Kardinal Christoph Schönborn, Erzbischof von Wien, bei der Pressekonferenz zur Familiensynode am 16. Oktober 2014 im Vatikan.
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"Autorität des Priesters in einer Weise überhöht, die ungesund war"

Schönborn: Auch vorkonziliare Kirche war anfällig für Missbrauch

War die 68er-Bewegung einer der Hauptauslöser für Missbrauch in der Kirche? Das schrieb Benedikt XVI. in einem vieldiskutierten Aufsatz. Wiens Kardinal Christoph Schönborn sieht das anders – und wendet sich gegen eine einseitige Romantisierung der Vorkonzilszeit.

Wien - 12.11.2019

Laut dem Wiener Kardinal Christoph Schönborn ist die katholische Kirche nicht erst seit der Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil anfällig für Missbrauch. "Die Zahlen aus Österreich sprechen eine andere Sprache", entgegnete Schönborn auf Aussagen, wonach Missbrauch durch die sogenannte 68er-Bewegung verstärkt worden sei. Er äußerte sich bei einem Vortrag am Montagabend an der Universität Wien. Zweifellos, so der Kardinal, hätten die 68er zu Liberalisierung und Begünstigung von Missbrauch geführt. Das Ausmaß der Missbrauchsfälle in der Zeit vor dem Konzil (1962-1965) aber "gibt zumindest zu Denken". Als einen Grund machte er die "Geschlossenheit des Systems" in der Kirche aus. Denn, so Schönborn: "In geschlossenen Systemen ist Missbrauch sehr viel häufiger als in offenen."

Mit vollen Kirchen und einem intensiven religiösen Leben sei die Kirche der Zeit vor dem Konzil in vieler Hinsicht faszinierend gewesen, erinnerte der Wiener Erzbischof. "Aber es war auch die Autorität des Priesters in einer Weise überhöht, die ungesund war", fügte er hinzu. "Und es konnten offensichtlich in diesem geschlossenen System Machtmissbrauch und dann auch sexueller Missbrauch Platz finden." Auch das System von Internaten habe zum Missbrauch beigetragen.

Im April hatte der emeritierte Papst Benedikt XVI. einen Beitrag mit dem Titel "Die Kirche und der Skandal des sexuellen Missbrauchs" veröffentlicht. Darin benannte er die Gottlosigkeit in der Gesellschaft sowie eine Entfremdung vom Glauben, die sich seit den 1960er Jahren auch in einer Abkehr von der katholischen Sexualmoral breitgemacht habe, als Hauptursachen für sexuellen Missbrauch. Teile der Kirche seien "wehrlos gegenüber den Vorgängen in der Gesellschaft" gewesen. Auch in der Theologie, in der Priesterausbildung und in der Auswahl von Bischöfen hätte dies fatale Folgen gehabt. Für seine Ausführungen hatte Benedikt viel Kritik erhalten.

Missbrauch als "massive Realität" in der Kirche

Weiter nannte Schönborn Missbrauch in der Kirche eine "massive Realität". Zugleich betonte er, dass die katholische Kirche in Österreich in Sachen Prävention und Missbrauchsaufarbeitung "Verantwortung übernommen" habe. Dies werde international anerkannt. Die Kirche müsse Opfer ermutigen, über Geschehenes zu reden und sie in der Folge auch unterstützen.

Schönborn lobte die "vorbildliche" Arbeit" der sogenannten Klasnic-Kommission, der sich die Kirche unterstellt habe und deren Empfehlungen eins zu eins umgesetzt worden seien. So seien seit Bestehen der Aufarbeitungskommission etwa 28 Millionen Euro an freiwilligen Wiedergutmachungszahlungen an Betroffene ausgezahlt worden - mit Mitteln aus der "Stiftung Opferschutz", in der alle Diözesen und die Ordensgemeinschaften zusammengeschlossen sind.

Der Kardinal verwies auf Statistiken, wonach mit knapp 60 Prozent ein Großteil der etwa 2.000 an die Klasnic-Kommission herangetragenen Missbrauchsälle auf die Jahre 1940 bis 1969, weitere 27 Prozent auf den Zeitraum zwischen 1970 und 1979 zurückgehen. (tmg/KNA)