In die Außenwand des Taufsteins von Schloss Lenzburg sind Rosen und gotische Verzierungen eingemeißelt.
Bild: © Mirjam Stutz
Rätsel um den Sensationsfund nach zwei Jahren gelöst

Geraubt, vergraben, vergessen: Der Taufstein von Schloss Lenzburg

Von den Habsburgern bis hin zu britischen Royals – wer hat den 2015 gefundenen Taufstein auf das schweizerische Schloss Lenzburg gebracht? Viele Menschen versuchten sich an einer Erklärung, doch erst der Historiker Josef Kunz brachte Licht ins Dunkel.

Von Cornelius Stiegemann |  Villmergen - 03.10.2019

Der Bagger hatte an diesem Tag im November 2015 bereits mehrere Meter Erde ausgehoben, als die Zähne der Schaufel plötzlich auf etwas Hartes stießen. Der Bauführer reagierte sofort. Er tauschte Maschine gegen Maurerkelle und stieg in die Grube am Fundament der Mauern von Schloss Lenzburg. Vorsichtig grub er von Hand weiter. Nach Stunden hatte er ein großes Steinbecken freigelegt. Ein Kran hob das schwere Objekt aus der sandigen Erde. Kurz darauf traf die Mittelalterarchäologie des Kantons Aargau ein.

Als die Forscher das Becken säuberten, kamen an seiner Außenwand gotische Bögen und Rosenmotive zum Vorschein. Für den Leiter der Kantonsarchäologie war klar, es konnte sich hierbei nur um einen spätmittelalterlichen Taufstein handeln. Die lokalen Medien sprachen von einem Sensationsfund. Dass der Taufstein aus der Region stammen musste, konnte der Archäologe mit einiger Sicherheit sagen. Bei dem Material handelte es sich um Muschelkalk, der im Kanton Aargau vorkommt. Doch wie alt war das Taufbecken und wieso hatte man es neben der Burgmauer vergraben? "Die Beantwortung dieser Fragen ist nun Sache der Kunsthistoriker", sagte der Leiter der Kantonsarchäologie. Man stellte den Taufstein am Rand des Schlossplatzes auf. Und ließ ihn dort stehen.

Erst zwei Jahre später landete das Taufbecken auf Josef Kunz' Tisch – in Form der Anfrage der katholischen Pfarrei Herz Jesu in Lenzburg. "Ich bin Regionalhistoriker und Kirchenarchivar in Villmergen. Deshalb ist die Pfarreileitung auf mich zugekommen und hat gefragt, ob ich die Herkunft des Taufbeckens bestimmen kann und wie es auf die Lenzburg gekommen ist." Kurz zuvor hatte die Stiftung, die das Schloss heute verwaltet, den beiden Kirchen der Stadt Lenzburg angeboten, den Taufstein als Dauerleihgabe zu übernehmen. Er sollte nicht mehr auf dem Schlossplatz stehen, weil er nicht ins museale Konzept der Anlage passte. Die reformierte Gemeinde entschied sich dagegen, die katholische sagte zu.

Wildwuchs der Theorien

Und Kunz wurde beauftragt, Licht ins Dunkel der Geschichte des Steins zu bringen. Denn während der Stein in den zwei Jahren seit seiner Entdeckung langsam Moos angesetzt hatte, haben wilde Theorien um ihn ihre schönsten Blüten getrieben. So behaupteten einige, der Taufstein wäre der Beleg dafür, dass die Habsburger ihren Sitz nach Lenzburg verlegen wollten. Denn der älteste Sohn Ottos des Fröhlichen zog nach dem Tod seines Vaters nicht auf dem namensgebenden Stammsitz der Herzöge von Österreich, die Habsburg. Stattdessen wählte er die keine zehn Kilometer nördlich davon gelegene Lenzburg. Dieser Friedrich II. von Habsburg hätte in den Lenzburger Mauern auch heiraten sollen – und zwar die Tochter des englischen Königs Edward III.

Dem Taufstein von Schloss Lenzburg wird zum Schutz vor Wind und Wetter eine bronzene Haube aufgesetzt.
Bild: © Mirjam Stutz

Die fünfblättrige Rose, die man auf diesem Foto gut erkennen kann, war nicht nur ein beliebtes Mariensymbol, sondern findet sich seit 1522 auch im Villmerger Wappen.

Eine solche Heirat hätte adäquater Gebäude bedurft. Und tatsächlich begannen die Bauarbeiten am heutigen Ritterhaus in diesen Jahren. Warum dann nicht auch an einer Kirche auf dem Schlossberg, fragen die Verfechter dieser Theorie. Doch das Ritterhaus blieb durch den frühen Tod Friedrichs unvollendet und von den Fundamenten einer Kirche fehlt jegliche Spur. Hatten übereifrige Steinmetze das Taufbecken schon fertiggestellt und wussten nun nicht wohin damit? Wurde es deshalb vergraben?

Wenn schon kein Spross aus der Habsburgerdynastie, dann wenigstens eine andere royale Verbindung. Das zumindest behauptet die zweite Theorie: Zu Beginn des letzten Jahrhunderts befand sich die Schlossanlage in Privatbesitz. Der reiche amerikanische Papierfabrikant August Edward Jessup hatte sie 1892 gekauft. Er führte umfangreiche Baumaßnahmen am Schloss durch, um es wieder in den Zustand zu versetzen, in dem es vor dem 17. Jahrhundert war. "Es gibt die Spekulation, dass Jessup den Taufstein in Auftrag gegeben hat", sagt Kunz. Dafür würden – so die Verfechter dieser Theorie – die Rosen auf der Außenwand des Taufsteins sprechen.

Denn neben der fünfblättrigen Rose, die in der Kunst des Mittelalters als typisches Mariensymbol vorkommt, tauchen auch doppelte Rosen darauf auf, bei der zwei Kränze aus Blütenblättern übereinanderliegen. Diese Form der Rose war als Kombination der Wappen der Adelsdynastien York und Lancaster das Symbol des Herrscherhauses Tudor. Und bis heute findet sich die doppelte Rose im Großen Wappen des Vereinigten Königreichs. Doch warum sollte ein amerikanischer Industrieller einen Taufstein mit Tudorrose in Auftrag geben? Nun, seine Frau, Mildred Marion Bowes-Lyon, war die Tante der Königinmutter Elizabeth Bowes-Lyon und damit Großtante von Königin Elisabeth II. Warum der Taufstein dann tief an der Burgmauer vergraben wurde, kann auch diese Theorie nicht erklären.

Eine Burg ohne Kapelle

Nach zwei Jahren der Legendenbildung hatten sich weder Herkunft noch Datierung geklärt. Dann begann Historiker Kunz mit der Arbeit. Zunächst konnte er ausschließen, dass der Taufstein auf Schloss Lenzburg zu liturgischen Zwecken verwendet worden war. Denn auf der Lenzburg hatte es nie eine Kapelle gegeben, in die dieser große Taufstein gepasst hätte. Eine Burg ohne Kapelle, das klingt erst einmal ungewöhnlich. Doch anders als in vielen Teilen des Heiligen Römischen Reiches war die Burg im Spätmittelalter nicht mehr Sitz einer adligen Familie, die eine Eigenkapelle besessen hat. Die Habsburger hatten das Schloss an die Eidgenossen verloren und die Berner Patrizier schickten zur Verwaltung des Gebiets einen Landvogt nach Lenzburg. Dieser residierte zwar auf dem Schloss, nutzte die Burg aber nie als familieneigenen Sitz, da sein Amt turnusmäßig durch Wahl besetzt wurde. Die Schlossherren besuchten den Gottesdienst im nahegelegenen Ort Lenzburg.

Der Taufstein stammt also nicht von der mittelalterlichen Lenzburg. Hat der Amerikaner Jessup ihn also bei einem Steinmetz in Auftrag gegeben? Dann müsste er oder ein späterer Besitzer ihn auch tief an der Burgmauer vergraben haben. "Aber das macht in der Korrelation zur Baugeschichte des Schlosses keinen Sinn", sagt Kunz. "Weil wir relativ genau wissen, in welchen Jahren und Etappen das Schloss militärisch verstärkt wurde." Die letzte größere Maßnahme geschah im Kontext des Dreißigjährigen Kriegs. "Die Eidgenossenschaft blieb zwar von direkten Kriegshandlungen verschont, man befürchtete aber dennoch stets einen Angriff – vor allem, weil der Krieg so lange dauerte und es ungewiss war, wer als Sieger daraus hervorgehen würde." Selbst zwölf Jahre nach Unterzeichnung des Westfälischen Friedens 1648 wirkte die Angst noch nach, weshalb die "Berner einen sehr großen Erdwall um die Befestigungen der Burg herum aufschütteten. Das passierte von 1660 bis 1670." Kunz geht davon aus, dass man den Taufstein in dieser Zeit als Baumaterial für den Wall verwendet hat.

Die Leitung der Pfarrei Herz Jesu in Lenzburg und Historiker Josef Kunze stehen am Taufstein.
Bild: © Mirjam Stutz

Die Leitung der Pfarrei Herz Jesu in Lenzburg und Historiker Josef Kunz (2.v.l.) präsentieren den restaurierten Taufstein von Schloss Lenzburg, der nun seinen Platz im Pfarrgarten von Lenzburg gefunden hat.

Damit war klar, dass der Taufstein seit knapp 350 Jahren vergraben war. Doch woher kam er? Und wie war er hierher gelangt? Dafür untersuchte Kunz die Rosenmotive genauer. "Die fünfblättrige Rose ist nicht nur ein Mariensymbol, sie findet sich auch im Wappen der Gemeinde Villmergen. Die Villmerger Rose wird urkundlich zum ersten Mal 1522 erwähnt." Kunz ist sich deshalb sicher, dass "der Taufstein einen Bezug zu Villmergen gehabt haben muss. Denn im Kanton Aargau gibt es keine andere Gemeinde, die eine Rose im Wappen führt." Nach seiner Einschätzung handelt es sich um den Taufstein aus der alten Kirche von Villmergen.

Taufsteintransport in konfessionell konfliktreichen Zeiten

Heute braucht man von Villmergen bis Schloss Lenzburg keine zehn Autominuten, sagt Kunz. Früher war das immerhin noch eine halbe Tagesreise zu Pferd. Doch Mitte des 17. Jahrhunderts waren viele Menschen in dieser Gegend unterwegs, überwiegend bewaffnete. "Villmergen, das muss man sich geographisch vor Augen halten, lag im Grenzraum zwischen den beiden konfessionellen und politischen Gebieten", sagt Kunz. Die Stadt gehörte zum Einflussgebiet von Luzern, "der damals bedeutendsten katholischen Stadt der Schweiz. Doch schon das nächste Dorf, nur drei Kilometer von Villmergen entfernt, war bernisch also reformiert." Es lag nahe, dass die Truppen der verfeindeten Städte irgendwo in diesem Grenzgebiet aufeinandertreffen würden. Und das geschah 1656 mit dem Ersten Villmerger Krieg.

"Die Berner haben Villmergen besetzt und – wie es damals üblich war – auf Kosten der Bevölkerung gelebt. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, haben sie mitgenommen." Auch einen steinernen Taufstein? Der wiegt immerhin stolze 600 Kilogramm. "Damals bestanden die Heere nicht aus Berufssoldaten, sondern aus Söldnern. Die heuerten für Sold und Kriegsbeute bei einer der vielen kriegführenden Parteien an." Und wenn der Sold ausblieb, "erpresste man die Bauern um Nahrungsmittel und nahm Dinge mit, die einen gewissen Handelswert hatten". Häufig kam es vor, dass die Offiziere ihren Soldaten Gegenstände abkauften, die sie als wertvoll erachteten oder erkannten. "Die Söldner waren wohl der Meinung, sie könnten daraus Geld machen. Nur so kann ich mir erklären, warum neben Kirchenbüchern und liturgischen Gefäßen auch der Taufstein aus der Kirche von Villmergen geraubt wurde." Vermutlich hat man den Stein mit großem Kraftaufwand auf einen Wagen gehievt und nach Lenzburg gebracht, wo die Truppen der Berner lagerten.

Es ist die Ironie der Geschichte, die diesen aufwändig aus Villmergen gestohlenen Taufstein, von dem die Söldner sich großen Gewinn erhofften, dann am Fundament der Mauern von Schloss Lenzburg verschwinden lässt. Doch es ist auch ein Glück, weil er so der Nachwelt erhalten blieb. Historiker Kunz ist ziemlich zufrieden mit seinen Forschungen. "Es bleiben natürlich gewisse Fragen offen, hundertprozentig kann ich mich nicht festlegen", aber bis zu einem Zufallsfund in den Archiven der Abtei Muri-Gries oder des Luzerner Staatsarchivs, ist das Rätsel um den Taufstein erst einmal weitestgehend gelöst. Nun steht er – von Moos und wildwuchernden Theorien befreit – im Pfarrgarten von Herz Jesu in Lenzburg.

Von Cornelius Stiegemann