Rudolf Voderholzer bei einer Wallfahrt
Regensburger Oberhirte feiert 60. Geburtstag

Rudolf Voderholzer: Ein Bischof, der anpackt und aneckt

Er hilft bei der Weinlese und geht bei langen Fußwallfahrten mit: Rudolf Voderholzer ist ein Bischof ohne Berührungsängste. In kirchlichen Fragen verteidigt er strikt die Tradition, wofür ihn die einen loben, die anderen kritisieren. An diesem Mittwoch wird der Regensburger Oberhirte 60 Jahre alt.

Von Matthias Altmann |  Bonn/Regensburg - 09.10.2019

Als vor wenigen Wochen im Rahmen der 150-Jahr-Feier der Regensburger Domtürme eine aufsehenerregende Lichtshow sowohl die Kathedrale als auch die Stadt erleuchtete, zeigte sich Rudolf Voderholzer schwer beeindruckt. "Es ist schön, in Regensburg Bischof zu sein", sagte er beim Anblick des Spektakels. Höchstwahrscheinlich hat Voderholzer dies nicht nur im Rausch der Lichter gesagt. Im Vergleich zu anderen Bistümern in Deutschland leben die Gläubigen in Regensburg immer noch auf einer Insel der Seligen. Vielerorts existiert nach wie vor ein reges katholisches Leben. Kein Wunder, dass man gerne an der Spitze der ostbayerischen Diözese steht.

Das tut Voderholzer, der an diesem Mittwoch seinen 60. Geburtstag feiert, inzwischen seit fast sieben Jahren. Ende 2012 von Papst Benedikt XVI. ernannt, wurde der gebürtige Münchner am 26. Januar 2013 zum Bischof geweiht. Zuvor war er knapp acht Jahre Professor für Dogmatik an der Universität Trier. Der Posten als Regensburger Oberhirte war seit der Beförderung Gerhard Ludwig Müllers zum Präfekten der vatikanischen Glaubenskongregation vakant. Nun sollte Voderholzer ausgerechnet der Nachfolger seines Förderers werden: Er promovierte bei Müller und war dessen wissenschaftlicher Mitarbeiter, als dieser in München den Lehrstuhl für Dogmatik innehatte.

Kardinal Gerhard Ludwig Müller im Porträt

Kardinal Gerhard Ludwig Müller war Voderholzers Vorgänger als Bischof von Regensburg – und sein akademischer Ziehvater.

In seiner universitären Laufbahn erarbeitete sich Voderholzer beachtliches Renommee. Er gilt als ausgewiesener Experte für die Schriften des französischen Theologen Henri de Lubac sowie für das Werk Joseph Ratzingers. Seit 2008 ist er Direktor des "Instituts Papst Benedikt XVI." und somit verantwortlich für die Veröffentlichung der Gesammelten Schriften des emeritierten Pontifex. Er selbst schrieb schon Bücher, als an eine wissenschaftliche Karriere noch gar nicht zu denken war. Noch vor der Pubertät veröffentlichte Voderholzer zusammen mit seiner Mutter autobiografisch geprägte Bücher wie "Wir sind vier Geschwister" und "Eine lustige Familie". Seine Mutter war nicht nur Autorin, sondern auch Lehrerin.

Nach der Ära Müller waren die Gläubigen in der Diözese Regensburg besonders gespannt, wie der neue Bischof sein würde – wegen der engen Verbindung beider, aber auch, weil Müllers Amtszeit von einigen Misstönen begleitet war. Er fuhr eine stramm konservative Linie und führte das Bistum mit harter Hand. Voderholzer wirkte wie der komplette Gegenentwurf: zugänglich, freundlich, kommunikativ, bescheiden und demütig angesichts der Aufgabe, mit der er betraut wurde.

Keine Berührungsängste, keine Allüren

Im Umgang mit den Gläubigen ist der Regensburger Bischof stets nahbar. Sein Programm ist voll von Pastoralbesuchen und anderen Begegnungen. Dabei zeigt er keinerlei Berührungsängste oder Allüren. Er geht bei Fußwallfahrten mit, packt bei der Weinlese mit an, schaut bei Landwirten vorbei und erneuert regelmäßig sein Sportabzeichen. Einen kirchenpolitischen Kurswechsel gab es unter ihm jedoch nicht. Wie Müller polarisiert auch der aktuelle Regensburger Bischof mit seinen Positionen. Die konservativen Katholiken sehen ihn im eine Art "Musterbischof", der sich den "Wirren" des Zeitgeistes mutig entgegenstellt. Progressivere Kräfte unterstellen ihm, ein überholtes Kirchenbild zu vertreten.

Voderholzer sieht die Tradition der Kirche als ausschließlichen Maßstab seines bischöflichen Handelns und Sprechens. Schließlich habe er, wie er einmal betonte, bei seiner Bischofsweihe gelobt, "das von den Aposteln überlieferte Glaubensgut rein und unverkürzt weiterzugeben". So widerspricht er entschieden den Forderungen, die katholische Kirche müsse sich von starren Dogmen verabschieden. Er votiert etwa eindeutig gegen jede Lockerung des Zölibats. Für ihn ist das Beispiel Jesu der tiefste Grund für die Ehelosigkeit des Priesters. Auch beim Thema Frauenweihe sieht er keinen Spielraum: Seiner Ansicht nach habe Christus bewusst einen Kreis von Männern ausgewählt und ihnen die apostolischen Vollmachten übertragen. Die Kirche habe kein Recht, davon abzuweichen.

Der Bischof im Sportanzug beim Joggen im Stadion

In Voderholzers Programm ist auch Platz für Ausgleich: Hier absolviert der Regensburger Bischof das Sportabzeichen.

Bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals bei den Regensburger Domspatzen attestieren ihm Beobachter eine gute Figur. Unter seiner Ägide kam die systematische Aufklärung der Fälle ins Rollen. Dazu leistete Voderholzer auch persönlich einen Anteil: Er traf sich ohne Wissen der Öffentlichkeit mit Opfern und informierte sich bei seinem Bruder, der als Psychotherapeut und Arzt für Psychosomatik arbeitet, über die Langzeitfolgen für die Opfer. Nachdem der Abschlussbericht veröffentlicht worden war, wandte er sich in einem Hirtenwort an die Betroffenen körperlicher und sexueller Gewalt bei den Domspatzen. Darin bat er sie anstelle der Täter um Vergebung.

Etwas anders sieht seine Reaktion im Nachklang der MHG-Studie aus. Für die Fälle könne sich die Kirche zwar nur schämen – doch Voderholzer warnte davor, den Missbrauch für kirchenpolitische Zwecke zu instrumentalisieren. Er warf denjenigen vor, die auf Reformen in der Kirche drängten, die Fälle zu missbrauchen, um "ihre Rezepte, die schon vorgestern nichts taugten, mal wieder anzupreisen". Ihr Plan sei es, eine andere Kirche zu erschaffen. "Das ist es, was ich Missbrauch des Missbrauchs nenne."

Bedenken beim "synodalen Weg"

In Anbetracht seiner Positionen dürfte es nur die Wenigsten überrascht haben, dass Voderholzer den "synodalen Weg" in der Kirche Deutschlands, der Themen wie Sexualmoral, Priesterbild und die Rolle der Frau in der Kirche in den Blick nimmt, von Beginn an skeptisch betrachtete. So warnte er ausdrücklich davor, bei diesem Prozess eine neue Kirche erfinden zu wollen. Auch er sehe zwar die Notwendigkeit von Reformen und eines Neuaufbruchs im Glauben – doch das, was beim "synodalen Weg" als Reform vorgeschlagen werde, sei "die Aufgabe des katholischen Profils und die Preisgabe wichtiger Elemente". Außerdem werde in den Vorbereitungen die entscheidende Leitplanke übersehen, die der Papst in seinem Schreiben "An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland" aufgestellt habe: der Primat der Neuevangelisierung. Voderholzer stimmte gegen den Satzungsentwurf und kündigte an, dass er sich vorbehalte, aus dem Reformprozess auszusteigen. Gleichzeitig erklärte er, sich nicht den Vorwurf der Dialogverweigerung machen lassen zu wollen.

Doch nicht nur in innerkirchlichen Debatten geht Voderholzer der Konfrontation nicht aus dem Weg. Während sich seine Amtsbrüder zurückhaltend bis kritisch äußerten, begrüßte der Regensburger Bischof ausdrücklich den "Kreuz-Erlass" des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder: Vom Kreuz gehe Segen aus und niemand müsse davor Angst haben, sagte er. Den Islam bezeichnete er von seinem theologischen Wesen her betrachtet als "Widerspruch zum Christentum", was kulturell allenfalls ein Nebeneinander der beiden Religionen zulasse. Zudem zeigte er Verständnis dafür, dass manche Menschen Angst vor einer "Islamisierung" Europas hätten. Diese Aussagen griff anschließend auch die AfD auf. Das Bistum reagierte: Die Äußerungen des Bischofs seien selbstverständlich nicht politisch zu verstehen.

Auch im Bistum Regensburg werden die Stimmen nach Veränderungen in der Kirche lauter.

Besonderen Wert legt Voderholzer als Bischof von Regensburg auf eine gute Beziehung zur tschechischen Kirche, vor allem ins Nachbar- und Partnerbistum Pilsen. Die Gründe dafür liegen vor allem in Voderholzers sudetendeutschen Wurzeln. So begeht er viele Feierlichkeiten dies- und jenseits der bayerisch-tschechischen Grenze oft gemeinsam mit seinem Pilsener Amtsbruder Tomas Holub. "Es gibt keine andere tragfähige Klammer als den christlichen Glauben, der das vereinte Europa zusammenhalten kann" – das ist die Überzeugung des Regensburger Oberhirten.

Zusammenhalten will Bischof Voderholzer auch die Kirche angesichts der Zerreißproben, die ihr auch in Zukunft bevorstehen. Doch selbst im noch sehr katholischen Bistum Regensburg gibt es Stimmen, die sich eine strukturelle Veränderung der Kirche wünschen. Wenn die Zerreißprobe auch auf seine eigene Diözese zukommt, wird es spannend sein, wie er damit umgeht.

Von Matthias Altmann