Bistum Trier errichtet erste "Pfarreien der Zukunft" per Dekret
Gegeninitiative ruft Gläubige zu Beschwerden auf

Bistum Trier errichtet erste "Pfarreien der Zukunft" per Dekret

Das Bistum Trier hat bei seiner Strukturreform den nächsten Schritt getan und die ersten 15 "Pfarreien der Zukunft" errichtet. Die Initiative "Kirchengemeinde vor Ort" will die Auflösung der bisherigen Pfarreien nicht hinnehmen – und ruft die Gläubigen auf, sich bei Bischof Stephan Ackermann zu beschweren.

Von Matthias Altmann |  Trier - 21.11.2019

Bei der Neuordnung seiner Pfarreistruktur hat das Bistum Trier nun Nägel mit Köpfen gemacht. Am Mittwoch erließ Bischof Stephan Ackermann die Dekrete, mit denen die ersten 15 der 35 "Pfarreien der Zukunft" der Diözese zum 1. Januar 2020 offiziell errichtet werden. Um welche Pfarreien es sich handelt, steht bereits seit Anfang des Jahres fest; mit den Dekreten erhalten die sie nun kanonischen Status. Gleichzeitig werden die bisherigen Pfarreien aufgelöst. Die Beschlüsse sollen nun den amtierenden Pfarrern sowie den Pfarreigremien, Verwaltungsräten und Verbandsvertretungen zugestellt werden.

Die offizielle Errichtung der neuen Pfarreien ist ein weiterer Schritt bei der Umsetzung der Trierer Diözesansynode, die von 2013 bis 2016 über die Zukunft des Bistums beriet. Sie hatte beschlossen, die 887 Pfarreien, die bereits in 172 Pfarreiengemeinschaften organisiert waren, in deutlich weniger "Pfarreien der Zukunft" aufgehen zu lassen. Ziel ist dabei, die Gemeinden von Verwaltungsaufgaben zu entlasten und Raum für pastorale Neuaufbrüche und thematische Schwerpunktsetzungen zu schaffen.

Im Synodenbeschluss war zunächst die Rede von einem Richtwert von 60 Pfarreien, in der Umsetzung wurde die endgültige Zahl auf 35 festgelegt. Die neuen Pfarreien werden zwischen 13.800 in Neuerburg/Eifel und fast 100.000 Katholiken in Saarbrücken umfassen. Saarbrücken wäre damit die bundesweit größte katholische Pfarrei mit mehr als dreimal so viele "Gläubigen" wie das Bistum Görlitz. Seit Bekanntgabe dieser Zahlen gab es immer wieder Proteste und öffentliche Demonstrationen. Kritiker befürchten, dass mit der Neustrukturierung der Pfarreien das kirchliche Leben im Bistum Trier zum Erliegen kommt.

"Differenziertes Bild" bei Anhörung

Im Oktober trat das "Gesetz zur Umsetzung der Diözesansynode" in Kraft und somit auch die Pfarreienreform. Im Anschluss daran gab es bis zum jetzigen Erlass der Errichtungsdekrete eine Anhörungsphase, in der sich die Gremien und die Pfarrer zur Aufhebung der bisherigen Pfarreien, zum Namen der neuen Pfarrei sowie dem Pfarrort äußern konnten. Die Befragung habe insgesamt ein "differenziertes Bild" ergeben, kommentiert Generalvikar Ulrich von Plettenberg die Ergebnisse. Die Rücklaufquote habe demnach bei 68,4 Prozent gelegen. Insgesamt stimmen 52 Prozent den Planungen zu oder stehen ihnen neutral gegenüber. Doch isoliert betrachtet sei in manchen Pfarreien eine deutliche Ablehnung der neuen Struktur erkennbar. Das zeigt "eine hohe Identifikation mit den jetzigen Pfarreien und der bisherigen Gremienstruktur", so von Plettenberg.

Er sieht in den Anhörungsergebnissen "wichtige Hinweise" für die Leitungsteams der neuen Pfarreien, die bereits seit September feststehen. "Gerade da, wo es viele Widerstände gibt, wird natürlich das Gespräch wichtig sein." Man sei aber hoffnungsvoll, dass die lokale Verbundenheit erhalten bleiben könne, "nicht zuletzt durch die bekannten Seelsorgerinnen und Seelsorger", sagt der Generalvikar. Die Diözese habe in den vergangenen Wochen mit den Seelsorgern in den neuen Pfarreien Gespräche geführt, um sicherzustellen, dass die Seelsorge in der Übergangszeit gewährleistet ist. In den 15 "Pfarreien der Zukunft" fänden derzeit bereits die Wahlen zu den ersten Räten statt.

Die Initiative "Kirchengemeinde vor Ort" hat einen Musterbrief aufgesetzt, mit dem sich Gläubige wegen der Errichtung der neuen Großpfarreien bei Bischof Stephan Ackermann beschweren sollen.

Das Bistum weist darauf hin, dass mit der Zustellung der Dekrete kirchenrechtlich eine Zehntages-Frist beginnt, in der Beschwerde gegen das Dekret beim Bischof eingelegt werden kann. Dann hat der Bischof erneut die Möglichkeit, Veränderungen vorzunehmen, bevor die Dekrete umgesetzt werden. Das griff die Initiative "Kirchengemeinde vor Ort" auf, die sich an die Spitze des Protestes gegen die Pfarreienreform gestellt hatte. "Jetzt ist jeder katholische Christ in den Einzugsgebieten der betroffenen XXL-Pfarreien aufgerufen, mit einem kurzen Schreiben dem Bischof seine Ablehnung direkt mitzuteilen", sagt Sprecher Harald Cronauer. Daher stellt die Initiative ab Donnerstagabend auf ihrer Website ein Musterschreiben zur Verfügung, mit dem sich die Gläubigen persönlich bei Bischof Ackermann über die Auflösung ihrer Pfarrei beschweren können. Gleichzeitig werden alle Gremienmitglieder in den Pfarreien aufgefordert, die Gläubigen von ihren Beschwerderecht innerhalb von zehn Tagen zu unterrichten.

Die Auswertung der neuesten Anhörung durch die Diözese bezeichnet die Initiative "Kirchengemeinde vor Ort" als "geschönt". Blickt man auf die Zahlen, die Generalvikar von Plettenberg bei der Frage nach der Auflösung der bisherigen Pfarreien ins Spiel bringt, teilen sich die von ihm genannten 52 Prozent, die mehr oder weniger mit den Reformen einverstanden sind, in 29 Prozent Zustimmung und 23 Prozent Enthaltung. Diesen Werten stehen 44 Prozent Ablehnung gegenüber.

Bistum kritisiert eigene Studie der Gegeninitiative

Die Initiative der Gläubigen um Harald Cronauer hatte Anfang Oktober eine eigens in Auftrag gegebene Studie veröffentlicht, für die 500 Katholiken des Bistums befragt wurden. 63 Prozent von ihnen waren der Meinung, durch die Strukturreform "schafft sich die regionale Kirche letztlich selbst ab"; 61 Prozent sprachen sich dafür aus, als Kompromiss vorerst bei der aktuellen Struktur von 172 Pfarreiengemeinschaften zu bleiben. Das Bistum Trier kritisierte die Umfrage und sprach von einem "tendenziösen Vorgehen" sowie einer "nicht aussagekräftigen" Art der Befragung. So hatten bei der Befragung etwa 32 Prozent der angegeben, über einen Kirchenaustritt nachzudenken. Ein von der Initiative suggerierter Zusammenhang mit der Strukturreform ist allerdings fraglich.

Doch die Initiative ist nach wie vor überzeugt, dass die Mehrheit der Katholiken im Bistum Trier die Pfarreireform ablehne. Nun setzt sie darauf, dass die Christen "jetzt die Gelegenheit nutzen, mit einem Beschwerdeschreiben dem Bischof nochmals ihre Meinung deutlich zu sagen". Bischof Ackermann und die Bistumsleitung hingegen berufen sich auf die Ergebnisse der diözesanen Anhörung. Für sie bedeuten diese, den vorgeschlagenen Weg der Synodenumsetzung "konsequent" weiter zu gehen, heißt es vonseiten der Diözese. Das gelte für das ganze Bistum, betont Generalvikar von Plettenberg. Es könne nicht "ein paar neue Pfarreien und daneben einige alten Typs" geben.

Von Matthias Altmann