Missbrauch im Bistum Münster wird wissenschaftlich untersucht
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"Mit Blick auf die Täter werden wir Ross und Reiter nennen"

Missbrauch im Bistum Münster wird wissenschaftlich untersucht

Den Wissenschaftlern wird maximale Unabhängigkeit sowie direkter Zugang zu allen Archiven und Personalakten zugesichert: Mit einer neuen Missbrauchsstudie will das Bistum Münster vollständige Aufklärung leisten – gerade auch mit Blick auf die Täter.

Münster - 20.09.2019

Das Bistum Münster lässt Missbrauchsfälle in seinem Bereich von Wissenschaftlern untersuchen. Das auf zweieinhalb Jahre angelegte Forschungsprojekt beginnt am 1. Oktober, wie die Universität Münster am Donnerstag mitteilte. Dort soll sich ein fünfköpfiges Team mit den Fällen von sexuellem Missbrauch durch Priester und andere kirchliche Amtsträger zwischen 1945 und 2018 befassen. Die Diözese stellt dafür rund 1,3 Millionen Euro zur Verfügung.

Generalvikar Klaus Winterkamp sicherte den Wissenschaftlern "maximale Unabhängigkeit" zu. Sie hätten direkten Zugang zu allen Archiven sowie zu Personal- und Sachakten. "Es ist in unserem Interesse, die schrecklichen Taten des Missbrauchs von einer vollkommen unabhängigen Institution aufarbeiten zu lassen", sagte er. Der Wunsch der Betroffenen nach Aufklärung sei mehr als nachvollziehbar.

"Mit Blick auf die Täter werden wir Ross und Reiter nennen"

"Wenn ich auch nur den Hauch eines Zweifels an der Unabhängigkeit meines Teams hätte, hätte ich dieses Projekt nicht angenommen", sagte Studienleiter Thomas Großbölting. Der Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte kündigte an: "Mit Blick auf die Täter werden wir Ross und Reiter nennen."

Die Forscher wollen laut Großbölting anhand der Aktenauswertung nachvollziehen, wer wann im Bistum zum Thema Missbrauch kommuniziert und möglicherweise auch Hinweise vertuscht hat. Zusätzlich würden Interviews mit Betroffenen geführt, "um anhand von Einzelfällen Dynamiken des Handelns und Hintergründe aufzudecken, die Missbrauch möglich machten." Einzelne exemplarische Fälle würden konkret aufgearbeitet und die Hintergründe offengelegt. Ein siebenköpfiger Beirat mit Vertretern von Universität, Bistum und Betroffenen wird das Projekt den Angaben zufolge begleiten und unter anderem auf die Einhaltung wissenschaftlicher und juristischer Standards achten.

Die deutschen Bischöfe hatten 2018 eine Studie zu sexuellem Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche (MHG-Studie) veröffentlicht. Sie verzeichnete im Bistum Münster mindestens 450 Betroffene und 138 beschuldigte Kleriker in den Jahren 1946 bis 2014. Dem früheren Münsteraner Bischof Reinhard Lettmann (1933-2013) wird vorgeworfen, einen verurteilten Priester versetzt und damit weitere Missbrauchstaten ermöglicht zu haben.

Auch in anderen deutschen Diözesen gab oder gibt es ergänzende Untersuchungen zur MHG-Studie. In der vergangenen Woche kündigte das Bistum Essen an, den sexuellen Missbrauch in der Kirche mit einer eigenen Studie wissenschaftlich untersuchen lassen zu wollen. Ein Institut mit entsprechender Expertise solle herausfinden, was in der Vergangenheit im Ruhrbistum dazu beigetragen habe, sexuellen Missbrauch durch Priester und andere Mitarbeitende zu ermöglichen, hieß es. Auch gehe es um die Frage, warum Verbrechen nicht aufgedeckt, sondern verharmlost oder nicht wahrgenommen worden seien. (tmg/KNA)