Er meint doch nicht etwa mich?
Schwester Christine Klimann über das Sonntagsevangelium

Er meint doch nicht etwa mich?

Johannes der Täufer nimmt kein Blatt vor den Mund: Die Menschen sollen ihren frommen Worten echte Taten folgen lassen. Endlich macht jemand diesen scheinheiligen Leuten eine klare Ansage – oder? Das wäre zu leicht, weiß Schwester Christine KIimann.

Von Schwester Christine Klimann |  Rom - 07.12.2019

Impuls von Schwester Christine Klimann

Er muss eine faszinierende Gestalt gewesen sein – ein Mittelding zwischen Aussteiger, Fernsehprediger, Guru und ausgelagertem Gewissen eines ganzen Volkes. Kein Wunder, dass sie alle zu ihm hinauszogen: Große und Kleine, Reiche und Arme, Tugendhafte und Sünder, Lebenslustige und Verzweifelte. Johannes empfing sie alle. Und allen ruft er zu: Kehrt um!

Aber er ließ sich nichts vormachen: so unterschiedlich die Leute, so unterschiedlich auch die Motivationen. Da waren die Sinnsuchenden und die Erlebnisorientierten, die Skrupulösen und die Revolutionäre, die Philosophen und die Besserwisser, die Neugierigen und die Mitläufer. Und eine Menge Pharisäer – vermutlich im buchstäblichen ebenso wie im übertragenen Sinn.

Wer könnte schon von sich sagen, dass er nicht ein wenig Pharisäer in sich trägt? Denn es ist so viel leichter, die Scheinheiligkeiten und Augenauswischereien der anderen zu entdecken, und prüfend bis abschätzig um sich zu schauen und sich zu denken: also sooo schlimm bin ich ja nun auch wieder nicht …

Johannes deckt Gedankengänge dieser Art auf etwas unsensible Weise auf: "Ihr Schlangenbrut!" Nachdem man mal kurz geschluckt hat, denkt man sich, dass damit sicher die anderen gemeint sein müssen: Die Politiker, die Vielflieger, die AfD-Wähler, die Generalvikare, die Väter, die ihre Kinder schlagen, die Trump-Fans oder die Kirche als Ganze, die in ihrer Halbherzigkeit stecken bleibt.

Es ist verlockend, bei Johannes' Worten frustriert bis hämisch um sich zu blicken – aber wenn ich das täte, hätte ich genau nichts verstanden. Nicht nur den anderen, sondern Ihnen und mir ruft Johannes zu: "Bringt Frucht, die eure Umkehr zeigt!" Welche Frucht das sein könnte – wahrscheinlich weiß, in der Tiefe des Herzens, ein jeder von uns das weit besser, als wir wahrhaben möchten.

Advent ist eine besondere Zeit – zwischen Sehnsucht und Hektik, guten Vorsätzen und Glühwein, zwischen sich auf den Weg machen und sich beschenken lassen. Die Umkehr, von der Johannes spricht, kann eine radikale Veränderung bedeuten: eine Freundin hat eines Advents kurzerhand ihren Fernseher aus der Wohnung geschmissen.

Die Umkehr kann sich aber auch in leisen, fast unsichtbaren Gesten ausdrücken. Kleine Gesten, die aber einen Unterschied machen. Die ausdrücken, dass ich es ernst meine. Dass ich Ihn empfangen will, der allein den wahren Unterschied macht und doch auf ganz leisen Sohlen kommt. Gesten der Sehnsucht, der Offenheit, der Solidarität. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt – der Aufrichtigkeit aber auch nicht.

Jedes Jahr im Advent frage ich mich, wie die aktuelle Gestalt unserer Welt eigentlich zusammengeht mit dem Geheimnis der Menschwerdung und mit dem Heilsplan Gottes. Vielleicht brauchen wir wirklich mehr originelle Wegbereiter, müssen uns zurufen lassen und anderen zurufen: Bringt Frucht, die eure Umkehr zeigt! Was könnte da im Advent alles zum Blühen kommen …

Von Schwester Christine Klimann

Evangelium nach Matthäus (Mt 3,1-12)

In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf und verkündete in der Wüste von Judäa: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe. Er war es, von dem der Prophet Jesaja gesagt hat: Stimme eines Rufers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn! Macht gerade seine Straßen!

Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften; Heuschrecken und wilder Honig waren seine Nahrung. Die Leute von Jerusalem und ganz Judäa und aus der ganzen Jordangegend zogen zu ihm hinaus; sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen.

Als Johannes sah, dass viele Pharisäer und Sadduzäer zur Taufe kamen, sagte er zu ihnen: Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Zorngericht entrinnen könnt? Bringt Frucht hervor, die eure Umkehr zeigt, und meint nicht, ihr könntet sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen dem Abraham Kinder erwecken.

Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen. Ich taufe euch mit Wasser zur Umkehr. Der aber, der nach mir kommt, ist stärker als ich und ich bin es nicht wert, ihm die Sandalen auszuziehen.

Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. Schon hält er die Schaufel in der Hand; und er wird seine Tenne reinigen und den Weizen in seine Scheune sammeln; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen.

Die Autorin

Schwester Christine Klimann gehört zur Kongregation der Helferinnen, ist Pastoralreferentin und studiert in Rom Psychologie.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.