Gedenkmünze mit dem Konterfei Papst Benedikts XVI.
Historische Quellen aus Bronze, Silber und Gold

Die Jahresmedaillen – Päpstliche Propaganda im Kleinformat

Seit dem 15. Jahrhundert bringt der Vatikan jedes Jahr eine päpstliche Medaille heraus. Die Münzen sind nicht nur für Sammler von großem Wert. Der Kirchenhistoriker Jörg Ernesti hat sich intensiv mit ihnen beschäftigt. Seine These: Die Päpste wollten damit ihr Bild in der Öffentlichkeit beeinflussen.

Von Jörg Ernesti |  Augsburg - 13.10.2019

"Den Armen das Evangelium zu verkünden" gehört schon immer zu den zentralen Aufgaben der Nachfolger Petri. Im Medienzeitalter haben sich für die Päpste noch einmal ganz neue Möglichkeiten ergeben, die Frohe Botschaft an den Mann und an die Frau zu bringen. Es ist heute jedoch kaum im Bewusstsein, dass sie diese Möglichkeiten von Anfang an geschickt genutzt haben. Leo XIII. war der erste Papst, der einer Zeitung ein Interview gab. Bei den neuen großen Massenwallfahrten nach Rom, die durch die Eisenbahn möglich wurden, konnte er zu Zehntausenden von Menschen sprechen. Pius XI. ließ im Vatikan die erste Radiostation bauen, und sein Nachfolger Pius XII. spendete live im Fernsehen den Segen. Paul VI. lud erstmals Journalisten ein, ihn im Flugzeug zu begleiten. Unvergessen ist schließlich die große Virtuosität, mit der der polnische Papst sich in den Medien bewegt hat.

Doch wie haben die Päpste vor dem Medienzeitalter die öffentliche Meinung zu beeinflussen versucht? Ein Instrument, das heute im Schatten der Massenmedien steht, reicht 600 Jahre zurück: Seit dem 15. Jahrhundert geben die Päpste Medaillen aus, seit 400 Jahren alljährlich zum Hochfest der Apostelfürsten Petrus und Paulus.

Porträt plus Ereignis

Seit dem frühen Mittelalter waren die Päpste (mit einer kurzen Unterbrechung) Souveräne eines eigenen Staates, der lange Zeit sogar einen beträchtlichen Teil Italiens umfasste. Im Kirchenstaat gab es natürlich auch Münzen für den täglichen Warenverkehr. Medaillen verfolgen einen anderen Zweck: Mit Ihnen kann man nicht bezahlen. Vielmehr handelt es sich um Erinnerungsstücke, die man in die Hand nimmt und betrachtet. Sie bereichern die eigene Münzsammlung, werden aber auch verschenkt, etwa an andere Fürstenhöfe oder an hochgestellte Gäste. Medaillen können aus Bronze, Silber oder Gold gefertigt sein.

Auf der Vorderseite der Papstmedaillen, die im Schnitt vier bis fünf Zentimeter groß sind, sieht man zumeist das Porträt des regierenden Papstes. Auf der Rückseite ist ein besonderes Ereignis des zurückliegenden Jahres dargestellt, das es aus vatikanischer Sicht verdient, für das Gedächtnis festgehalten zu werden. Und gerade das macht die Papstmedaillen zu einem solch spannenden Medium: Sie präsentieren gewissermaßen die päpstliche Sicht der Dinge. Ein jüngst erschienener Band spricht daher im Titel von "Glänzender Propaganda". Dieses Wort scheint gerechtfertigt, da die Medaillen seit Jahrhunderten ein Instrument darstellen, auf die öffentliche Meinung einzuwirken (auch wenn sie heute natürlich im Schatten der Präsenz in den Massenmedien stehen). Erstmals wurde in diesem Band versucht, die Papstmedaillen an ausgewählten Beispielen systematisch darzustellen und als kirchenhistorische Quelle zu erschließen.

 Jörg Ernesti

Jörg Ernesti ist Professor für Mittlere und Neue Kirchengeschichte an der Universität Augsburg.

Welche Themen kommen auf den Rückseiten der Medaillen vor? Die einzelnen Themen sind so vielfältig wie die Papstgeschichte selbst. Ein wichtiger Themenblock ist das Wirken der Päpste als Landesherren. Auf den Medaillen werden Infrastrukturmaßnahmen gewürdigt, etwa der Bau neuer Straßen und Brücken. Besonders oft geht es um die Verschönerung der Ewigen Stadt. So wird etwa die Fassade des neuen Petersdomes, wie sie der Architekt Bramante zu Beginn des 16. Jahrhunderts entworfen hatte, dargestellt. Eine andere Medaille feiert den von Bernini geschaffenen neuen Petersplatz. Eine dritte erinnert an die Obelisken, die an markanten Plätzen der Stadt Rom aufgestellt wurden. Immer wieder geht es um Krieg und Frieden. So wird etwa der Siege gegen die Osmanen bei Lepanto und vor Wien gedacht.

Nach 1878 wurde die politische Rolle des Heiligen Stuhls stärker profiliert. Seit Papst Leo XIII. traten die Päpste immer wieder als neutrale Vermittler in internationalen Konflikten auf. Auch davon erzählen die Schaumünzen. Ein schönes Stück hält die erfolgreiche päpstliche Friedensvermittlung zwischen Deutschland und Spanien fest, die Bismarck im Konflikt um die Karolineninseln veranlasst hatte. Zugleich wollte der deutsche Reichskanzler damit einen Schlusspunkt unter den Kulturkampf setzen. Eine Medaille aus dem Pontifikat Johannes Pauls II. stellt den ersten Weltfriedenstag im Jahr 1986 in den Mittelpunkt, zu dem er Vertreter verschiedener Religionen nach Assisi einlud, um den gemeinsamen Einsatz für den Frieden hervorzuheben.

Medaille spielt auf Ansprache Pius' XII. an

Eine der am meisten diskutierten Fragen der Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts ist die, ob Papst Pius XII. zum Holocaust "geschwiegen" und ob er deutlich genug die Gräueltaten der Nationalsozialisten verurteilt hat. Während er bis zu seinem Lebensende hochgeschätzt wurde, kippte das Urteil im Jahr 1963 mit Rolf Hochhuths Theaterstück "Der Stellvertreter". Einen kleinen Mosaikstein bei der Beantwortung dieser Frage bietet die Medaille des Jahres 1942. Auf der Vorderseite sieht man das Profil des Pontifex, den die Zeitgenossen als hoheitsvoll und majestätisch erlebt haben (die Italiener bezeichnen ihn noch heute als "letzten Fürsten Gottes"). Auf der Rückseite fliegen drei erwachsene weibliche Gestalten, die durch ihre Flügel als Engel zu identifizieren sind, nach rechts. Ihre Botschaft, die sie mit Posaunen in die Welt hinaustragen, ist auf drei flatternden Schriftbändern erkennbar: Nächstenliebe, Friede, Gerechtigkeit. Begleitet werden sie von Blitzstrahlen, die Radiowellen symbolisieren sollen. Im unteren Teil versinnbildlicht die Kuppel des Petersdomes den Ort des Geschehens. Eine Inschrift deutet das Geschehen: "Der Papst spricht durch die Wellen der Luft." Diese Medaille spielt auf die Radioansprachen an, von denen Pius XII. sich eine breite Wirkung erhoffte. Eine Woche vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mahnte er die Welt zum Frieden und entwarf in den Ansprachen der Kriegsjahre die Prinzipien einer neuen Weltordnung, die eben auf Nächstenliebe, Frieden und Gerechtigkeit gründen sollte. Dazu sei die Zusammenarbeit aller Christen, ja aller Völker nötig. "Der Friede ist das Werk der Gerechtigkeit" war denn auch sein persönliches Motto.

Mit dieser Medaille wird er als moralische Stimme von großem Gewicht präsentiert, als eine Persönlichkeit, die zur Weltöffentlichkeit spricht, um ihr Orientierung zu geben. Genau so wollte sich der Pacelli-Papst gesehen wissen. Übrigens fiel in der weltweit im Radio übertragenen Weihnachtsansprache jenes Jahres das Wort von den "hunderttausenden von Menschen, (die) ohne eigene Schuld, zuweilen nur wegen ihrer eigenen Nationalität oder Rasse für den Tod oder ein schleichendes Verderben" bestimmt seien. Während Hochhuth diese und ähnliche Aussagen des Papstes als hohles Pathos charakterisierte, war dieser selbst überzeugt, damit die Verbrechen der Nazis deutlich genug verurteilt zu haben. Jüngst veröffentlichte Dokumente zeigen übrigens, dass Pius' Aufruf zur Zusammenarbeit über Kirchengrenzen hinweg von führenden Vertretern der Ökumenischen Bewegung sehr positiv aufgenommen wurde.

Päpstliche Jahresmedaille 2014

2014 wurde eine Gedenkmedaille zur Familiensynode herausgebracht.

Die Päpste haben immer wieder hervorragende Künstler in Dienst genommen. Das gilt für die großen Bauten und Kunstwerke Roms, das gilt aber auch für die Medaillen als Kunstwerke im Kleinstformat. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden übrigens die meisten Papstmedaillen von Angehörigen der Familie Hamerani geschaffen, die aus der Gegend von Landshut stammte. In jüngerer Zeit war es Paul VI., der auf die Gestaltung der Jahresmedaillen größten Wert legte. Selbst ein großer Kenner der modernen Kunst, beauftragte er zeitgenössische Künstler wie Emilio Greco oder Giacomo Manzù mit der Gestaltung seiner Prägungen. Lello Scorzelli, der Schöpfer des päpstlichen Kreuzstabes, beteiligte sich ebenfalls. So entstanden mutige, avantgardistische Medaillen, die zum Besten gehören, was das Genus zu bieten hat. Ehrlicherweise muss man hinzusagen, dass gerade die Papstmedaillen der letzten Jahre nicht immer höheren ästhetischen Ansprüchen genügen.

Wie hält es Papst Franziskus, der vieles im Vatikan hinterfragt, mit dem "altmodischen" Medium der Jahresmedaillen? Auffallend scheint nicht nur, dass der alte Brauch, jedes Jahr Medaillen auszugeben, unter ihm weiter gepflegt wird, sondern auch eine unverkennbare Neuerung, die er eingeführt hat: Der Pontifex verzichtet auf die bisher übliche Porträtform. Die Medaille des Jahres 2014 zeigt ihn im liebevollen Gespräch mit einem kleinen farbigen Jungen (dieser hatte es bei der Generalaudienz geschafft, unbemerkt zu ihm vorzudringen). Wenn die folgenden Jahresmedaillen ganz auf das Porträt verzichten und stattdessen das päpstliche Wappen abbilden, mag man das als Ablehnung des Kultes um die Person des Papstes verstehen. Inhaltlich ist an den aktuellen Medaillen interessant, dass sie die Schwerpunkte dieses Pontifikates ins Bild zu bringen versuchen. Die Prägung des Jahres 2014 etwa erinnert an die Familiensynode. Sie zeigt eine junge Familie vor dem Hintergrund einer Kirche, die in der Bibellesung vereint ist. "Die christliche Familie als Hauskirche", kommentiert die Inschrift die Szene. Die folgende Medaille stellt das für Franziskus so wichtige Thema der Barmherzigkeit in den Mittelpunkt. Das Schicksal der Flüchtlinge im Mittelmeer war ihm von Anfang an ein Herzensanliegen, wie er immer wieder betont hat. So zeigt die Medaille von 2017 die Rettung von Menschen aus Seenot. Das jüngste Stück ist übrigens der Amazonas-Synode und den Ureinwohnern dieser Region gewidmet.

Vielleicht macht gerade das die Faszination aus, die das Papsttum auf viele Zeitgenossen ausübt – ganz gleich, ob sie Katholiken sind oder nicht: Eine 2.000-jährige Institution reicht bis in die Gegenwart. Geschichte ist hier nicht Vergangenheit, sondern sie wird lebendig fortentwickelt. Gerade das kann man auch an den Papstmedaillen ablesen, die so etwas wie "Papstgeschichte im Kleinformat" bieten. Es ist beruhigend, dass der jährliche Brauch, wichtige Ereignisse auf Medaillen festzuhalten, auch heute weiter gepflegt wird.

Von Jörg Ernesti

Buchtipp

Kay Ehling/Jörg Ernesti: Glänzende Propaganda. Kirchengeschichte auf Papstmedaillen, Verlag Herder 2019, 240 Seiten, ISBN: 978-3-451-37698-6, 35 Euro.