Erzbischof Thomas Menamparampil ist in Indien als Friedensstifter bekannt
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Erzbischof Menamparampil über Versöhnungsprozesse und Evangelisierung

missio-Gast: Christen müssen sich in Gesellschaft einbringen

Thomas Menamparampil ist in Indien als Friedensstifter bekannt. Während des Weltmissionsmonats ist der Erzbischof, der für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde, in Deutschland zu Gast gewesen. Im Interview spricht er über Versöhnung und verrät, was beim "synodalen Weg" beachtet werden muss.

Von Roland Müller |  Bonn/Aachen - 26.10.2019

In Indien ist Erzbischof Thomas Menamparampil für sein großes Friedensengagement bekannt. Auch im Ruhestand setzt sich der 82-Jährige für die Versöhnung zwischen verfeindeten Konfliktparteien ein. Im Interview erzählt Menamparampil, der als Gast des Hilfswerks missio während des Weltmissionsmonats in Deutschland ist, wie die Friedensgespräche ablaufen und was er der Kirche in Deutschland rät.

Frage: Sie sind in Indien und darüber hinaus als Friedensstifter bekannt. 2011 waren Sie sogar für den Nobelpreis nominiert. Warum engagieren Sie sich so sehr für den Frieden?

Menamparampil: 1996 gingen in meiner Bischofsstadt Guwahati die Volksgruppen der Bodo und Santhal aufeinander los. Gemeinsam mit Christen anderer Konfessionen wollte ich helfen. Bei der Friedensarbeit wurde ich dann einfach ins kalte Wasser geworfen: Ich hatte keine Erfahrungen damit und es gab auch noch kein Friedenszentrum. Wir haben uns gemeinsam engagiert, weil wir als Christen nur eine Minderheit in der Region sind und man uns sagte, dass wir eine moralische Autorität sind und Glaubwürdigkeit besitzen. Daraufhin haben wir uns mit den Konfliktparteien zusammengesetzt und angefangen miteinander zu sprechen. Die regionale Regierung war sehr glücklich, dass wir uns für den Frieden engagiert haben. Danach wurden wir eingeladen, in anderen Regionen ebenfalls zu vermitteln.

Frage: Weshalb gibt es die Konflikte, von denen Sie sprechen?

Menamparampil: Sie entstehen vor allen Dingen wegen Streitigkeiten um Land, aber auch wegen wirtschaftlicher Themen. Meist geht es um den Neid zwischen zwei Gruppen, der sich auf Eigentum, Geld und Politik bezieht. Es gibt aber auch die menschliche Dimension des Konflikts, besonders die Wut junger Menschen, die in die Konflikte verstrickt sind. Wir bemühen uns, mit ihnen zu reden und ihnen klarzumachen, dass wir als Menschen friedlich miteinander leben müssen. Wir wollen die Konfliktparteien dazu bewegen, an die Zukunft der jungen Menschen denken. Es braucht meist viel Zeit, manchmal Monate, bis sie das einsehen – aber es klappt eigentlich immer.

Frage: Geht es bei den Konflikten auch religiöse Interessen, so wie in anderen Teilen Indiens?

Menamparampil: Bislang hatten wir in Nordostindien keine Konflikte, die sich um Religion drehten. Die Menschen dort sind traditionell sehr tolerant. Aber es gibt verschiedene ethnische Stämme, die einander gegenüberstehen.

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Missio stellt im Monat der Weltmission Nordostindien vor.

Frage: Ihre "Joint Peace Mission Teams" sind ökumenisch zusammengesetzt. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Menamparampil: Bei uns in Nordostindien gibt es keine große Tradition der ökumenischen Zusammenarbeit. Vor einigen Jahrzehnten waren wir noch sehr weit voneinander entfernt. Doch als man uns bat, in dem Konflikt zu vermitteln, haben wir gemerkt, dass wir zusammenarbeiten müssen. Den Menschen ging es sehr schlecht. Wir haben uns auf unsere Arbeit fokussiert und bewusst nicht über Unterschiede im Glauben diskutiert. Zusammen wollten wir für das Wohl der Gesellschaft arbeiten und haben dabei auch auf einer biblischen Grundlage über Themen wie Frieden und Gerechtigkeit gesprochen. Das hat uns sehr zusammengebracht, darauf sind wir nun stolz. Gott sei Dank gibt es keine Kirche, die sich der anderen überlegen fühlt. Alle haben die Erfahrung gemacht, dass es zum Erreichen des Friedens besser ist, zusammen als gegeneinander zu arbeiten.

Frage: Wie ist Ihre Strategie, wenn Sie darum gebeten werden, zwischen Konfliktparteien zu vermitteln?

Menamparampil: Zuerst einmal hören wir den einzelnen Gruppen zu. Wir wollen keine vorschnellen Antworten geben, sondern verstehen, wie die Konfliktparteien die Lage sehen. So machen wir uns ein eigenes Bild. Wir wollen verstehen, was passiert ist und welche Gründe es dafür gab. Allein schon durch unser Zuhören fühlen sich die Konfliktparteien erleichtert. Wir brauchen für diese Arbeit viel Zeit. Erst danach holen wir beide Konfliktparteien zu Gesprächen an einen Tisch. Dabei sprechen wir nicht über die Vergangenheit, sondern über die Zukunft. Wir bemühen uns, zunächst bei einem kleinen Punkt einen Kompromiss zu finden. Wenn eine Seite Zugeständnisse macht, zieht die andere Seite meistens nach. Und so geht es immer weiter. Oft erst nach diesen Gesprächen können die beiden Seiten zugeben, dass sie etwas falsch gemacht haben und sich gegenseitig um Entschuldigung bitten – das passiert nicht zu Anfang des Versöhnungsprozesses. Zum Schluss holen wir die lokale Regierung dazu, die konkret entscheiden muss, wie die einzelnen Streitpunkte geregelt werden, also etwa, wie umstrittene Gebiete aufgeteilt werden.

Frage: Wie konnten Sie diese zeitintensive und fordernde Arbeit mit den Verpflichtungen Ihres Bischofsamtes in Einklang bringen?

Menamparampil: Sie haben Recht, das ist alles nur ein Teil meiner Arbeit als Bischof, die ich tun musste, weil es eine dringende Not in der Gesellschaft gab. Als ich mich noch im Amt befand, war das ein großer Spagat. Doch die Konflikte sind immer noch da, weshalb bin ich nun, nach meinem Eintritt in den Ruhestand, etwas mehr zu tun habe als vorher. Ich blicke jetzt auf eine größere Erfahrung in Friedensdingen zurück und teile sie gerne mit anderen Gruppen oder in Vorträgen an Universitäten oder auf Konferenzen.

Frage: Wie sah Ihr Arbeitsalltag als Bischof in Indien aus? Haben Sie viel Zeit am Schreibtisch verbracht?

Menamparampil: (lacht) Oh, da weiß ich gar nicht, was ich sagen soll… Aber ich denke, es ist so: In den ersten Jahrhunderten hat sich die Kirche darauf konzentriert, das Evangelium weiterzusagen. Die Gläubigen sind rausgegangen und haben missioniert. Als das Christentum erfolgreich war, wurde der Bischof immer mehr zum Verwalter. Heute ist beides für die Kirche wichtig: die organisatorische, aber auch die inspirierende Seite des Amtes. Vor allen Dingen darf man aber die zweite nicht vergessen. Ich denke, unsere Kirche in Indien ist da nicht anders als in anderen Teilen der Erde. Auch wir dürfen die Dimension der Inspiration nicht vergessen: Die Frohe Botschaft verkünden – nicht nur durch Worte, sondern auch durch Taten. Das kann etwa bedeuten, zwischen Personen und Gemeinschaften Frieden zu stiften. Ich versuche, mich stets an die anfängliche Kraft der Kirche zu erinnern – aber ich schaffe es auch nicht immer, diesem Anspruch gerecht zu werden.

Der Nordosten Indiens liegt am Fuße des Himalaya.

Der Nordosten Indiens liegt am Fuße des Himalaya.

Frage: Also würden Sie anderen Bischöfen, etwa in Deutschland, raten, nicht so viel Zeit am Schreibtisch zu verbringen?

Menamparampil: Ich würde niemals anderen Bischöfen Ratschläge geben. Aber in meiner Diözese hatte ich eine Faustregel: Fünf Tage unterwegs sein und zwei Tage zuhause am Schreibtisch bleiben, um die Büro-Arbeit zu erledigen. Mir war es immer wichtiger, in die Dörfer und Gemeinschaften zu gehen, die Menschen dort zu treffen und ihnen bei ihren Problemen zu helfen. Natürlich verstehe ich, dass das in den westlichen Kirchen anders ist, denn sie haben eine lange Geschichte, viele Gläubige und eine ausgeprägte Struktur. Unsere Kirche im Nordosten Indiens ist jung und klein. Es ist wie bei einer Missionsstation: Man muss rausgehen und die Menschen treffen. Ich finde es sehr fruchtbringend, die Menschen in den Dörfern zu besuchen, Zeit mit ihnen zu verbringen, mit ihnen zu beten. Meistens mache ich das in freier Form und nicht als Eucharistiefeier. Das war auf jeden Fall für mich eine große Inspirationsquelle – und könnte es sicher auch in Deutschland sein.

Frage: Hierzulande wird derzeit viel über die Zukunft der Kirche gesprochen. Dabei ist auch der Begriff Evangelisierung ein Streitpunkt. Was denken Sie: Wie wichtig ist Evangelisierung für die Kirche?

Menamparampil: Sie ist von enormer Bedeutung für die Kirche, aber es kommt darauf an, was man unter dem Begriff Evangelisierung versteht. In Indien bedeutet Evangelisierung, die Frohe Botschaft mit vielen Menschen zu teilen, die zum ersten Mal in ihrem Leben von Jesus hören. Aber Evangelisierung kann – wie etwa in Europa – auch bedeuten, Menschen wieder neu mit dem Kern des christlichen Glaubens in Berührung zu bringen. Es kann jedem von uns passieren, dass wir in der Geschäftigkeit des Alltags den Überblick verlieren und unseren Glauben vergessen. Dann ist es wichtig, sich bewusst zu werden, dass es unsere Aufgabe als Christen ist, sich in die Gesellschaft einzubringen und anderen zu helfen. Zunächst in der Familie und der Nachbarschaft, aber darüber hinaus auch in aller Welt. Dabei geht es nicht nur um das Religiöse, sondern vielmehr um die Motivation dafür, wie wir Gutes für die Menschheit tun können. So verstehe ich Evangelisierung.

Frage: In Deutschland steht in Kürze der "synodale Weg" bevor, bei dem es auch um die Frage der Stellung der Frau in der Kirche geht. Ist dieses Thema in Indien ebenfalls präsent?

Menamparampil: In Indien wird diese Frage viel diskutiert. Ich würde nicht sagen, dass es ein bestimmendes Thema ist, aber es ist von großer Bedeutung. Wir müssen Frauen auf die Übernahme wichtiger Posten vorbereiten. In der Kirche und der Gesellschaft, sollten sie besser behandelt werden und anspruchsvollere Aufgaben als in der Vergangenheit erhalten. Zur Situation in Deutschland maße ich mir keine umfassende Meinung an, da ich sie nicht so gut kenne. Aber es ist wünschenswert, wenn sich die unterschiedlichen Gruppen in der Kirche bei dieser Frage gegenseitig gut zuhören. Es sollte in der Frauenfrage keine radikale Revolution geben, sondern einen Veränderungsprozess, der alle mitnimmt und auf gegenseitigem Zuhören und Verstehen-wollen basiert. Besonders in schwierigen Zeiten, in denen sich die deutsche Kirche befindet, braucht man Gespräche in gegenseitigem Vertrauen.

Von Roland Müller

Erzbischof Thomas Menamparampil

Erzbischof Thomas Menamparampil (82) ist Mitglied im Orden der Salesianer Don Boscos. Er war von 1981-92 Bischof von Dibrugarh sowie von 1992-2012 zunächst Bischof und dann Erzbischof von Guwahati im Nordosten Indiens. Seit 1996 ist er in der Friedensarbeit engagiert und hat in zahlreichen Konflikten erfolgreich zwischen verfeindeten Parteien vermittelt. 2011 wurde er deshalb für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.