Der "synodale Weg": Geschichte einer Suche
Es begann mit der Missbrauchsstudie

Der "synodale Weg": Geschichte einer Suche

Kaum ein kirchliches Ereignis hat in den vergangenen Jahren dermaßen polarisiert: Am Sonntag fiel nun der offizielle Startschuss zum "synodalen Weg" der Kirche in Deutschland. Doch bis hierher war es ein langer, steiniger Weg. Katholisch.de gibt einen Überblick, welche Ereignisse zum Reformprozess führten.

Von Christoph Paul Hartmann |  Bonn - 03.12.2019

Es begann mit dramatischen Zahlen: Nachdem 2010 zuerst am Berliner Canisius-Kolleg, später an weiteren Orten Missbrauchsfälle aufgedeckt wurden, veranlassten die deutschen Bischöfe eine groß angelegte Untersuchung. Forscher durchsuchten Bistumsakten von 1946 bis 2014 nach Missbrauchsverdächtigungen. Das Ergebnis wurde im September 2018 veröffentlicht: mindestens 3.677 Betroffene und 1.670 Beschuldigte. Die Gründe waren laut den Forschern unter anderem: Zölibat, Klerikalismus und die kirchliche Sexualmoral. Die Veröffentlichung der sogenannten MHG-Studie (nach den Städten der beteiligten Universitäten Mannheim, Heidelberg und Gießen benannt) sorgte in der katholischen Welt für "Scham für das Wegschauen" (Kardinal Reinhard Marx) und Erschrecken (Missbrauchsbeauftragter Stephan Ackermann) bis hin zu Erwartungen des Studienleiters, dass es zu Bischofsrücktritten kommt. Dazu kam es zwar nicht. Klar war aber schon bei der Präsentation der Studie: Es sollte Konsequenzen geben.

Als eine dieser Konsequenzen beschlossen die deutschen Bischöfe bei ihrer Frühjahrsvollversammlung in Lingen in diesem März den "synodalen Weg". Von Anfang an mit im Boot waren die katholischen Laien, vertreten durch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK). Die Gemeinsame Konferenz, in der sich bereits seit der Würzburger Synode (1971-1975) je zehn Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und des ZdK regelmäßig treffen, wurde um einige Mitglieder erweitert, um den Reformprozess vorzubereiten.

Die Themen des Weges orientierten sich stark an den Erkenntnissen der Forscher: die Macht der Kleriker, der Zölibat und die Sexualmoral der Kirche. Gleichzeitig hieß es, am Ende dieses Prozesses sollten "verbindliche Ergebnisse" stehen. Ein wichtiger Punkt, wie ZdK-Präsident Thomas Sternberg damals festhielt. "Wenn das einfach nur ein Gesprächsprozess mit offenem Ausgang sein sollte, würde das Frustration bedeuten. Die Leute wollen jetzt Reformen sehen." Das Thema der Verbindlichkeit sollte in den Folgemonaten noch eine wichtige Rolle spielen.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx (l.), und der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, während der Gemeinsamen Konferenz zum "synodalen Weg".

Was vor allem vielen Frauen bei der Konstituierung des Prozesses aber noch fehlte: auch über ihre Rolle in der Kirche zu sprechen. Unterstützung bekamen sie zuallererst vom Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode. "Wir kommen an der Frauenfrage nicht vorbei" sagte er im Mai mit Blick auf die Vorbereitungen für den "synodalen Weg".

Kritik von Anfang an

Doch schon in der Planungsphase zeigte sich, wie sich innerhalb der Bischofskonferenz die Geister schieden. Denn relativ schnell meldeten sich Bischöfe zu Wort, die sich bei der Abstimmung zum "synodalen Weg" im März enthalten hatten. Der mittlerweile emeritierte Augsburger Oberhirte Konrad Zdarsa distanzierte sich vom Reformprozess und sagte, an der Zahl der Kirchenaustritte werde der Weg nichts ändern. Eine Erneuerung der Kirche könne es nur durch persönliche Bekehrung, Hinwendung zu Gott und einem Leben aus dem Glauben und den Sakramenten geben. Der Regensburger Oberhirte Rudolf Voderholzer warnte vor einer Spaltung der Kirche: Wer die Kirche neu erfinden wolle, "beschreitet einen Weg der Zerstörung." Auch der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki schlug ähnliche Töne an.

Die Gegner des eingeschlagenen Reformweges blieben jedoch eine Minderheit unter den Bischöfen. Vertreter der Mehrheitsmeinung meldeten sich umgehend und beklagten, dass der "synodale Weg" in Misskredit gebracht werde, bevor er überhaupt begonnen habe – so etwa Berlins Erzbischof Heiner Koch. Andere Bischöfe gingen noch expliziter auf die konkreten Vorwürfe ein. Spalterisch seien nicht "die Gespräche, sondern die Meinung, man könne Gespräche unterbinden", befand etwa der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf.

In diesem Klima der Uneinigkeit erreichte die deutschen Katholiken ein Brief des Papstes. Der sorgte aber weniger für eine vielleicht vom Vatikan erhoffte Klarheit, sondern befeuerte die unterschiedlichen Auslegungen. In einem Brief "an das pilgernde Volk in Deutschland" unterstrich Franziskus im Juni einerseits die Bedeutung der Synodalität, mahnte aber andererseits auch die weltweite Einheit der Kirche an. Man solle nicht nur über Strukturen sprechen, sondern auch über die Evangelisierung. Das Papier war so allgemein formuliert, dass sich Gegner wie Unterstützer des "synodalen Weges" bestätigt fühlten.

In einem Brief "an das pilgernde Volk in Deutschland" unterstrich Franziskus im Juni einerseits die Bedeutung der Synodalität, mahnte aber andererseits auch die weltweite Einheit der Kirche an.

Ungeachtet der öffentlichen Diskussion gewann der Prozess weiter an Form. Die Gemeinsame Konferenz beschloss Anfang Juli sowohl einen ersten Entwurf der Satzung wie auch ein viertes Forum, in dem es um die Rolle der Frauen gehen soll. Dem Drängen vieler Katholikinnen wurde also nachgegeben. Auch bei der vorbereitenden Arbeit der Foren sollten Frauen in gehobener Position mitreden. Denn Bischofskonferenz und ZdK einigten sich auf Doppelspitzen bei der Leitung der Gruppen, jeweils ein Bischof und ein Laienvertreter sollten ihnen vorstehen.

Wichtig sei es, "Einmütigkeit, nicht Einstimmigkeit" zu erzielen, sagte Kardinal Marx schon damals mit Blick auf die möglichen Beschlüsse am Ende des Reformprozesses. Auch sei kein Oberhirte gezwungen, die Ergebnisse des Reformdialogs in seinem Bistum umzusetzen. Damit war klar, dass es statt einer "Verbindlichkeit" im kirchenrechtlichen Sinne wohl eher auf eine moralische Selbstverpflichtung der Bischöfe hinauslaufen würde.

Zwei Briefe aus Rom

Die Diskussion um die Inhalte des Dialogprozesses hielten derweil aber an. Die Gruppe "Maria 1.0" – entstanden als Reaktion auf die Frauenbewegung "Maria 2.0" – forderte ein weiteres Forum, in dem es um Neuevangelisierung gehen sollte. Der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer konnte dem "viel abgewinnen", eingerichtet wurde das Forum aber nicht.

Anfang September gingen die Planungen dann weiter ins Detail. Festgelegt wurde unter anderem, dass die Plenarversammlungen 2020 und 2021 in Frankfurt stattfinden sollen – bewusst in einer Stadt mitten in Deutschland. Außerdem ist die hessische Metropole 2021 auch der Ort des ökumenischen Kirchentags – ebenfalls ein Statement.

Für Aufsehen sorgte dann neue Post aus dem Vatikan – diesmal in scharfer Formulierung. Der Leiter der vatikanischen Bischofskongregation, Marc Ouellet, bemängelte den noch nicht beschlossenen Entwurf für die Satzung des "synodalen Wegs". Sie legt die Gremien, Abläufe, Diskussionsthemen, Entscheidungsverfahren und Abstimmungsquoren fest. In Rom befürchtete man mit Blick auf die Beschlussfassungen die Gleichberechtigung von Bischöfen und Laien, die "kirchenrechtlich keinen Bestand" haben könne. Ein weiterer Punkt bezog sich auf die Themenauswahl der Foren. Dem Brief angehängt war ein Gutachten des päpstlichen Rats für Gesetztestexte. Darin heißt es, dass es in den Foren nicht nur um spezifisch deutsche, sondern vor allem weltkirchliche Fragen gehen solle. Sie könnten "mit wenigen Ausnahmen nicht Gegenstand von Beschlüssen und Entscheidungen einer Teilkirche sein, ohne gegen die Einschätzung des Heiligen Vaters zu verstoßen".

Rudolf Voderholzer hatte unter anderem dafür plädiert, lehramtlich geklärte Themen wie die Weihe von Frauen aus den Diskussionen auszuklammern.

Ouellets Brief nutzten die beiden (Erz-)Bischöfe Woelki und Voderholzer, um noch einmal für einen von ihnen ausgearbeiteten Gegenentwurf einer Satzung zu werben. Sie hatten unter anderem dafür plädiert, lehramtlich geklärte Themen wie die Weihe von Frauen aus den Diskussionen auszuklammern. Hier hätte zudem die Entscheidungsgewalt ausschließlich in der Hand der Bischöfe gelegen. Doch dieser Entwurf war bereits bei einer Sitzung des Ständigen Rats im August mit überwältigender Mehrheit abgelehnt worden.

Es bleibt beim „synodalen Weg“

Die Reaktion der Bischofskonferenz auf die neuerliche Post aus Rom ließ nicht lange auf sich warten: Die Einschätzung des Vatikan basiere auf einem veralteten Entwurf, hieß es. So könnten Beschlüsse nur mit einer Zweidrittelmehrheit aller anwesenden Mitglieder einerseits sowie der Bischöfe andererseits gefasst werden. Marx selbst verteidigte den "synodalen Weg" in der FAZ: Es wäre hilfreich gewesen, wenn der Vatikan vor der "Versendung von Schriftstücken" das Gespräch gesucht hätte. Gleichzeitig antworteten Bischofskonferenz und ZdK auf den Papst-Brief vom Juni – und versuchten spürbar, die Wogen zu glätten. Man sei entschlossen, den Weg als "geistlichen Prozess" zu gestalten, heißt es da. Und an den Papst gerichtet: "Wir sind im 'kirchlichen Sinn' mit Ihnen verbunden, weil wir sowohl die Einheit der ganzen Kirche als auch die Situation vor Ort im Blick haben und weil uns die Beteiligung des ganzen Volkes Gottes ein großes Anliegen ist."

Das Für und Wider zum "synodalen Weg" bündelte sich dann bei der Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe im September in Fulda – ein halbes Jahr nachdem der Prozess beschlossen wurde. Die Fronten blieben verhärtet: Während die Mehrheit der Bischöfe ihren Willen zu dem Reformprozess bekräftigte, beharrten manche auf ihren Vorbehalten – inklusive der Aussage, den "synodalen Weg" gegebenenfalls nicht mitzugehen. Dennoch stimmte die Mehrheit der deutschen Bischöfe für den nun vorliegenden Satzungsentwurf. Die Vollversammlung des ZdK schloss sich Ende November an.

Am ersten Advent hat der "synodale Weg" nun begonnen, recht bescheiden ohne große Auftaktfeier. Das große Plenum trifft sich im kommenden Jahr nur zwei Mal; die Arbeit dazwischen machen die Synodalforen. Insgesamt ist der Prozess auf zwei Jahre angelegt, aber nicht starr durchgeplant. Auf dem Weg lauern wohl noch einige Überraschungen.

Von Christoph Paul Hartmann