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Standpunkt

Wann die "Anbetung des Heiligen" richtig und wann sie falsch ist

Kurienkardinal Kurt Koch hat einen Verlust des Heiligen beklagt. Doch mit dem Ruf nach mehr Anbetung des Heiligen komme die Gefahr spirituell überhöhter Selbstbezüglichkeit auf, findet Stefan Orth. Dem Heiligen begegne man jedoch woanders.

Von Stefan Orth |  Bonn - 13.01.2020

Dr. Stefan Orth ist stellv. Chefredakteur der Herder Korrespondenz

Kurienkardinal Kurt Koch hat vor einer Woche auf der Mehr-Konferenz unter viel Beifall den Verlust des Heiligen beklagt. Diesen gebe es selbst in der Kirche. Keine Frage: Auch im Katholizismus kommt es zu oft zur Ausblendung der Gottesfrage, gibt es geistlose Geschäftigkeit. Und insgesamt droht eine Welt, die alle Phänomene des Transzendenten ignoriert, zum eigenen Schaden nur um sich selbst zu kreisen.

Es kommt bei der Forderung nach einer intensiveren Besinnung auf das Heilige allerdings immer auch darauf an, was genau gemeint ist. Denn umgekehrt gibt es gerade beim Ruf nach mehr Anbetung des Heiligen die Gefahr spirituell überhöhter Selbstbezüglichkeit. Koch hat ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, dass daraus vielmehr das Engagement für das Leben und die Schöpfung als ganze erwachsen müsse.

Gerade angesichts des Missbrauchsskandals, der die katholische Kirche in Deutschland seit zehn Jahren und auch auf absehbare Zeit durchschüttelt, sind die Differenzierungen wichtiger denn je. Denn dem Heiligen begegnet man nach der zentralen Stelle aus dem Matthäus-Evangelium gerade auch in den Menschen, die erlittenes Leid und erfahrene Not niederdrückt. Das Heilige blitzt gleichermaßen auf, wo sich andere für solche Menschen selbstlos einsetzen und sich ihnen auch jenseits öffentlicher Wahrnehmung zuwenden – auch wenn dies für sie selbst schmerzlich sein mag. In jedem Fall darf der Ruf nach mehr Anbetung des Heiligen nicht dazu führen, dass man aus einer gewissen Nostalgie heraus bestimmten klerikalistischen Strukturen hinterhertrauert, die zu den Bedingungen gehören, die in vielen Fällen Missbrauch überhaupt erst möglich gemacht haben.

Von Stefan Orth

Der Autor

Dr. Stefan Orth ist stellvertretender Chefredakteur der Herder Korrespondenz.

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