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Standpunkt

In Diskussionen muss die Kirche "sympathisch anders" sein

Die Kirche will die Gesellschaft auf dem Weg in die Zukunft unterstützen. Dafür muss sie den richtigen Ton und die richtigen Argumente finden, meint Joachim Frank. Wie das geht, habe Jesus der Kirche bereits mit auf den Weg gegeben.

Von Joachim Frank |  Bonn - 03.01.2020

"Wir haben verstanden." Haben wir? Ein Land, das sich zum Jahreswechsel und am Beginn eines neuen, in vielerlei Hinsicht wegweisenden Jahrzehnts über die mehr oder weniger blödsinnige Verballhornung einer ohnehin sinnbefreiten Liedzeile zur Mobilität von Großmüttern echauffiert – dieses Land hat nichts verstanden. Oder womöglich schon zu viel? Ist es eine Erkenntnis aus Debatten der jüngeren Vergangenheit, dass die wirklich wichtigen Fragen erst gar nicht mehr gestellt und noch weniger beantwortet werden? Und haben wir überhaupt noch den Mut, den Spirit, die Ideen für echte Problembewältigung? Oder ist die Oma-Umweltsau-Scheinhysterie am Ende nur eine wortreiche intellektuelle Kapitulation und politische Bankrotterklärung vor den Herausforderungen unserer Zeit?

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen macht auf den Unterschied zwischen produktiver und destruktiver Polarisierung aufmerksam. Die Skandalisierung des sogenannten Satire-Songs im WDR mag zwar alle Beteiligten in der Gewissheit bestärken, auf der jeweils richtigen Seite zu stehen und es ansonsten mit lauter Deppen zu tun zu haben. Aber, so bemerkt Pörksen zu Recht, das bringt rein gar nichts für einen intelligenten, lösungsorientierten Klimaschutz. Genau darüber zu streiten, wäre demgegenüber eine produktive Polarisierung.

Leicht erkennbar ist das Thema Klima hier nur eine Chiffre, ein Platzhalter für viele andere drängende Fragen. Zum Jahreswechsel haben führende Kirchenvertreter wieder die Bereitschaft der (verfassten) Christenheit bekundet, an einer zukunftsfähigen Gesellschaft mitzuarbeiten. Da die Kirche der Welt in Sachfragen nichts voraushat und selbst Teil der Welt ist, können ihre Beiträge allein durch die argumentative Kraft und obendrein durch den gewinnenden Vortrag überzeugen. Dafür wiederum wird die Art entscheidend sein, wie "Klima"-Debatten innerkirchlich ausgetragen werden. Die Diskussionen über ein zeitgemäßes christliches Zeugnis (Evangelisierung) in einer auf Glaubwürdigkeit ausgerichteten Gemeinschaft der Glaubenden (Kirchenreform) müssen "sympathisch anders" sein. Sonst fällt die jesuanische Maxime "Bei euch aber soll es nicht so sein!" umstandslos auf die Kirche selbst zurück. Und sie bliebe als "fromme NGO" (Papst Franziskus) bestenfalls zurück wie Paulus einst auf dem Areopag, wo die Athener die Predigt des Apostels über die Auferstehung mit den spöttischen Worten beschieden: Darüber wollen wir dich ein andermal hören.

Von Joachim Frank

Der Autor

Joachim Frank ist Chefkorrespondent des "Kölner Stadt-Anzeiger" und der "Mitteldeutschen Zeitung". Außerdem ist er Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands (GKP). Die GKP verleiht mit der Deutschen Bischofskonferenz und dem Katholischen Medienverband alljährlich den Katholischen Medienpreis.

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