Erzbischof Jean-Claude Hollerich
COMECE-Präsident über von der Leyen und die Lage im Mittelmeer

Erzbischof Hollerich: Das erwarte ich von der neuen EU-Kommission

Wie blickt Erzbischof Jean-Claude Hollerich auf Ursula von der Leyen? Und welche Themen sollten bei der EU-Kommission ganz oben auf der Agenda stehen? Der COMECE-Präsident und baldige Kardinal gibt Antworten.

Von Franziska Broich (KNA) |  Brüssel/Luxemburg - 07.09.2019

In der kommenden Woche will die künftige Chefin der größten EU-Institution, Ursula von der Leyen, die neue Europäische Kommission vorstellen. Welche Erwartungen gibt es an sie? Im Interview spricht der Präsident der EU-Bischofskommission COMECE, Jean-Claude Hollerich (61), über Geduld, Populismus - und seine Ernennung zum Kardinal.

Frage: Herr Erzbischof, hat die künftige EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen das Potenzial, wieder Ordnung in die EU zu bringen?

Hollerich: Ich glaube, sie ist die richtige Person, weil sie Mehrheiten zusammenbringen kann. Bei ihrer Wahl hat sich gezeigt, dass auch Politiker für sie gestimmt haben, die nicht unbedingt hundertprozentig auf derselben Linie liegen. Das ist gut. Man braucht jemand, der Kompromisse schließen kann.

Frage: Was wünschen Sie ihr?

Hollerich: Sehr viel Geduld. Die wird sie wahrscheinlich brauchen, wenn man sieht, wie die einzelnen Regierungen agieren. Da treten nationale Interessen sehr stark hervor. Das ist oft nicht sehr europäisch gedacht.

Frage: Was erwarten Sie von der neuen EU-Kommission?

Hollerich: Ich würde mich freuen, wenn es Frau von der Leyen gelingen würde, eine Kommission zusammenzustellen, die wirklich zur Hälfte aus Frauen besteht. Damit könnte sie zeigen, dass die EU kein Club ist, wo man viel redet, sondern wo auch gehandelt wird. Die neue Kommission muss Boden gut machen. Die Leute müssen spüren, dass die EU für sie da ist - damit für Populismus kein Platz mehr ist.

Frage: Und welche Themen sollten also ganz oben auf der Agenda der neuen Kommission stehen?

Hollerich: Soziale Gerechtigkeit, der Kampf gegen Arbeitslosigkeit und Armut sowie der Umweltschutz sind Themen, bei denen gehandelt werden muss. Der Klimawandel ist eines unserer größten Probleme. Ich finde es wunderbar, dass sich junge Menschen bei den "Fridays for Future"-Demonstrationen einsetzen. Wenn die Politik darauf nicht richtig reagiert, haben wir solche Sprengkraft in unseren Demokratien und Wut von jungen Menschen!

Ursula von der Leyen im Porträt
Bild: © KNA

Ursula von der Leyen (CDU) wurde im Juli auf Vorschlag des Europäischen Rates durch das Europaparlament zur Präsidentin der Europäischen Kommission gewählt. Ihre fünfjährige Amtszeit beginnt am 1. November 2019.

Frage: Wie sehen Sie die Lage im Mittelmeer? Einige Rettungsschiffe mit Geflüchteten müssen viele Tage warten, bis sie anlegen dürfen.

Hollerich: Mich haben in den vergangenen Tagen viele Nachrichten und Fotos vom Rettungsschiff "Mare Jonio" erreicht. Man sieht Menschen, die in Libyen geschlagen und gefoltert wurden. Das ist ganz klar unchristlich, aber auch unmenschlich. Da verliert Europa wirklich seine Seele. Die Zentren in Libyen dürfen nicht so weiter existieren. Wir können nicht in Kauf nehmen, dass Menschen versklavt werden. Klar wird es schwierig, mit allen EU-Mitgliedstaaten zu einer Flüchtlingsverteilung zu kommen. Aber man kann ja eine 'Koalition der Willigen' bilden. Auf jeden Fall muss aufhören, was sich derzeit in Italien abspielt.

Frage: Wie kann die Kirche Ihre Interessen stärker in der EU einbringen?

Hollerich: Sie muss mit Politikern verschiedener Parteien sprechen und Allianzen für verschiedene Themen aufbauen. Ich werde manchmal als Hauptlobbyist der katholischen Kirche dargestellt - aber wir sprechen für die Schwachen, für jene, die keine Stimme haben. Wir machen kein Lobbying, sondern Anwaltschaft. Als Christen treten wir gemeinsam auf. Wir vertreten nicht nur die Positionen der katholischen Kirche, sondern arbeiten auch eng mit unserem evangelischen Partner zusammen, der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK). Unser Ziel als Christen muss sein, dass die Bürger Europas und die Armen dieser Welt Gewinner werden.

Frage: Mit dem Vertrag von Lissabon wurde 2009 ein regelmäßiger Austausch zwischen Kirchen und EU-Institutionen festgelegt. Müsste dieser Austausch nach zehn Jahren reformiert werden?

Hollerich: Das wäre keine schlechte Sache - aber sie müsste im Dialog geschehen. Es wäre derzeit sicher falsch, große Forderungen an die EU-Kommission zu stellen. Der Dialog mit der Juncker-Kommission hat sehr gut geklappt - auf allen Ebenen. Ich möchte diesen Dialog in Zukunft noch etwas ökumenischer angehen.

Frage: Wird die Kardinalsernennung Ihre Arbeit verändern?

Hollerich: Ich bin derselbe wie vorher. Ich hoffe, mich immer noch mehr zum Evangelium zu bekehren. Der Titel gibt einem wohl mehr Gewicht bei Treffen mit Politikern und Bischofskonferenzen. Ich danke dem Papst von ganzem Herzen, dass er die COMECE für so wichtig erachtet, dass er deren Präsidenten zum Kardinal macht.

Von Franziska Broich (KNA)