Schwarz-weiß Bild: Viele junge Menschen heben jubelnd ihre Hände in den Himmel.
Bild: © ALLFORONE
Gloria und Halleluja

Lobpreis – neu und modern oder biblisch?

Menschen heben jubelnd und singend ihre Hände Richtung Himmel und singen - es könnte ein Popkonzert sein, wird aber in christlichen Kontexten "Lobpreis" genannt. Ist Lobpreis also ein Fachbegriff für moderne christliche Musik oder doch eine urchristliche Gebetsform?

Von Hannah Küppers |  Bonn - 21.09.2019

Wenn bei christlichen Großveranstaltungen wie der MEHR-Konferenz in Augsburg Zehntausende Menschen ihre Arme Richtung Himmel heben, bunte Scheinwerfer durch die Menge schweifen, und laute Musik durch eine ganze Messehalle dröhnt, könnte man denken, man sei auf einem Pop-Konzert gelandet. Das Gebetshaus Augsburg, das die Konferenz veranstaltet, nennt es allerdings Lobpreis und ist damit trotz mancher Kritik sehr erfolgreich.

Loben und preisen – aber wen? Das Lob ist jedem ein Begriff, doch was hat es mit dem zweiten Wortbestandteil des Lobpreises auf sich, dem Preisen? Ein Blick ins Wörterbuch verrät: "überschwänglich loben" oder "Größe bewundern/anerkennen". Das trifft, was Lobpreis im christlichen Kontext bedeutet. Lobpreis und Anbetung sind besondere Formen des Gebetes und Ausdrucksmöglichkeiten des christlichen Glaubens. Seit dem Urchristentum sind diese Gebetsformen liturgischer Bestandteil des Gottesdienstes aller Konfessionen.

Das Gesangbuch der Psalmen

Bereits der Psalmist David singt: "Ich will den Herrn allezeit preisen, immer sei sein Lob in meinem Mund." (Ps 34,2)  Er sagt auch, wie er das tun möchte: "Ich will deinem Namen singen und spielen." (Ps 18, 50). Im Neuen Testament wird die Gebetsform etwa im Magnificat der Maria fortgeführt: "Meine Seele preist die Größe des Herrn und mein Geist jubelt über Gott meinen Retter." (Lk1, 46) Und der Apostel Paulus schreibt in seinem Brief an die Kolosser: "Singt Gott Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder in Dankbarkeit in euren Herzen!"

Heute ist das Wort Lobpreis ein Fachbegriff für moderne christliche Musik. "Praise and Worship" ist die Bezeichnung für eine ganze Musiksparte in der christlichen Musikindustrie. Die Lobpreismusik entstand Ende des 20. Jahrhunderts mit der charismatischen Erneuerung, ein wichtiger Initiator war "Vineyard", eine protestantische charismatische Erneuerungsbewegung. Im deutschsprachigen Raum trieb vor allem Helmut Trömel ab 1984 die Entwicklung von Lobpreis- und Anbetungsliedern sowie das Feiern ausgesprochener Lobpreisgottesdienste voran.

"Wir brauchen vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten"

Lobpreisgottesdienste erfreuen sich großer stimmlicher Beteiligung. Der Liedtext wird üblicherweise per Beamer an eine große Leinwand geworfen. Die Möglichkeit, sich in sein Liederbuch zu verkriechen, ist damit aus dem Weg geräumt und die Hände sind frei. Für gebetsstützende Körperhaltungen zum Beispiel: offene Hände, gestreckte Arme, knien oder tanzen – beim Lobpreis variieren die Bewegungen.

Lothar Kosse spielt Gitarre und singt auf einer rot beleuchteten Bühne.
Bild: © Lothar Kosse

Lothar Kosse ist ein bekannter deutscher Lobpreis-Sänger

Sollten in Zukunft also besser die Orgeln aus der Kirche geworfen werden und stattdessen moderne Bands den Altarraum bestücken? Auf keinen Fall, findet Lothar Kosse. "Dann wird es auf einmal wieder ganz eintönig. Wir brauchen die Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten. Es wäre doch ein Unding, wenn Anbetung nur in einem Stil und einer einzigen Form gelingen könnte", sagt der bekannte deutsche Lobpreis-Musiker, der bei Konzerten und "Worship-Nights" im Kölner Raum auftritt.

"Es gibt so unterschiedliche spirituelle Wege und Zugänge zum Glauben. Das kann in verschiedensten Musikstilen ermöglicht werden", sagt auch Marius Schwemmer, Diözesan- und Dommusikdirektor von Passau, der selbst eine klassische Kirchenmusikausbildung absolviert hat.

Musik als Gebet

"Wir benutzen Musik heute für alle möglichen Dinge, vor allem zum Entertainment. Aber ursprünglich, im Alten Testament, hatte Musik die vornehmliche Funktion, sich in die Nähe Gottes zu begeben", weiß Kosse. Das sei in unserer heutigen Kultur etwas verloren gegangen. Aber Musik bleibe für ihn immer etwas Göttliches, Ungreifbares, ein Klang zwischen Himmel und Erde. Das mache sie so faszinierend und für das Beten geeignet, sagt der Gitarrist und Sänger, der auch eigene Lobpreis-Lieder komponiert.

Auch in der katholischen und evangelischen Kirche erhält die Lobpreis-Szene immer mehr Anhänger. Lobpreis ist längst nicht mehr neu, jugendspezifisch und auf charismatisch-pfingstlerische Freikirchen beschränkt. In der katholischen Kirche hat vor fünfzig Jahren vor allem die charismatische Erneuerung für einen neuen musikalischen Geist in der Kirche gesorgt. Geistliche Gemeinschaften wie die Gemeinschaft Emmanuel oder die österreichische Loretto-Gemeinschaft haben heute eigene Lobpreis-Bands und ein eigenes Liedgut entwickelt. Manche "Emmanuel-Lieder" haben es vor einigen Jahren sogar in das neue Gotteslob geschafft.

Lobpreis für alle Generationen

"Gott, Du bist gut und Du tust Gutes!" Das ist für Markus Wittal das, was im Lobpreis zum Ausdruck kommen soll. Er ist Priester in der Gemeinschaft Emmanuel und komponiert regelmäßig eigene Lieder. Dabei seien meist das Wort Gottes und besonders die Psalmen seine Quelle. "Lobpreis ist eine Gebetsform, die mir hilft, mich für die Gegenwart Gottes zu öffnen", sagt er.

Die Priest-Band spielt beim Abendprogramm des Forums 2019.

Markus Wittal (am Klavier) komponiert Lieder für die Gemeinschaft Emmanuel.

Im Bistum Passau gibt es inzwischen ebenfalls eine eigene Lobpreiskirche und den Gebetskreis "Believe and Pray", den Bischof Stefan Oster ins Leben gerufen hat. Robert Guder, der den Lobpreis im Gebetskreis leitet, erzählt, dass auch die ältere Generation diese Art des musikalischen Betens für sich entdeckt hätte, nachdem das Angebot vorerst nur an jüngere Menschen gerichtet war. "Lobpreis kennt keine Altersgrenzen, er zieht sich durch die Generationen hindurch", sagt der Musiker.

Lobpreis in der traditionellen Liturgie

Doch zurück zur ursprünglichen Sonntagsmesse: Eigentlich ist im Messordinarium der katholischen Kirche Lobpreis immer schon vorgesehen. "Gloria in excelsis Deo – Ehre sei Gott in der Höhe" oder "Hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn". Das klingt nach Lob und Preis. Der ursprünglichste Lobpreis ist wohl das "Gloria Patri" als kleine Doxologie, das den gottesdienstlichen Psalmgesang beschließt: "Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit".

In der Alten Kirche stellte der Psalmgesang selbst die Hauptform christlichen Lobpreises dar. Ab dem 4. Jahrhundert bezeugt ist das sogenannte große "Gloria in Excelsis". Es ist ein Dank- und Festgesang in drei Abschnitten – "der Gesang der Engel in der Heiligen Nacht, die Lobpreisung Gottes, das Rufen zu Christus". Ursprünglich war dieser Gesang den Bischöfen vorbehalten, erst im Lauf der Zeit wurde er zunächst für die Presbyter und später für den Klerikerchor zum Mitsingen geöffnet.

Genial oder banal?

Statt festgelegter liturgischer Stücke besteht die moderne Lobpreis-Musik aus kurzen, einstrophigen Gesängen in einem zeitgenössischen musikalischen und textlichen Gewand. Lobpreisbands bestehen meist aus einer klassischen Bandbesetzung: Schlagzeug, Keyboard, Bass, Gitarre und einigen Gesangsstimmen. Das kennen junge Menschen von den neuesten Hits aus dem Radio und es ist ihnen vertrauter als Orgelmusik und Oratorien. Die Melodien des neuen "Sacropops" sind charttauglich, die Texte eingängig und schnell verständlich. "Manchmal vielleicht sogar zu eingängig", gibt Lothar Kosse zu.

Marius Schwemmer im Porträt

Marius Schwemmer hat Katholische Kirchenmusik, Theologie, Musikwissenschaft und Musikpädagogik studiert und ist Diözesanmusikdirektor sowie der Leiter der Bischöflichen Dommusik in Passau.

"Natürlich gibt es musiktheoretische Anfragen und Vorbehalte gegen den Inhalt von Lobpreis-Texten", sagt Diözesanmusikdirektor Schwemmer. Vor allem, wenn man einfach die Lieder anderer Kirchen übernehme. Dennoch müsse man nach gemeinsamen, objektiven Qualitätskriterien von Lobpreis-Musik und "traditioneller" Kirchenmusik suchen und miteinander im Gespräch für das gemeinsame Ziel bleiben, so Schwemmer. Robert Guder sieht aber in Lobpreistexten ein besonderes Spezifikum, das für ihn gleichzeitig einen wichtigen ökumenischen Aspekt hat: "Der Fokus ist ganz klar auf Jesus Christus ausgerichtet."

Was ist geistliches Musizieren?

Mit der Popmusik im kirchlichen Raum halten unvermeidbar Phänomene wie Globalisierung, Kommerzialisierung und Trivialisierung Einzug. "Inhaltsleerer Christenpop", Altarräume würden zu Show-Bühnen und eine gefährliche Performance-Kultur der Sänger stelle alles andere in den Schatten. Das werfen nicht wenige der zu sehr am Zeitgeist orientierten Musik in christlichen Kontexten vor.

Die Frage, die sich hier aufdränge, sei die, was geistliches Musizieren bedeute, bemerkt der Emmanuel-Priester Markus Wittal. Auch wenn ein Kirchenchor eine Mozart-Messe sänge, sei die Gefahr groß, dass nur das Äußere und Ästhetische im Vordergrund stünde. "Der Ausdruck muss aber von Innerlichkeit gefüllt sein und aus einer tiefen Spiritualität herrühren", so Wittal.

"Wenn Lobpreis wirklich echt ist und mit Gott zu tun hat, dann wird es niemanden unberührt lassen, das ist einfach so", meint Lothar Kosse. Was aber ist dann unechter Lobpreis? Die überhöhte Verehrung eines Worship-Stars zum Beispiel. Dann ginge es nur noch um "Show und Style". Genauso wenig sollte die Musik Mittel zum Zweck sein, um wieder mehr Leute in die Kirche zu locken, findet Kosse. "Eine echte Begeisterung und Leidenschaft für Gott und die Musik muss immer im Vordergrund stehen", sagt er.

Von Hannah Küppers