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Standpunkt

Die Gläubigen sind nicht nur theologische Leistungsempfänger

Der Streit um die Pfarreiformen im Bistum Trier ist symptomatisch für einen verengten Blick auf die Kirche, findet Christoph Paul Hartmann. Kleriker und Laien müssten zusammen radikale Schritte gehen.

Von Christoph Paul Hartmann |  Bonn - 26.11.2019

Die Pfarreireform im Bistum Trier sorgt gerade weit über die Bistumsgrenzen hinaus für viel Streit. Sie steht symptomatisch für viele Prozesse dieser Art: Wenn Gemeinden zusammengelegt und Kirchen geschlossen werden, fällt für viele Gläubige vor Ort ein entscheidender Identifikationsort weg – allerdings auch einer, der kaum genutzt wird. Obwohl die Zeiten der Volkskirche mit dem einen Gemeindegottesdienst für alle im Zentrum lange vorbei sind, werden heute noch 80 Prozent der Ressourcen der Kirche in die Territorialseelsorge investiert – und erreichen dort gerade einmal acht Prozent der Kirchenmitglieder. Mit dem Ende der altbekannten Pfarreien müssen diese Ressourcen abseits der überkommenen Strukturen schöpferisch eingesetzt werden, so lange sie noch da sind. Zu oft herrscht nach den notwendigen Fusionen ein seelsorgliches Vakuum.

Es muss an einer neuen Form von Kirche gearbeitet werden, die sich an den Interessen der Gläubigen orientiert. Die Zukunft wird darin bestehen, dass sich Christen über ehemalige Gemeindegrenzen hinweg zusammentun, als kleine Gruppen ihre je individuelle Form von Glauben suchen und leben – und damit offen sind für Interessierte. Damit das geschehen kann, müssen Priester und andere Hauptamtliche Verantwortung abgeben und in hohem Maße Ressourcen bereitstellen. Sie müssen die Gläubigen geistlich wie organisatorisch schulen und auf ihrem Weg unterstützen. Die so angestoßenen Experimente können scheitern, doch das gehört zu einer lebendigen Gemeinschaft dazu. Diese Fehler können fruchtbar sein.

Gleichzeitig müssen die Gläubigen lernen, dass sie nicht nur theologische Leistungsempfänger sein können. Sie müssen sich selbst aufraffen und sich ihre eigenen, oft unangenehmen Fragen stellen: Was sie eigentlich im Leben wollen, was Glaube für sie bedeutet. Derart angespitzt können diese – mit Karl Rahner gesprochen "Mystiker" – neue Potentiale freilegen und neue Formen für die Fragen nach Sinn und Zweck von Leben und Gott im 21. Jahrhundert finden.

Dieser Weg wird nicht zu einer neuen Volkskirche führen, aber zu einer authentischen Kirche, die für die Sinnsuchenden unserer Zeit ein Zuhause mit vielen Wegen zum Glauben bereithält. Diese Kirche hat auch in Zukunft eine Chance.

Von Christoph Paul Hartmann

Der Autor

Christoph Paul Hartmann ist Redakteur bei katholisch.de.

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