Der Tübinger Dogmatiker Peter Hünermann
Schicksal der deutschen Kirche sei an Reformprozess gekoppelt

Hünermann: Wenn "synodaler Weg" scheitert, scheitert Kirche

Sollte der "synodale Weg" scheitern, "ist die Kirche bei uns total abgemeldet": Für den Dogmatiker Peter Hünermann hängt die Zukunft der Kirche in Deutschland vom Gelingen des Reformprozesses ab. Deshalb findet er deutliche Worte für dessen Kritiker.

Wien - 10.10.2019

Der Tübinger Theologe Peter Hünermann sieht das Schicksal der Kirche in Deutschland mit der Reformdebatte des "synodalen Wegs" gekoppelt. "Der Weg darf nicht so enden wie der letzte 'Dialogprozess': Ansonsten ist die Kirche bei uns total abgemeldet", sagte Hünermann im Gespräch mit der Presseagentur "Kathpress" (Donnerstag).

Das von den katholischen Bischöfen in Deutschland gemeinsam mit kirchlichen Laienvertretern angestoßene Reformprojekt werde zur Bewährungsprobe einer Kirche, die um gesellschaftliche Relevanz ringe. Er sei insgesamt aber zuversichtlich, dass dieses Projekt auch gegen Widerstände und innerkirchliche Kritiker durchgetragen und ein Erfolg werde, so Hünermann am Rande einer theologischen Veranstaltung in Wien.

Kritik übte der 90-Jährige an den Gegnern des zuletzt von den deutschen Bischöfen konkretisierten Reformvorhabens: Sie sähen nicht, dass alle nun diskutierten konkreten Schritte - Stichwort "viri probati", mehr Verantwortung für Frauen, Überdenken der kirchlichen Sexualmoral, Kontrollinstanzen für Bischöfe - nur vor dem Hintergrund des Missbrauchsskandals zu verstehen seien. Die Kritiker verkennten "die Tiefe der Erschütterung", die damit einhergingen.

Der Papst warne nicht vor Reformen

Mit Blick auf die beiden römischen Schreiben, die als Kritik oder Warnung an die deutsche Kirche interpretiert wurden, gelte es deutlich zu unterscheiden, so Hünermann. Das Schreiben des Präfekten der Bischofskongregation, Kardinal Marc Ouellet, könne als klassisches Beispiel eines überkommenen Denkens bei manchen Kurienbeamten betrachtet werden, die sich in alarmistischer Manier streng am Kirchenrecht abarbeiteten.

Der Brief hingegen, den Papst Franziskus an das "pilgernde Volk Gottes in Deutschland" geschrieben habe, sei aus seiner Sicht allzu kritisch und somit falsch interpretiert worden, sagte Hünermann. Franziskus habe darauf hinweisen wollen, dass Reformen "keine Anpassung an den Zeitgeist" sein dürften und ein "synodaler Weg" daher stets geistlich eingebettet sein müsse. "Der Papst warnte also nur vor Kurzschlusshandlungen und nicht vor Reformen allgemein", so der Theologe.

Hünermann gehört zu den gewichtigen Stimmen der deutschen Theologie. 1989 wurde er zum Gründungspräsidenten der Europäischen Theologengesellschaft gewählt. Er ist Mitherausgeber der theologischen Buchreihe "Quaestiones Disputatae". Der gebürtige Berliner war von 1985 bis 2003 auch Präsident des Katholischen Akademischen Ausländer-Dienstes (KAAD).

Der 1955 in Rom zum Priester geweihte Hünermann war seit 1967 Dozent in Freiburg. Von 1971 bis 1982 lehrte er in Münster und folgte dann dem Ruf als Nachfolger Hans Küngs, dem die Lehrbefugnis entzogen worden war. In Tübingen arbeitete er bis zu seiner Emeritierung 1997. Bei Hünermann habilitierte erstmals in Deutschland eine Frau in Dogmatik. 1989 erhielt der Theologe das Bundesverdienstkreuz. (KNA)