Koch: "Synodaler Weg" wird schon vor Beginn in Misskredit gebracht
Gastbeitrag des Berliner Erzbischofs für katholisch.de

Koch: "Synodaler Weg" wird schon vor Beginn in Misskredit gebracht

In einem Gastbeitrag für katholisch.de nennt Berlins Erzbischof Heiner Koch seine Erwartungen an den "synodalen Weg". Zugleich beklagt er den Versuch mancher "Personen und Gruppen", schon im Vorfeld des Prozesses eigene Überzeugungen durchsetzen zu wollen.

Von Erzbischof Heiner Koch |  Berlin - 11.09.2019

Die deutschen Katholiken streiten lieber miteinander, damit in dem Getöse nicht auffällt, dass sie in der Verkündigung des Glaubens immer wirkungsloser werden. Mit diesem Vorwurf, der mir kürzlich vorgetragen wurde, wird auch der synodale Gesprächsprozess in Misskredit gebracht, noch bevor er begonnen hat.

Damit macht man es sich aber zu einfach, auch wenn die Kirche "an ihren Früchten" (Mt 7,16) erkannt werden soll. Denn wir dürfen nicht vergessen, was uns auf diesen "synodalen Weg" führt: In der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche, seiner Vertuschung und Verharmlosung, sind wir zu dem Schluss gekommen, diesen "synodalen Weg" zu beschreiten, die Wirklichkeit der Kirche besonders in unserem Land genau anzuschauen und miteinander das Gespräch zu suchen. Ich sehe keine Alternative und erwarte spannungs- und risikoreiche, aber hoffentlich auch bereichernde und von Gott gesegnete Gespräche.

Wer meint, er wisse bereits alles und müsse den anderen nur mitteilen, wie es mit der Kirche weiterzugehen habe, ist für den 'synodalen Weg' ungeeignet.

Zitat: Erzbischof Heiner Koch

Mir ist wichtig, dass der Dialog nicht eine Maßnahme des operativen Geschäfts sein darf, um den Betrieb Kirche notdürftig am Laufen zu halten. Ich vertraue darauf, dass dieses Gespräch selbst zu einem Weg der Gotteserfahrung werden kann. Ich lese für mich die Emmauserzählung (Lk 24,13-34) neu: Zunächst einmal schließen sich die beiden Jünger nicht wie die anderen aus Angst in einen Raum ein, sondern machen sich auf den Weg. Ratlosigkeit und Frustration am Anfang des Wegs werden durch das Aufeinander Hören und Miteinander Sprechen überwunden. Am Ende steht eine andere Glaubensgewissheit: Gott selbst gibt sich mit seinem Wort in unsere Worte.

Eine solche Erfahrung auf dem Weg setzt eine Offenheit für Gottes Wort und das Wirken seines Geistes in unserem Miteinander voraus. Die innere Freiheit, Gott zu vertrauen, den anderen Menschen das Gute zuzutrauen und selbst nicht fertig sondern lernbereit zu sein, sind die besten Voraussetzungen für den "synodalen Weg". Wer meint, er wisse bereits alles und müsse den anderen nur mitteilen, wie es mit der Kirche weiterzugehen habe, ist für den "synodalen Weg" ungeeignet. Mit Sorge sehe ich deshalb, wie sich schon jetzt Personen und Gruppen in Position bringen und den "synodalen Weg" als ihre Bühne nutzen, um ihre Überzeugungen wie in einer parlamentarischen Abstimmung durchzusetzen. Das zerstört Vertrauen, manipuliert und behindert die Freiheit. Stattdessen sollte uns schon am Beginn des Weges klar sein, dass vielleicht am Ende Ergebnisse stehen, mit denen wir jetzt nicht rechnen.

Wir werden uns mit gegenläufigen Anliegen auseinandersetzen. Dabei stehen wir ja nicht am Punkt Null unseres Gesprächs: Die Themen sind nicht neu. Viele Überlegungen wurden schon in den letzten Jahrzehnten hierzu angestellt, Aspekte ausgeleuchtet und erörtert. Neu ist, dass wir sie auf einem "synodalen Weg" besprechen wollen, auf einem Weg, auf dem wir bereit sind, uns in Frage stellen zu lassen und mit- und voneinander zu lernen. Nichts wäre tödlicher für diesen Weg, als die Vorstellung, es ginge beim "synodalen Weg" vor allem um die Strategie, die eigene Überzeugung politisch klug und öffentlichkeitswirksam durchzusetzen.

Die Nagelprobe dieses Weges wird sein, auch an seinem Ende zusammen zu bleiben.

Zitat: Erzbischof Heiner Koch

"Synodaler Weg" heißt: Wir gehen miteinander. Die Nagelprobe dieses Weges wird sein, auch an seinem Ende zusammen zu bleiben, selbst wenn die eigenen Überzeugungen sich vielleicht in überraschender Weise weiterentwickelt haben und wir nicht den öffentlichen Beifall mancher Gruppen in der Kirche oder in den Medien erhalten. Ja, dass wir selbst dann zusammenbleiben, wenn wir auf einige Fragen keine Antworten und für einige Probleme keine Lösungen finden. Dann wird unsere große Herausforderung sein zu sagen: Wir als bunte katholische Kirche in Deutschland bleiben zusammen, auch mit unseren Differenzen und Begrenzungen.

Ich lade herzlich ein, den "synodalen Weg" mutig und mit innerer Freude zu gehen, auch im Bewusstsein unserer unauflöslichen Einheit mit der Weltkirche. Wir stehen aber auch zu unserer Verantwortung für sie, in die wir unsere Erfahrungen und Überlegungen einbringen wollen.

Von Erzbischof Heiner Koch

Der Autor

Heiner Koch (*1954) ist seit September 2015 Erzbischof von Berlin. Zuvor war er unter anderem von 2006 bis 2013 Weihbischof im Erzbistum Köln und von 2013 bis 2015 Bischof von Dresden-Meißen. In der Deutschen Bischofskonferenz ist Koch Vorsitzender der Kommission für Ehe und Familie, Vorsitzender der Unterkommission für Mittel- und Osteuropa sowie Mitglied der Kommission Weltkirche. Bei der Vorbereitung des "synodalen Wegs" ist er Mitglied im Forum "Sexualmoral".