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Standpunkt

Das geplante System zur Missbrauchs-Entschädigung funktioniert nicht

Die Debatte über Entschädigungszahlungen für Missbrauchsopfer aus Kirchensteuermitteln ist im vollen Gange. Dabei liegt das Hauptproblem ganz woanders, kommentiert Björn Odendahl.

Von Björn Odendahl |  Bonn - 05.12.2019

Die Debatte, die der Missbrauchsbeauftrage der Bischofskonferenz, Bischof Stephan Ackermann, ausgelöst hat, hat auch etwas Gutes. Nach und nach stellen die deutschen Bistümer klar: Die Entschädigungen für Missbrauchsopfer werden nicht – oder zumindest nicht mehr – aus Kirchensteuermitteln gezahlt. Stattdessen greifen Diözesen wie Mainz oder Rottenburg-Stuttgart auf Zinserträge oder andere Vermögenswerte zurück.

Das ist gut. Aber wie lange ist das noch möglich? Das Bistum Mainz hat nach eigenen Angaben bisher 56 Anerkennungszahlungen geleistet und dabei insgesamt eine Summe von 309.000 Euro bezahlt. Träte allerdings das neue Entschädigungssystem in Kraft, das eine unabhängige Arbeitsgruppe vorgeschlagen hat und das vor seiner Beratung durch die Bischöfe im vergangenen September an die Medien durchgestochen wurde, läge die Summe schon bei etwa 16,8 Millionen Euro.

Spätestens bei diesem Vergleich wird deutlich, dass die Bischöfe diesen Forderungen nicht nachgeben können. Nicht (nur), weil sie eine Zahlung allein aus Nicht-Kirchensteuermitteln künftig unmöglich machen und damit jeder Gläubige für ein hierarchisch-klerikales System in Mithaftung genommen würde, an dem er von sich aus nichts ändern kann. Und auch nicht, weil diese Zahlungen kleinere Bistümer oder Orden in den Ruin treiben würden.

Das neue Entschädigungssystem funktioniert deshalb nicht, weil es zu einer Spaltung der Missbrauchsopfer in Deutschland führen würde. Denn anders als etwa in den USA, in denen Privatpersonen, Unternehmen oder eben die Kirche durch staatliche Gesetze zur Zahlung horrender Schmerzensgelder verpflichtet werden, sieht das deutsche Entschädigungsrecht (zumindest bisher) keine Summen in dieser Größenordnung vor. Wie sieht es also in nicht-kirchlichen Einrichtungen aus? Was ist mit Betroffenen, die von ihren Trainern, Lehrern oder Verwandten missbraucht wurden?

Sicher ist es sinnvoll, dass die Kirche die systemischen Ursachen für Missbrauch in ihren eigenen Reihen anerkennt und dafür auch tiefer in die Tasche greift als bisher. Eine Selbstverpflichtung in diesen Dimensionen wäre allerdings kontraproduktiv. Stattdessen ist zunächst der Staat gefordert, einheitliche Regeln für die Entschädigung von Missbrauchsopfern aufzustellen, an die sich die Kirchen dann selbstverständlich zu halten haben.

Von Björn Odendahl

Der Autor

Björn Odendahl ist Chef vom Dienst bei katholisch.de.

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