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Standpunkt

Die Bibel ist ein subversives Buch

Am Wochenende beginnt das "Jahr der Bibel". Doch immer weniger Menschen sind mit dem Buch der Bücher vertraut. Einen Blick hinein zu wagen, lohne sich aber, empfiehlt Dominik Blum – und das, obwohl die Lektüre das Leben eher schwerer als leichter mache.

Von Dominik Blum |  Bonn - 27.11.2019

Dominik Blum leitet das Referat Erwachsenenseelsorge beim Bischöflich Münsterschen Offizialat in Vechta.

Haben Sie Ihre Bibel schon aus dem Bücherregal gezogen und, falls nötig, abgestaubt? Am kommenden Wochenende beginnt nämlich neben dem "synodalen Weg" auch das Jahr der Bibel. Katholischerseits ausgerufen von der Internationalen Katholischen Bibelföderation (KBF), will die Initiative weltweit ermutigen, sich intensiver mit der Bibel zu befassen.

Das ist eine gute Idee. Mir scheint, die Vertrautheit mit der Bibel und ihren alt- und neutestamentlichen Erzählungen geht allenthalben zurück. Dabei helfen viele Texte aus der Bibel zum Leben. Allerdings nicht, indem sie den Alltag und die großen Fragen einfacher machen. Vielmehr ist die Bibel ein subversives Buch. Es stellt Verhältnisse in Frage – und den Leser und die Leserin gleich mit. Die Bibel ergreift in Gottes Namen Partei, wo der eine oder die andere es nicht erwarten oder gebrauchen kann. Biblische Geschichten sprechen gegen die Vereindeutigung der Welt und dafür, Pluralität auszuhalten – zwischen Mensch und Gott und untereinander.

Die Bibel lässt sich deshalb besonders gut im ökumenischen Kontext lesen. Zwischen Konfessionen und Kirchen kommen besonders leicht die vielen Facetten der biblischen Texte zur Sprache. War das letzte Jahr der Bibel 2003 in Deutschland noch ein ökumenisches Projekt aller Christen unter dem Dach der ACK, ist die Initiative diesmal nur katholisch. Das hindert aber niemanden daran, in ökumenischen Gruppen – vielleicht sogar über die christliche Ökumene hinaus – die Bibel zu lesen und zu teilen. Zumal etwa auch die evangelikal geprägte Weltweite Evangelische Allianz (WEA) 2020 als Jahr der Bibel begeht.

Immer wieder begegnet mir schließlich die Ansicht, niemand könne heute die Bibel 'einfach so' lesen, ohne dass Expertinnen und Theologen mit Fachwissen, Sprachkenntnissen und kirchlichem Auftrag die Bibellektüre anleiten. Da der Pastor und die Pastoralreferentin immer weniger Zeit hätten, falle die Bibellektüre leider aus. Was für ein Missverständnis. Die Bibel ist ein Buch für Erwachsene, für Laien, für alle Menschen guten Willens. Für die Bauern von Solentiname, die kfd-Frauen im Münsterland, die Studis in der Hochschulgemeinde und die Eltern der Kommunionkinder. Die Bibel ist sogar ein Buch, das gute Literatur ist, Muslime fasziniert und Rocksongs beeinflusst. Die Interpretation ihrer Texte, die Relevanz für das eigene Leben erschließt sich egalitär, wenn Gott bei der Lectio divina oder beim Bibelteilen durch die Schrift und die Anderen spricht. Theologische Bildung schadet nicht bei der existenziellen Auseinandersetzung mit der Bibel. Sie ist aber sicher kein Garant für ein tieferes Verständnis, das weiß ich aus eigener Erfahrung.

Also: Es gibt keine Ausreden für 2020. Bitte Bibel lesen.

Von Dominik Blum

Der Autor

Dominik Blum ist Dozent für Theologie an der Katholischen Akademie in Stapelfeld.

Hinweis

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