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Kirche und AfD: Ist die Zeit der Dialogverweigerung vorbei?

Mit den Wahlen in Sachsen und Brandenburg ist die AfD jetzt in allen deutschen Länderparlamenten vertreten. Damit sitzen ihre Abgeordneten in vielen Gremien Kirchenvertretern gegenüber. Joachim Valentin fragt sich, wie dieser Dialog aussehen kann.

Von Joachim Valentin |  Bonn - 05.09.2019

Joachim Valentin Standpunkt katholisch.de

In Brandenburg und Sachsen sind für viele Beobachter die Wahlen am vergangenen Sonntag "noch einmal gut ausgegangen". Und tatsächlich hat die gerade in diesen Bundesländern und in Thüringen, wo am 27.10. gewählt wird, besonders triumphal und "systemkritisch", bisweilen rechtsradikal auftretende Partei nirgends eine Mehrzahl der Stimmen errungen. Eine Regierungsbildung ohne AfD wird so zwar überall schwierig, liegt aber nirgendwo als stärkste Fraktion in deren Hand. Gleichwohl stellen viele Beobachter die Frage nach den Schlussfolgerungen, die von dieser Wahl ausgehen.

Auch die Kirchen waren in den letzten Jahren gezwungen, sich zumindest insofern parteipolitisch zu positionieren, als der evangelische Kirchentag einen öffentlichen Dialog mit dieser Partei in Dortmund 2019 ganz aussetzte, das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, nach einer ähnlichen Entscheidung beim Katholikentag in Leipzig 2016 in Münster 2018 aber AfD-Vertreter auf einzelnen Podien zuließ.

Doch wie weiter, nachdem die AfD nun in alle Landesparlamente eingezogen ist, somit als Gegenüber der lokalen katholischen Büros, in den Rundfunkträten und anderswo auftritt?

Es mehren sich aktuell die Stimmen, dass die Zeiten einer grundständigen Dialog-, ja Kontaktverweigerung nun vorbei seien. Zugleich stellen die Infragestellung grundlegender Menschenrechte, vor allem der Religionsfreiheit für Eingewanderte, der Islamhass und die Ablehnung grundlegender Institutionen und Haltungen unserer Demokratie in großen Teilen dieser Partei eine herbe Herausforderung für die Kirchen dar. Fast unmöglich dürfte der Dialog werden, wo sich die AfD nicht nur als "Alternative für Deutschland", sondern als "AfK", als bessere "Alternative zu den Kirchen" und des christlichen Abendlandes versteht und so dunkle Erinnerungen an ein deutschnationales Christentum in düsterster Zeit aufruft.

Die AfD dürfte so zumindest die katholische Kirche verschärft vor die Frage stellen, vor der sie sowieso steht, und die sie im "synodalen Weg" schlüssig beantworten muss: Finden wir uns wieder in zweifelloser Selbstbehauptung und der Abwehr jeder kritischen Anfrage vom Andern her, innen und außen, also in einer letztlich feudal strukturierten Klerikerkirche, oder gehen wir mit Papst Franziskus den Weg an die Ränder, zum geschwisterlichen wechselseitigen Verständnis und einem echten Dialog mit den Nicht- und Andersglaubenden, zu dem zuletzt der tschechische Theologe und Priester Tomáš Halík im Augustheft der Herder Korrespondenz eindringlich aufgefordert hat.

Wer weiß, wer er selber ist und auf welchen Fundamenten er steht, der kann mit jedem Dialog führen, allerdings wird das Ergebnis im Dialog mit der AfD selten oder nie zu Übereinstimmungen führen, wo das Evangelium Jesu Christi in seinen Konsequenzen für heute durchdacht wurde.

Von Joachim Valentin

Der Autor

Joachim Valentin ist Direktor des katholischen Kultur- und Begegnungszentrums "Haus am Dom" in Frankfurt am Main und Vorsitzender des Frankfurter Rates der Religionen.

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