Einen Papst mit Ecken beobachten
Kolumne: Römische Notizen

Einen Papst mit Ecken beobachten

Papst Franziskus medial zu begleiten, ist eine sportliche Sache: Mal geht es drunter und drüber, immer ist es spannend. Bei seinen Vorgängern sah das etwas anders aus. Warum sie die nicht immer leichte Art von Franziskus dennoch schätzt, berichtet Vatikan-Journalistin Gudrun Sailer.

Von Gudrun Sailer |  Rom - 23.09.2019

Gudrun Sailers Kolumne Römische Notizen (Bildquelle: Fotolia.com/Delphotostock/BillionPhotos.com)

Ich schaue jeden Tag Papst. Mir ist fast langweilig, wenn er mal nichts unternimmt, niemanden empfängt, niemanden ernennt, keine seiner halböffentlichen Frühmessen hält, keine Reliquien verschenkt oder sonst was Aufregendes tut. Gut, dass so ein Loch höchstens im Sommer vorkommt. Ich bin Vatikanberichterstatterin, mein Objekt ist der Papst, und wo wir schon die Karten offen auf den Tisch legen, aber vielleicht kennen Sie das Blatt in meiner Hand ja ohnehin schon: Der Papst zahlt mein Gehalt und kann schon allein deshalb von mir ein Grundmaß an Loyalität erwarten. Loyalität, die freilich nicht mit Unterwürfigkeit verwechselt werden sollte.

Papst Franziskus journalistisch zu begleiten, ist mitunter eine Herausforderung. Seine Vorgänger verhielten sich in vielem pflegeleichter. Warum? Weil sie so rücksichtsvoll, verlässlich und gut vorbereitet waren.

Unter dem späten Johannes Paul II. bin ich als Redakteurin bei Radio Vatikan (heute Vatican News) eingestiegen, als der Papst schon sehr krank und schwach war. Er litt. Sein Apparat litt nicht. Apparate wie die der Römischen Kurie sind dazu da, notfalls auch ohne Chef zu laufen, eine Weile zumindest. Und was soll ich sagen? Alles lief wie geschmiert. Bischöfe wurden ernannt, Vatikanbehörden tagten in Vollversammlung und gaben Papiere heraus, Kardinäle gewährten Interviews über dieses und jenes, der alte Papst empfing bis fast ganz zuletzt offiziell Gäste, seine Reden hielt er nicht selbst, aber sie wurden verlesen oder übergeben, womit sie als gehalten galten.

Von Anfang an kürzer getreten

Papst Benedikt trat von Anfang an kürzer. Er konzentrierte sich auf das, was ihm als Kirchenoberhaupt wichtig war, empfing weniger Staatsoberhäupter und keine Minister, schrieb aber alle seine Predigten selbst, eine schöner als die andere. Und er verließ sich im Großen und Ganzen auf seinen Apparat, den er kannte und respektierte. Benedikt war in diesem Punkt ein fügsamer Papst.

Was man von Franziskus nicht behaupten kann. Der aktuelle Papst gleicht, um ein Bild aus seinem Repertoire zu benutzen, einem Polyeder. Er ist unregelmäßig, mit Ecken, er überrascht, er sagt und tut manch schwer erklärbare Dinge (die Sache mit den verschenkten Petrus-Reliquien, nur zum Beispiel, fanden viele kühn). Franziskus rauscht durch seinen Terminplan, ist immer zu früh da, nie zu spät, und es kommt vor, dass er schon durch ist, wenn die Liveübertragung erst anfangen soll, dann sitzt man ratlos im Kabinchen und ahnt, was los ist.

Nur bei Anlässen wie dem Angelus zu den Menschen zu sprechen, reicht Papst Franziskus nicht.

Interviews gibt Franziskus als erster Papst zuhauf und allen möglichen Medien, nur nicht seinen eigenen. Ich kann das verstehen, unsereins hängt sowieso täglich an seinen Lippen, anders als vermutlich das niederländische Obdachlosenmagazin Straatnieuws, die französische Postille Paris Match oder der spanische Unterhaltungskanal LaSexta, die Franziskus querbeet befragten. Von solchen Privatinitiativen des Chefs erfahren wir meist erst, wenn sie publik werden. Dann ist man eine Weile gut beschäftigt. Neu an diesen Interviews ist weniger, was Franziskus so erzählt, sondern dass sie stattfinden, dass ein Papst zu sogenannten "Fernstehenden" in erster Person und auf ihren Kanälen spricht. Dass er medial an die Ränder geht.

Ein freierer Papst

Franziskus fühlt sich in seinem Amt freier als die Päpste vor ihm. Vielen, die ihn persönlich gesprochen haben, machte genau das Eindruck: seine offensichtliche innere Freiheit. An seine Predigttexte hält er sich, nicht so an die Redetexte. Da passiert es, dass er das Blatt zur Seite legt und den Leuten sagt: "So, das wird euch dann ausgeteilt, jetzt stellt mir eure Fragen!" An diesem Punkt wird der Apparat nervös, nicht so sehr wegen der absehbaren Mehrarbeit, geschenkt, als wegen der Freiheit. Zu welchen Anlässen die sich bei Franziskus gerne Bahn bricht, haben wir gelernt einzuschätzen: wenn er Jugendliche, Priester oder Ordensleute trifft. Deshalb mussten wir schon lang keinen Beitrag mehr in die Tonne treten, den wir vorab anhand des Textes (wir kriegen sie etwas eher) gestrickt hatten in der Hoffnung, Zeit zu sparen. Wir wissen: Diesen Papst musst du dauernd im Auge behalten. Seine Reden zu lesen, genügt nicht. Er kann spontan vom Papamobil steigen am Sperrwall im Heiligen Land, die Stirn an die Mauer legen und beten, und wenn du da gerade nicht hinschaust, weil du an seiner nächsten Rede dran bist, dann hast du die eindringlichste Geste der Heiliglandreise halt verpasst. Blöd, weil genau dir das nicht passieren sollte.

Franziskus erinnert uns jeden Tag in Worten und Taten daran, dass der Heilige Geist weht, wo er – der Geist – will. Eingebungen, Unvorhergesehenes, freie Worte, spontane Gesten ergänzen von langer Hand Vorbereitetes. Aus Mediensicht ist die Art, wie dieser Papst kommuniziert, ein Geschenk. Anstrengend für seine Entourage, befremdlich für einige fromme Christenseelen, wie nicht verschwiegen sei, aber faszinierend für die meisten anderen. Und die will Franziskus erreichen. Er ist kein Papst der oberen Zehntausend. Er weiß, mit Katechesen allein ist heute kein Staat zu machen. Es darf beim Oberhaupt der katholischen Kirche auch mal gehetzt statt gesetzt zugehen. Wenn Unbefangene das Gefühl haben, dieser Papst ist er selbst, er wird mir nicht bloß so serviert, sondern er ist so, dann kann seine Botschaft wirklich Neugier wecken und Sehnsucht treffen.

Franziskus fordert von seiner Kirche, von den Getauften, Kreativität. Diese Kreativität ist uns als seiner Medienmeute täglich abverlangt. Manchmal galoppieren wir, manchmal schwimmen wir. Hält uns sportlich.

Von Gudrun Sailer

Kolumne "Römische Notizen"

In der Kolumne "Römische Notizen" berichtet die "Vatikan News"-Redakteurin Gudrun Sailer aus ihrem Alltag in Rom und dem Vatikan.