Bischof Ulrich Neymeyr – ein gut integrierter "Westimport"
Seit fünf Jahren ist der 62-Jährige Oberhirte von Erfurt

Bischof Ulrich Neymeyr – ein gut integrierter "Westimport"

Seine Wahl auf den Erfurter Bischofsstuhl im Herbst 2014 galt als Überraschung, doch inzwischen ist Ulrich Neymeyr in der thüringischen Diözese längst heimisch geworden. Der 62-Jährige gilt als Mann der leisen Töne, der in wichtigen Fragen aber klar Position zu beziehen weiß – etwa beim Umgang mit der AfD.

Von Steffen Zimmermann |  Erfurt - 22.11.2019

Als Deutschland vor zwei Wochen an den 30. Jahrestag des Mauerfalls erinnerte, wurde eine Frage vielfach erörtert: Warum ist das Verhältnis von Ost- und Westdeutschen teilweise immer noch so schwierig und das auch menschliche Zusammenwachsen der beiden Landesteile keineswegs nur eine Erfolgsgeschichte? An dieser Debatte könnte sich an diesem Freitag auch das Bistum Erfurt beteiligen – allerdings mit einem positiven Gegenbeispiel. Denn mit Ulrich Neymeyr sitzt dann seit genau fünf Jahren ein waschechter "Westimport" auf dem Erfurter Bischofsstuhl, dessen Integration in die ostdeutsche Diözese mit ihren rund 146.000 Katholiken als gelungen gelten darf. Immerhin vermitteln der 62-Jährige und sein Bistum auf Beobachter den Eindruck, ziemlich gut zueinander zu passen.

Dabei galt Neymeyrs Wahl im Herbst 2014 noch als Überraschung. Fast zwei Jahre war der Erfurter Bischofsstuhl nach dem krankheitsbedingten Rücktritt von Joachim Wanke zuvor verwaist gewesen, die Suche nach einem neuen Bischof hatte sich schwierig gestaltet. Neymeyr, damals Weihbischof im Bistum Mainz und über dessen Grenzen hinaus kaum bekannt, war zunächst wohl nicht unter den "heißen Kandidaten" für das Amt. Zumindest wurde sein Name nicht öffentlich gehandelt. Und doch wurde der gebürtige Wormser am 19. September 2014 von Papst Franziskus zum neuen Bischof der thüringischen Diözese ernannt und gut zwei Monate später, am 22. November, im Erfurter Dom in sein Amt eingeführt.

Strukturreform ohne größere Schwierigkeiten

Seither hat es Neymeyr verstanden, sein Bistum ziemlich geräuschlos zu führen. Selbst die Strukturreform, die er von seinem Vorgänger geerbt hat und in deren Zuge die Zahl der Pfarreien bis zum kommenden Jahr auf nur noch 33 reduziert wird, verläuft ohne größere Schwierigkeiten. "Ich denke, das hängt damit zusammen, dass mein Vorgänger Joachim Wanke den Prozess sehr langfristig angelegt hat", sagte Neymeyr Anfang April in einem katholisch.de-Interview. Durch die langfristige Anlage der Reform, die bereits im Jahr 2010 begann, hätten die Gemeinden und die Pfarrer sehr früh gewusst, was auf sie zukommt.

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Bischof Ulrich Neymeyr über Aufgaben und Herausforderungen in seiner thüringischen Diözese.

"Trotzdem verläuft der Prozess der Zusammenlegungen von Pfarreien auch in unserem Bistum natürlich nicht ohne Schmerzen", so der Bischof weiter. Man könne im neunten Jahr der Reform aber feststellen, dass das kirchliche Leben dort, wo Pfarreien den Prozess bereits durchlaufen hätten, nicht zum Erliegen gekommen sei. Inwieweit die Reform das Bistum langfristig zukunftsfest macht, darüber wollte Neymeyr im Interview nicht spekulieren: "Ich kann natürlich nicht in die Zukunft schauen. Und es ist auch klar, dass wir schon kurz- und mittelfristig mit weniger Mitteln und weniger Priestern auskommen müssen."

Um auch jenseits reiner Strukturfragen weiter über die Zukunft des kirchlichen Lebens in Thüringen im Gespräch zu bleiben, griff Neymeyr die schon unter seinem Vorgänger gepflegte Tradition der Pastoraltage auf. Bei zwei Treffen in Erfurt und Heiligenstadt diskutierten dabei in diesem Jahr rund 200 Teilnehmer gemeinsam mit dem Bischof über die Frage, was das Bistum braucht, um attraktiv zu sein. Ein Ergebnis dieser Beratungen ist der neu gestartete Prozess der Kirchenentwicklung, der unter dem Leitwort "Achtsam weiterbauen" eine Zukunftsvision für das kirchliche Leben entwerfen soll. "Die Geschichte im Bistum Erfurt und was hier gewachsen ist, soll nicht eingerissen, sondern daran weitergebaut werden", heißt es dazu auf der Internetseite der Diözese.

Bundesweit beachteter Protest gegen die AfD

Deutlich turbulenter ging es für Neymeyr jenseits der Kirchentüren zu – insbesondere mit Blick auf die AfD, die unter ihrem Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke kurz vor Neymeyrs Amtseinführung erstmals in den Landtag des Freistaats eingezogen war. Als die Partei unter Höckes Führung im Herbst 2015 bei Demonstrationen auf dem Erfurter Domplatz begann, gegen Flüchtlinge und den Islam zu hetzen, wurde die Beleuchtung des Doms auf Betreiben Neymeyrs ausgeschaltet. Ein stiller, aber bundesweit beachteter Protest, der danach konsequent bei jeder AfD-Demo fortgesetzt wurde.

Für die Partei und ihre Anhänger ist Neymeyr seither ein rotes Tuch, was sich bis heute unter anderem in zahllosen ablehnenden und beleidigenden E-Mails und Briefen zeigt. Der Bischof selbst wirbt trotz solcher Anwürfe unverdrossen für eine sachliche Auseinandersetzung mit der AfD. Als "wichtige Orientierungshilfe zur Meinungsbildung" empfahl er dazu wiederholt eine im Auftrag der ostdeutschen katholischen Büros erstellte Studie, die AfD-Positionen auf ihre Kompatibilität mit der katholischen Soziallehre prüfte und massive Differenzen aufdeckte.

Der Erfurter Dom ist seit 2014 die Bischofskirche von Ulrich Neymeyr.

Neymeyrs Verhältnis zu Ministerpräsident Bodo Ramelow gilt dagegen als unkompliziert – sicher auch, weil der Linken-Politiker bekennender Christ ist und den Kirchen wohlwollend gegenüber steht. "Wir sehen uns regelmäßig bei den unterschiedlichsten Anlässen und begegnen uns mit Respekt. Unser Verhältnis ist so belastbar, dass wir auch kontroverse Themen gut miteinander besprechen können", so der Bischof. Gleichwohl scheute sich Neymeyr in den vergangenen Jahren nicht, Kritik an der Landeregierung zu üben. So bewertete er etwa Ramelows Vorstoß für eine Abschaffung der Kirchensteuer als "nicht zu Ende gedacht". Zudem forderte er eine bessere Finanzierung der freien Schulen in Thüringen und eine stärkere Unterstützung kirchlicher Wohlfahrtsverbände wie der Caritas.

Eine vernehmbare Stimme auch im innerkirchlichen Dialog

Engagiert ist Neymeyr auch im interreligiösen Dialog. So setzte er sich wiederholt für den umstrittenen Neubau einer Moschee in Erfurt ein. Zur Religionsfreiheit gehöre "unzweifelhaft auch das Recht der Muslime auf den Bau würdiger Moscheen", so seine auch gegen Widerstände aufrechterhaltene Begründung. Als Vorsitzender der Unterkommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz erhebt der Bischof zudem immer wieder seine Stimme für das jüdische Leben in Deutschland. Nach dem Angriff auf die Synagoge in Halle forderte er etwa, dass dauerhaft alles dafür getan werde, um jüdische Einrichtungen und ihre Gläubigen zu schützen. "Es ist traurig genug, dass solche Maßnahmen notwendig sind, aber angesichts der Realität haben wir keine andere Wahl", so der Oberhirte.

Auch im innerkirchlichen Dialog scheut sich der normalerweise eher zurückhaltend auftretende Neymeyr nicht, bei wichtigen Themen vernehmbar seine Stimme zu erheben. So erklärte er etwa im Frühjahr, dass er eine Zulassung von Frauen zu Weiheämtern in der katholischen Kirche durchaus für möglich halte. In Deutschland gebe es vermutlich schon heute eine Mehrheit, die sich eine Zulassung von Frauen zu ordinierten Ämtern vorstellen könne. "Ich mir auch", so der Bischof wörtlich. Ähnlich progressiv äußerte er sich auch schon mit Blick auf die mögliche Weihe von verheirateten pastoralen Mitarbeitern wie Diakonen oder Gemeindereferenten zu Priestern.

Von Steffen Zimmermann