Papst Johannes Paul II. empfängt am Freitag, 4. 6. 2004 im Vatikan US-Präsident George W. Bush zu einer Privataudienz
So wollte der Papst den Irakkrieg verhindern

Geheimer Brief von Johannes Paul II. an George W. Bush veröffentlicht

Bis zuletzt hatte Papst Johannes Paul II. versucht, den Irakkrieg noch zu verhindern – ohne Erfolg. Zu welchen Mitteln er dabei gegriffen hat, dokumentiert ein nun veröffentlichter Brief. Jahrelang war er geheim.

Washington/Vatikanstadt - 14.01.2020

Ein Brief von Papst Johannes Paul II. an US-Präsident George W. Bush aus dem März 2003 zum Irakkrieg ist nicht länger geheim. In dem Brief forderte der Papst den Präsidenten auf, sich für den Frieden einzusetzen und einen bewaffneten Konflikt mit dem Irak zu verhindern. "Ich bin überzeugt, dass Frieden immer möglich ist, sogar unter den schwierigsten Umständen", heißt es in dem auf 3. März datierten Schreiben. Darin bittet der Papst den Präsidenten, den ehemaligen Nuntius Kardinal Pio Laghi (1922–2009) als seinen persönlichen Botschafter zu empfangen: "Was er zu sagen hat, steht dafür, was ich in meinem Herzen für das Wohl aller Menschen trage." Laghi solle mit Bush die Möglichkeiten ausloten, den Irakkrieg noch zu verhindern.

Mit der Veröffentlichung schließt sich eine Lücke in der Dokumentation der päpstlichen Bemühungen um Frieden. Dass ein derartiger Brief existiert, war bekannt, nicht aber dessen Inhalt: Das Schreiben stand bis vor kurzem unter Geheimhaltung. Nach einem Antrag nach dem US-amerikanischen Informationsfreiheitsgesetz durch den Journalisten Paul Moses wurde es Ende 2019 von der zuständigen US-Archivbehörde NARA freigegeben und am Montag durch die Zeitschrift "Commonweal" veröffentlicht.

Päpstliche Proteste konnten Krieg nicht verhindern

Johannes Paul II. schließt seinen Brief, indem er Bush sein Gebet versichert. "Ich bitte Gott inständig, Sie und alle Träger der höchsten Staatsgewalt zu ermutigen, einen Weg für einen dauerhaften Frieden zu finden, der edelsten aller menschlichen Unternehmungen." Das Gespräch zwischen Laghi und Bush am 5. März 2003 konnte den Irakkrieg nicht mehr verhindern. Am 16. März wandte sich der Papst im Angelus-Gebet an die Weltgemeinschaft: "Es ist noch Zeit zum Verhandeln; es gibt noch Raum für den Frieden; es ist nie zu spät, um einander zu verstehen und die Verhandlungen fortzusetzen." Am 20. März begannen US-Truppen, ausgewählte Ziele in der Hauptstadt Bagdad zu bombardieren.

In einer nach dem Gespräch veröffentlichten Stellungnahme Laghis ging der ehemalige Nuntius zwar nicht auf den Inhalt ein, betonte aber sowohl die Pflicht der irakischen Regierung, zur Abrüstung und zur Achtung der Menschenrechte als auch die Position des Heiligen Stuhls, dass eine friedliche Lösung im Rahmen des Völkerrechts weiterhin möglich sei. Außerdem äußert er die Bedenken Roms, dass eine Krieg die Region destabilisieren könne und eine neue Kluft zwischen Islam und Christentum schlagen könne.

"Krieg ist immer eine Niederlage der Menschheit"

Johannes Paul II. war einer der weltweit deutlichsten Fürsprecher einer friedlichen Lösung. Seine Worte beim Empfang des Diplomatischen Korps des Heiligen Stuhls im Januar 2003, dass Krieg "immer eine Niederlage der Menschheit" sei, wurde bei Protesten gegen den Irakkrieg immer wieder von Kritikern zitiert.

Der Irakkrieg oder Dritte Golfkrieg endete am 1. Mai 2003 mit dem Sturz des Diktators Saddam Hussein. Als Grund für den Angriff wurde eine angebliche Bedrohung der USA durch irakische Massenvernichtsungswaffen und Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Quaida angeführt. Beide vorgebrachten Kriegsgründe wurden später von der 9/11-Kommission, einem Ausschuss des US-Kongresses, und weiteren Kommissionen als nicht auf Tatsachen basierend bewertet. (fxn)