch wenn die Kinder sich in meine Gedanken erst einfinden müssen, setze ich ihnen doch jedes Mal wieder den Floh vom Wert des Einfach-Da-Sein-Dürfens ins Ohr. Es ist eine geradezu schabbatliche Lebensart, die meiner oben geäußerten Überlegung entspricht, dass das Eigentliche bereits immer schon geschehen ist und man sein Menschsein einfach so zweckfrei und zwanglos leben kann. Es ist weit mehr als das derzeit wieder propagierte "Recht auf Faulheit".

Auffassung von Arbeit hat sich in Vergangenheit gewandelt

Wer sein Menschsein lebt und auskostet, wer sich von nichts und niemandem vorschreiben lässt, etwas tun oder leisten zu müssen, zumal in Zeiten, die dafür vorgesehen sind, wie etwa jeder Schabbat oder Sonntag, ist nicht faul. Er ist Mensch und gibt seinem Schöpfer die Ehre. Dabei darf nicht vergessen werden, dass die Auffassung von der Arbeit eine Wandlung durchgemacht hat. Erst in der Neuzeit gilt die Arbeit als Quelle des Reichtums. Ich setze dazu einen Gegenakzent und bespreche mit meinen Schülern die Überzeugung, dass es in Wahrheit nicht um diese Art von Reichtum im Leben geht, sondern dass der wahre Reichtum inwendig ist.

Der großartige Peter Bichsel lässt in seiner Erzählung "Amerika gibt es nicht" den kleinen Columbin ganz groß herauskommen. Der ist Hofnarr und als Trottel verschrien, die Leute lachen über ihn und kommen sich großartig vor. Columbin mag sich nicht mit den Klügeren im Rechnen und mit den Stärkeren im Kampf messen, er traut sich auch nicht, über den Bach zu springen. Als der König ihn fragt, was er werden wolle, antwortet er: "Ich will nichts werden, ich bin schon etwas, ich bin Colombin." Damit ist alles gesagt.

Von Heinz Waldorf

Der Autor

Heinz Waldorf ist Lehrer am Gymnasium Wentorf bei Hamburg.

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