Wo die SED Katholiken in staatsloyale Proletarier verwandeln wollte
Neues Buch beleuchtet das katholische Eichsfeld in der DDR

Wo die SED Katholiken in staatsloyale Proletarier verwandeln wollte

Das Eichsfeld mit seiner starken katholischen Prägung stellte die DDR-Machthaber über Jahrzehnte vor Herausforderungen. Der Historiker Christian Stöber erklärt im Interview, wie das SED-Regime versuchte, die Katholiken in der Region auf Linie zu bringen – und warum es scheiterte.

Von Steffen Zimmermann |  Berlin - 08.11.2019

"Rosenkranzkommunismus. Die SED-Diktatur und das katholische Milieu im Eichsfeld 1945-1989" – unter diesem Titel hat der Historiker Christian Stöber vor Kurzem seine Doktorarbeit als Buch veröffentlicht. Auf 424 Seiten untersucht Stöber darin, welche Versuche das SED-Regime über Jahrzehnte hinweg unternahm, um das stark katholisch geprägte Eichsfeld – die wohl katholischste Region in der DDR – auf sozialistische Linie zu bringen. Im Interview mit katholisch.de erläutert der Autor, was es mit dem sogenannten "Eichsfeldplan" der Machthaber auf sich hatte, warum das katholische Milieu in der Region sich so erfolgreich gegen das Regime widersetzen konnte und wie es heute um das kirchliche Leben im Eichsfeld bestellt ist.

Frage: Herr Stöber, unmittelbar nach der Gründung der DDR begann die SED-Führung damit, zwischen Ostsee und Erzgebirge eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen. Warum stießen die Machthaber dabei ausgerechnet im Eichsfeld auf Probleme?

Stöber: Das Eichsfeld war ein politisches Ausnahmegebiet in der DDR. Und das vor allem aus drei Gründen: Zum einen gehörte das Eichsfeld zum innerdeutschen Grenzgebiet und war selbst geteilt; ein Teil der Region – das Gebiet um Duderstadt – gehörte nämlich zur Bundesrepublik. Aufgrund dieser Lage befürchtete die SED eine erhöhte Einflussnahme und Propaganda aus dem Westen. Hinzu kam, dass das Eichsfeld in der Nachkriegszeit große wirtschaftliche Probleme hatte. Die Region war kaum industrialisiert und dadurch von hoher Arbeitslosigkeit geprägt. Außerdem traten hier nur relativ wenige Bauern in die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften ein. Und der dritte und entscheidende Grund: Das Eichsfeld war eine tief katholisch geprägte Region, rund 80 Prozent der Bevölkerung waren damals katholisch. Das drückte sich etwa 1946 bei den einzigen halbwegs freien Wahlen aus, als die SED nirgendwo in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone weniger Stimmen bekam als im Eichsfeld. Viele Bürgermeisterposten und Schlüsselstellen in der Verwaltung fielen stattdessen zunächst an die CDU, die im Eichsfeld die Rolle einer katholischen Milieupartei innehatte.

Frage: Wie ist es denn zu erklären, dass das katholische Milieu im Eichsfeld zur Zeit der Gründung der DDR – nach immerhin 12 Jahren NS-Diktatur und einem verheerenden Weltkrieg – immer noch so stark war, dass es sich der SED so sehr widersetzen konnte?

Stöber: Das Eichsfeld zeichnete sich damals durch eine ausgeprägte Wagenburgmentalität und eine Abwehrhaltung gegenüber Fremdbestimmungen und Zugriffsversuchen von außen aus. Das hatte sich schon beim Kulturkampf unter Bismarck und auch während der NS-Diktatur gezeigt. Die Region war zwar nie offen rebellisch, in ihrer Verweigerungshaltung für die jeweiligen Machthaber aber äußerst unbequem – so auch für die SED. Sie konnte aufgrund der religiösen Prägung kaum Einfluss auf die Menschen ausüben, weil diese sich traditionell an der katholischen Kirche orientierten und der nun propagierten kommunistischen Ideologie skeptisch gegenüberstanden. Außerdem ging die Kirche als Ordnungsmacht gestärkt aus dem Kriegsende und dem Zusammenbruch des NS-Regimes vor.

Zentrales Ziel der SED war es, die katholische Bevölkerung des Eichsfelds durch eine gezielte Industriepolitik in ein staatsloyales Proletariat zu verwandeln.

Zitat: Christian Stöber

Frage: Vor diesem Hintergrund, so erläutern Sie es in Ihrem Buch, entstand in der SED-Führung die Idee des so genannten "Eichsfeldplans". Damit sollte das Eichsfeld in eine sozialistische Musterregion umgestaltet und der Einfluss der Kirche zurückgedrängt werden. Was sah der Plan der Machthaber genau vor?

Stöber: Zentrales Ziel der SED war es, die widerspenstige katholische Bevölkerung des Eichsfelds durch eine gezielte Industriepolitik in ein staatsloyales Proletariat zu verwandeln. So wurde etwa in Leinefelde eine der größten Baumwollspinnereien Europas angesiedelt, in der rund 4.500 Menschen beschäftigt waren. Ein weiteres Beispiel war das Zementwerk in Deuna. Parallel zu dieser Industrialisierung versuchte die SED, eine stark betriebszentrierte, staatsnahe Lebenswelt zu etablieren, insbesondere in Leinefelde. Ob Betriebsgruppen, öffentlicher Wohnungsbau oder staatliche Kindertagesstätten – es wurde von der SED alles dafür getan, die Menschen in staatliche Einrichtungen zu ziehen und sie damit ebenfalls von der Kirche zu entfremden.

Frage: Sonderlich erfolgreich waren die Machthaber bei diesem Vorhaben aber nicht, oder?

Stöber: Wirtschaftlich schon, immerhin wurde die Region im Rahmen der planwirtschaftlichen Möglichkeiten umfassend industrialisiert. Ideologisch und politisch allerdings – und darum ging es der SED ja eigentlich – wurden die Ziele des "Eichsfeldplans" nicht erreicht. Das kann man an vielen Indikatoren ablesen. So waren zum Ende der DDR beispielsweise immer noch mehr als 70 Prozent der Bewohner des Eichsfelds katholisch. Auch die Zahl der Jugendlichen, die die staatlich organisierte Jugendweihe verweigerten, war in der Region bis 1989 überdurchschnittlich hoch.

Frage: Zeigte sich diese Verweigerungshaltung auch bei der SED-Mitgliedschaft?

Stöber: Ja, nirgendwo in der DDR war die Zahl der Parteimitglieder geringer als im Eichsfeld. Sie wuchs zwar über die Jahre, blieb aber immer deutlich unter dem landesweiten Durchschnitt. Das führte übrigens dazu, dass die Machthaber in der Region etwas DDR-weit Einmaliges duldeten: die Doppelmitgliedschaft in Partei und Kirche.

Bild: © privat

Christian Stöber ist seit 2017 pädagogischer und wissenschaftlicher Leiter des Grenzmuseums Schifflersgrund zwischen Hessen und Thüringen.

Frage: Um überhaupt ein paar Menschen im Eichsfeld für die Partei gewinnen zu können?

Stöber: Genau. Zugleich war diese Doppelmitgliedschaft aus Sicht der SED natürlich ein Dilemma, denn eigentlich schloss sich ein gleichzeitiges Engagement in Partei und Kirche aus ideologischen Gründen aus. Deshalb trauten die Machthaber den katholischen Parteimitgliedern auch nie richtig über den Weg. Weil sie als unsichere Kantonisten galten, hatten sie keinen Zugang zu den höchsten Ämtern. Diese wurden auch im Eichsfeld selbst immer nur mit absolut zuverlässigen Kadern besetzt, oftmals aus anderen Teilen der DDR.

Frage: Haben die Machthaber denn später Versuche unternommen, die Doppelmitgliedschaft zu beenden?

Stöber: Anfang der 1980er Jahre gab es einen ambitionierten Versuch. Damals schrieb sich der Sekretär der SED-Bezirksleitung in Erfurt – Gerhard Müller, ein ausgesprochener Hardliner – auf die Fahnen, im Eichsfeld aufzuräumen. Unter anderem wollte er die stillschweigend geduldete Doppelmitgliedschaft verbieten und die Menschen in der Region auf diese Weise dazu zwingen, sich für die Partei und gegen die Kirche zu entscheiden. Dies führte zu einem empörten Aufschrei der katholischen Kirche, die unter anderem auf die auch in der DDR offiziell garantierte Religionsfreiheit verwies. Auch deshalb wurde Müllers Versuch kurz danach von Erich Honecker persönlich gestoppt.

Im Eichsfeld befand sich die SED bis zum Ende der DDR in einer Diasporasituation. Nicht sie repräsentierte dort die Mehrheit der Menschen, sondern die katholische Kirche.

Zitat: Christian Stöber

Frage: Warum konnte sich das katholische Milieu im Eichsfeld über Jahrzehnte hinweg so erfolgreich gegen die Vereinnahmung durch die SED zur Wehr setzen?

Stöber: Im Eichsfeld befand sich die SED bis zum Ende der DDR in einer Diasporasituation. Nicht sie repräsentierte dort die Mehrheit der Menschen, sondern die katholische Kirche. Der christliche Glaube – und damit die Verweigerungshaltung gegenüber der antikirchlichen Politik der Staatspartei – war in der Region immer gemeinschaftsbildend, und das hatte natürlich Auswirkungen auf die Bevölkerung und ihre Loyalität gegenüber dem Staat. Hinzu kam, dass die Kirche ihren Gläubigen immer schützenden Rückhalt bot. Wer als Katholik im Eichsfeld Benachteiligung durch staatliche Stellen erfuhr, wurde durch die Kirche ein Stück weit aufgefangen.

Frage: Spielte sich das kirchliche Leben denn vorrangig hinter verschlossenen Türen ab? Oder war die Kirche im Eichsfeld auch öffentlich präsent?

Stöber: Aufgrund ihrer starken Stellung war die katholische Kirche im Eichsfeld sehr sichtbar. Sie ermöglichte sogar eine Art kritische Gegenöffentlichkeit, etwa bei der traditionellen Palmsonntagsprozession in Heiligenstadt oder bei der Männerwallfahrt zur Wallfahrtskirche Klüschen Hagis. An diesen Ereignissen nahmen jedes Jahr mehrere tausend Menschen teil, weit mehr als bei den meisten staatlichen Veranstaltungen in der Region. Die Prozessionen und Wallfahrten waren kirchliche Machtdemonstrationen, die den Gläubigen für ihren Alltag Orientierung boten und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Katholiken gegenüber dem Staat stärkten.

Frage: Angesichts dieses Befunds: Warum gingen die Machthaber nicht viel stärker gegen die "kirchlichen Machtdemonstrationen" vor? Der Staat hätte doch viele Möglichkeiten gehabt, die Prozessionen und Wallfahrten zu verbieten.

Stöber: Dass es solche Überlegungen gegeben hätte, ist nicht überliefert; ein solcher Versuch wäre angesichts der Mehrheitsverhältnisse in der Region vermutlich auch zum Scheitern verurteilt gewesen. Gleichwohl mussten auch die Katholiken im Eichsfeld mit Einschränkungen leben. So durften sie beispielsweise Pilgerorte, die im Sperrgebiet zur Bundesrepublik lagen, schon sehr früh nicht mehr besuchen. An radikalere Maßnahmen, etwa ein Verbot der Wallfahrten, haben sich die Machthaber aber nicht herangetraut – wohl auch deshalb, weil sie irgendwann gemerkt haben, dass das katholische Milieu im Eichsfeld nicht zerstört werden konnte. Hinzu kam, dass die DDR im Laufe ihrer Existenz ein wachsendes Interesse an einer Anerkennung durch den Vatikan entwickelte. Vor diesem Hintergrund war es notwendig, nicht zu radikal gegen die Katholiken im Land vorzugehen.

Buchtipp

Christian Stöber: Rosenkranzkommunismus. Die SED-Diktatur und das katholische Milieu im Eichsfeld 1945-1989. Christoph Links Verlag, Berlin 2019, 424 Seiten, 40 Euro. ISBN: 978-3-96289-064-3.

Frage: In diesen Tagen jährt sich zum 30. Mal der Fall der Berliner Mauer. Welche Rolle hat denn das Eichsfeld bei der Friedlichen Revolution 1989 gespielt?

Stöber: Die Friedliche Revolution kam erst relativ spät im Eichsfeld an, entwickelte dann aber eine umso größere Dynamik. Ausgangspunkt hierfür waren vor allem die Friedensgebete in den katholischen Kirchen der Region – vor allem in Heiligenstadt, aber auch in Leinefelde. Und schließlich nahm das Eichsfeld mit Blick auf den politischen Umbruch und die Demokratisierung sogar eine Vorreiterrolle ein. So kam in Heiligenstadt einer der ersten frei gewählten Bürgermeister der DDR ins Amt, und auch darüber hinaus wurden in der Region bereits im Herbst 1989 die politischen Eliten weitgehend ausgetauscht. Die katholische Kirche hat bei all diesen Entwicklungen durchaus eine große Rolle gespielt.

Frage: Sie haben in ihrem Buch die Zeit bis 1989 untersucht. Trotzdem ein Blick in die Gegenwart: Wie steht es heute um das katholische Milieu im Eichsfeld? Die Region gilt ja landläufig als katholische Herzkammer Ostdeutschlands. Stimmt dieser Befund noch?

Stöber: Ja, das katholische Milieu im Eichsfeld ist heute noch weitgehend intakt. Die Abgesänge auf das Milieu, die schon kurz nach der Wiedervereinigung angestimmt wurden, haben sich in dieser Form nicht bewahrheitet. Die Zahl der Teilnehmer bei den großen Prozessionen und Wallfahrten in der Region ist immer noch hoch, ähnliches gilt für den Gottesdienstbesuch. Eine Herausforderung stellt eher der demografische Wandel dar, auch die zunehmende Fragmentierung der Gesellschaft ist ein Problem. Ich glaube, dass sich das christliche, wertekonservative Milieu zwar wandeln, aber noch sehr lange im Eichsfeld behaupten wird. In der Globalisierung und Unübersichtlichkeit der heutigen Welt, in der man nach Orientierung und Sinngebung sucht, sehe ich auch eine große Chance dafür. Nicht zuletzt ist es auch vor einem politischen Hintergrund zu wünschen: Das Eichsfeld ist – wie jüngst die Wahlergebnisse in Thüringen erneut bestätigt haben – nach wie vor ein Anker der Demokratie in Ostdeutschland.

Von Steffen Zimmermann

Zur Person

Christian Stöber (*1987) studierte von 2007 bis 2012 Geschichte, Politikwissenschaft und Friedens- und Konfliktforschung an der Philipps-Universität Marburg, von 2013 bis 2017 war er Promotionsstudent der Konrad-Adenauer-Stiftung. Seit 2017 ist Stöber pädagogischer und wissenschaftlicher Leiter des Grenzmuseums Schifflersgrund zwischen Hessen und Thüringen.