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Bauern-Proteste: Wertschätzung kann man nicht einklagen

Bauern, Tierschützer und Verbraucher: Diese Gruppen vertreten in letzter Zeit oft gegensätzliche Positionen. Und doch fordern sie alle Wertschätzung – natürlich zuerst für sich selbst. So kann das nichts werden, kommentiert Dominik Blum.

Von Dominik Blum |  Bonn - 21.01.2020

Dominik Blum leitet das Referat Erwachsenenseelsorge beim Bischöflich Münsterschen Offizialat in Vechta.

Während RTL anlässlich der Grünen Woche einen versöhnlichen Bibelclip zum Dialog zwischen Landwirten und Verbrauchern geschaltet hat, ist die sonstige Berichterstattung deutlich von Konflikten und Protesten geprägt. Die Stimmung rund um die Themen Landwirtschaft, Ernährung und Klimaschutz ist aufgeheizt wie lange nicht. Schon seit Tagen blockieren Traktoren-Kolonnen die Straßen deutscher Großstädte im Dreieck Bremen, München, Berlin. Abwechselnd protestieren Landwirte, Verbraucher und NGOs für mehr oder weniger scharfe Düngemittelverordnungen, Insektenschutzbestimmungen, Tierwohlauflagen.

Eine bemerkenswerte Forderung steht aktuell auf vielen Bannern und Plakaten: "Mehr Wertschätzung!" Der Bauernverband fordert von Verbrauchern und Politik mehr Wertschätzung für Lebensmittel und ihre Erzeuger. Tierschützer verlangen von der industriellen Landwirtschaft mehr Wertschätzung für die Nutztiere. Ökobauern klagen Wertschätzung für ihre enkeltaugliche Landwirtschaft ein, die auch höhere Preise rechtfertigt. Viele Verbraucher wertschätzen hochwertige, gesunde Lebensmittel – aber nur zu möglichst billigen Preisen. Und die Landwirtschaftsministerin verspricht gar eine baldige "Wertschätzungskampagne" mit allen Beteiligten an einem Tisch.

Wo Wertschätzung unter Protest eingeklagt werden muss, läuft offensichtlich etwas falsch. Wertschätzung ist weder ein Lippenbekenntnis zur Beruhigung der Lage noch ein politisches Instrument zur Herstellung gesellschaftlichen Friedens. Und erst recht kein Argument zur Verkaufsförderung. Der Hirnforscher Gerald Hüther hat kürzlich darauf hingewiesen, dass Wertschätzung nicht durch Belehrung und Unterweisung hergestellt, sondern nur durch die innere Haltung des Liebens und die konkrete Erfahrung der Liebe wirksam werden kann. Wenn es also in der Landwirtschaft und im Blick auf die Ernährung um Wertschätzung geht, kann nur gemeint sein: die Ehrfurcht der Verbraucher vor den wertvollen Lebensmitteln, die Menschen am Leben halten. Die liebende, nachhaltige Sorge der Landwirte für den Boden und das Wasser, aus dem die Lebensmittel ihr Wachstum beziehen. Der liebevolle Blick der Viehwirtschaft auf das Wohl der Nutztiere, die zugleich Mitgeschöpfe sind. Und das gegenseitige solidarische Interesse an den Lebens- und Arbeitsbedingungen all derer, die im eigenen Land und auf der ganzen Welt ins System der Ernährungswirtschaft involviert sind.

Dann hätte die Parole "Mehr Wertschätzung!" auf Traktoren und Transparenten ihre Berechtigung. Ja, vielleicht ist es tatsächlich so einfach.

Von Dominik Blum

Der Autor

Dominik Blum ist Dozent für Theologie an der Katholischen Akademie in Stapelfeld.

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