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Standpunkt

Bitte mehr Respekt für die ostdeutsche Kirche!

Westdeutsche Katholiken blicken mitunter mitleidig auf die Kirche in Ostdeutschland, kritisiert Steffen Zimmermann. Dabei könnten die Gläubigen im Westen durchaus etwas von ihren Glaubensgeschwistern im Osten lernen.

Von Steffen Zimmermann |  Berlin - 09.08.2019

Steffen Zimmermann katholisch.de

Heute in drei Monaten jährt sich zum 30. Mal der Fall der Berliner Mauer. Schon jetzt widmen sich viele Medien mit Rückblicken und Bilanzen diesem epochalen Ereignis, das nur ein knappes Jahr später nach vier Jahrzehnten der Teilung zur Wiedervereinigung Deutschlands führte. In unserem Alltag, der heute immer wieder von schlimmen Meldungen und den grotesken Untergangsphantasien einiger Schreihälse überschattet wird, rückt leider viel zu oft in den Hintergrund, welch großes Glück wir Deutsche 1989/1990 hatten.

Im Windschatten der Erinnerung an den Fall der Berliner Mauer hat auch die katholische Kirche in diesem Jahr guten Grund, dankbar auf diese Zeit zurückzublicken. Denn auch wenn Deutschland kirchenrechtlich nie geteilt war – erst mit der staatlichen Wiedervereinigung war es auch der Kirche möglich, tatsächlich wieder zusammenzuwachsen und auch den Menschen in Ostdeutschland in Freiheit und ohne die Gefahr staatlicher Repression die Frohe Botschaft zu verkünden.

Ein zentrales Ergebnis der kirchlichen "Wiedervereinigung" war die Neuerrichtung der Bistümer Erfurt, Görlitz und Magdeburg im Sommer 1994. Das 25-Jahr-Jubiläum wird in den drei Diözesen in diesen Wochen mit verschiedenen Veranstaltungen gefeiert – und das völlig zu Recht. Denn auch wenn die ostdeutschen Diasporabistümer von Katholiken im Westen leider noch viel zu oft etwas abfällig und mitleidig betrachtet werden: Die Diözesen in den "neuen" Ländern haben die Kirche in Deutschland reicher und vielfältiger gemacht.

Statt mit westlicher Arroganz auf die "arme" Kirche im Osten zu blicken, täten viele West-Katholiken gut daran, ihren Glaubensgeschwistern zwischen Ostsee und Erzgebirge neugierig und mit Respekt zu begegnen. Man kann in der ostdeutschen Kirchenlandschaft nämlich viel Gutes entdecken – zum Beispiel eine tiefe Frömmigkeit, ein großes Gemeinschaftsgefühl in den Gemeinden und eine Kirche, die nicht abgehoben und saturiert daher kommt, sondern bis hin zu den Bischöfen tatsächlich nah bei den Menschen ist.

Mit Blick auf diese Eigenschaften könnte der Westen viel vom Osten lernen. Eine gute Gelegenheit dazu besteht zum Beispiel vom 19. bis 22. September. Dann findet in Magdeburg die "pastorale!" statt – eine Veranstaltung der Ost-Bistümer, bei der es in Podiumsdiskussionen und Workshops sehr konkret um Chancen und Risiken des Christseins in der ostdeutschen Diaspora gehen wird. Auch westdeutsche Katholiken sind herzlich eingeladen, sich dabei ein (neues) Bild von der Kirche in Ostdeutschland zu machen.

Von Steffen Zimmermann

Der Autor

Steffen Zimmermann ist Redakteur im Korrespondentenbüro von katholisch.de in Berlin.

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