Katholiken haben besonderes Interesse an Demokratiebewegung

Hongkong: Wie sich Christen bei den Demonstrationen engagieren

Aktualisiert am 20.08.2019  –  Lesedauer: 
Hongkong: Wie sich Christen bei den Demonstrationen engagieren
Bild: © dpa

Hongkong ‐ Die Protestbewegung in Hongkong ebbt nicht ab. Regelmäßig machen sich bei den Großdemonstrationen auch Christen sichtbar, obwohl sie in der Stadt nur eine kleine Minderheit darstellen. Doch gerade Katholiken haben ein ganz besonderes Interesse an der Demokratiebewegung.

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Auch am vergangenen Sonntag waren wieder hunderttausende Menschen auf Hongkongs Straßen unterwegs, um gegen die Regierung der chinesischen Sonderverwaltungszone zu demonstrieren. Laut Veranstaltern sollen es sogar 1,7 Millionen Teilnehmer gewesen sein, die im stundenlangen Dauerregen ausharrten. Die Polizei spricht dagegen nur von 128.000.

Die Proteste prägen die Finanz- und Wirtschaftsmetropole am südchinesischen Meer schon seit Wochen. Anfangs richteten sich die Demonstrationen vor allem gegen einen Gesetzentwurf der Regierung, laut dem Strafverdächtige aus Hongkong an das Festland ausgeliefert werden könnten. Kritiker befürchten, dass so Dissidenten an die Justiz des autoritär regierten Landes überstellt würden, dessen Gerichte besonders gegenüber politischen Aktivisten nicht als fair und unabhängig gelten. Obwohl Hongkongs Regierungschefin Carrie Lam das Gesetz zunächst auf Eis legte und nun auch ankündigte, die Pläne nicht mehr aufzugreifen, gehen die Proteste weiter.

Mittlerweile richten sie sich generell gegen die Regierung und den wachsenden Einfluss Pekings auf Hongkong. Die Menschen fordern außerdem ein allgemeines Wahlrecht und eine unabhängige Kommission, die Polizeigewalt untersucht.

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Schon seit Beginn der Proteste stechen vor allem die Christen heraus. Bereits im Juni ging auch durch die internationalen Medien, dass die Demonstrationen von einem Kirchenlied aus den 1970er Jahren begleitet wurden: Egal, ob Christen oder nicht, alle sangen "Sing Hallelujah to the Lord". Das hatte aber wohl vor allem taktische Gründe. Denn für religiöse Zusammenkünfte gelten in Hongkong wesentlich liberalere Regeln als für politische Demonstrationen. Die Menschen auf der Straße nutzten also in erster Linie ein Schlupfloch.

Erst Predigt, dann Protest

Doch auch abseits davon zeigen Christen Flagge: Sei es ein heiliger Michael auf einem T-Shirt oder gar eine katholische Andacht vor dem Protestzug am Sonntag. Der Salesianerpater Carlos Cheung predigte vor mehreren hundert Gläubigen: "Hier geht es darum, dass Menschen von der Regierung missbraucht werden, ungerechtfertigt verhaftet und unfair verurteilt werden. Sollen wir als Christen schweigen, wenn die Welt uns braucht, um die Stimme zu erheben?"

Hongkong ist nicht zuletzt durch seine Kolonialgeschichte – bis 1997 war es eine britische Kronkolonie – religiös sehr vielfältig. Nur etwa jeder zehnte der 7,4 Millionen Einwohner bekennt sich zu einer christlichen Konfession. Dennoch engagieren sich unter anderem Katholiken besonders bei den Protesten. Denn vor allem sie könnten zu Verlierern schärferer Gesetze werden.

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Auf dem chinesischen Festland mussten sich die Kirchen staatlichen Religionsorganisationen unterordnen.

Das hat nicht zuletzt mit der Religionsfreiheit zu tun. Als Großbritannien Hongkong 1997 nach über 150 Jahren Herrschaft an China zurückgab, wurden für das Gebiet für einen Zeitraum von 50 Jahren Sonderregelungen verabredet. Noch bis 2047 genießen die Menschen dort deshalb unter dem von der chinesischen Regierungspartei ausgegebenen Parole "Ein Land, zwei Systeme" deutlich mehr Freiheitsrechte als der Großteil der Chinesen. So dürfen sie beispielsweise ihre Religion frei und ungehindert ausüben, während sich etwa die katholische Kirche auf dem Festland von Rom lossagen und einer staatlichen Religionsorganisation unterordnen musste. Romtreue Katholiken bilden die sogenannte Untergrundkirche, deren Anhänger zum Teil unter staatlichen Repressionen leiden.

Angst vor Beschneidung der Religionsfreiheit

Durch das geplante Auslieferungsgesetz befürchteten die Christen, dass ihre Freiheit zur Religionsausübung beschnitten werden könnte. Denn viele Katholiken in der Sonderverwaltungszone haben Verbindungen zur katholischen Untergrundkirche. Sie hätten festgenommen und ausgeliefert werden können.

Diese Befürchtung scheint berechtigt. Denn Regierungschefin Lam ist zwar selbst Katholikin, plante jedoch zeitweise, die Religionen wie auf dem Festland Behörden zu unterstellen. Die Pläne scheiterten. Zudem sorgte sie bei Katholiken für Empörung, als sie verkündete, sie sei von Gott zur Regierungschefin berufen worden. Dabei geht ihre Einsetzung vor allem auf die kommunistische Partei in Peking zurück.

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Hongkongs Regioerungschefin Carrie Lam hat das umstrittene Auslieferungsgesetz auf Eis gelegt.

Der emeritierte Hongkonger Erzbischof, Kardinal und Kritiker der chinesischen Regierungspartei Joseph Zen Ze-kiun nahm am Sonntag selbst an der Andacht vor den Demonstrationen teil. Es gebe angesichts der Politik Chinas keine andere Wahl, als zu protestieren, hatte er schon im Vorhinein verschiedenen internationalen Medien gesagt. Doch die Präsenz der Christen bei den Protesten schwindet, während sich andere Gruppen radikalisieren. So kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Ausschreitungen mit Sicherheitskräften. Unter anderem besetzten Demonstranten den Flughafen der Stadt und stürmten das Parlament, die Polizei ging mit Tränengas und Gummigeschossen gegen die Protestierenden vor.

Radikalisierung einiger Gruppen

Ein Grund für die Radikalisierung ist der Umgang der chinesischen Politik mit den Demonstranten: Auch nach besonders großen Aufmärschen ist die Führung Hongkongs nicht auf die Forderungen der Menschen eingegangen. Das hat für Frust gesorgt, dadurch steigt das Risiko von Gewalt und Straftaten. Gleichzeitig verspricht Regierungschefin Lam der Bevölkerung staatliche Wohltaten, um die Protestbewegung zu spalten. Die hat in der Bevölkerung zwar Rückhalt. Viele Menschen wünschen sich aber auch ein Ende der Proteste, um ihren Geschäften wieder ungestört nachgehen zu können.

Während diese Woche weitere Demonstrationen in der Sonderverwaltungszone angekündigt wurden, hat Carrie Lam den Protestlern Gespräche angeboten. Eine Untersuchung zur Polizeigewalt lehnt sie jedoch ab. Zuletzt wurden an der Grenze zu Hongkong chinesische Militärtransporter gesichtet – offiziell nur zu Übungszwecken. Die Demonstranten dürfen das jedoch als Drohgebärde verstanden haben. Wie die chinesische Führung in Zukunft mit den Protesten umgeht, scheint noch unklar. Manche Beobachter vermuten jedoch, dass die Regierung nicht zu Zugeständnissen bereit ist.

Von Christoph Paul Hartmann