Erste Synodalversammlung in Frankfurt
So hat Claudia Nothelle das Treffen als Teilnehmerin erlebt

Nach der ersten Synodalversammlung: Das Fenster ist geöffnet

Claudia Nothelle hat an der ersten Synodalversammlung teilgenommen. Der weitere Weg bleibt steinig, ist sie überzeugt – und die richtige Nagelprobe steht noch aus. Dennoch hat sie viel frischen Wind verspürt. Für katholisch.de hat sie ihre Eindrucke zusammengefasst.

Von Claudia Nothelle |  Frankfurt - 02.02.2020

Hat da jemand ein Fenster aufgemacht? Viele hatten Sehnsucht nach Frischluft, manche jedoch Angst vor Zugwinden. Im Synodensaal in Frankfurt war jedenfalls etwas von dem zu spüren, was wir Nachgeborenen immer mit dem Start des Zweiten Vatikanischen Konzils verbinden: Ein Papst, der fordert, die Fenster der Kirche weit auf zu machen – und ein Aggiornamento, eine Wiederannäherung der Kirche an die Zeit zu wagen. Auch wenn die Anekdote vom offenen Fenster nie bestätigt worden ist, hält sie sich hartnäckig. Und trifft die Sehnsucht der damaligen Zeit. Und vielleicht auch der heutigen.

Sehnsucht, dass sich etwas ändert. Dass, so hat es gleich am Eröffnungsabend die Benediktinerin Schwester Philippa Rath aus Eibingen eindrucksvoll geschildert, man sich nicht mehr für seine Kirche schämen muss. Dass das Zeugnis wieder lebendig wird und die Verfasstheit der Kirche ein solches Zeugnis auch zulässt. Dass Menschen eine Heimat finden in dieser Kirche – und dort auf Menschen treffen, die sich mit ihnen auf die Suche nach einem Leben in der Nachfolge machen. Die Reihe ließe sich beliebig erweitern, wahrscheinlich mit mindestens 230 verschiedenen Hoffnungen. So viele, wie es Mitglieder der Synodalversammlung gibt. Da sind sich noch alle einig, Bischöfe und Laien, Bewahrer und Reformer, die in der Mitte und die an den Rändern: Es muss sich etwas ändern.

Es geht um mehr als Verfahrensfragen

Damit hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf. Auch das haben die nicht einmal 48 Stunden in Frankfurt deutlich gezeigt. Einfach wird es nicht. Schon die kleinteilige und mühsame Debatte um die Geschäftsordnung zeigt, dass es um sehr viel mehr als um Verfahrensfragen geht. Denn auch die Debatte um Zweidrittelmehrheiten kann eine Frage nach dem Grundverständnis von katholischer Kirche und ihrer konkreten Gestalt im nächsten Jahrzehnt sein. Die Satzung für den Synodalen Weg sieht eine Zweidrittelmehrheit der Bischöfe für die Beschlüsse der Synodalversammlung vor. Die Geschäftsordnung ermöglicht nun, dass – auf Antrag – auch eine eigene Zweidrittelmehrheit der Frauen für Beschlüsse notwendig ist. Auch das Ausdruck eines Grundverständnisses von katholischer Kirche – und dieser eigentlich formale Schritt kann im Ernstfall sehr zentral werden.

Auf der Agenda stehen vier große Themen – manche würden sogar sagen die vier großen Themen, die in der katholischen Welt gerade zentral sind. Die Frage nach der Macht, nach den Frauen, nach Sexualität und den Priestern beschäftigen Katholikinnen und Katholiken weit über den Synodalen Weg hinaus. Die etwa 6000 Fragen und Anmerkungen, die über das Internet an die Synodalen gerichtet worden sind, belegen das eindrücklich. Der Vorwurf, nur um sich selbst zu kreisen, ist nicht ganz nachvollziehbar: Geht es doch bei den Fragen immer auch um die Verortung der Kirche und ihrer Botschaft in der Gesellschaft. Wie glaubwürdig kann sie sein? Wie kann sie mit ihrer Botschaft von der Liebe und Güte Gottes die Menschen erreichen? Und: Was ist das mit dem Zeitgeist? Kann es, muss es nicht möglich sein, in der modernen Gesellschaft, in ihren komplexen Zusammenhängen, in ihren individualisierten Lebensentwürfen den Heiligen Geist zu entdecken?

Claudia Nothelle hat an der ersten Synodalversammlung teilgenommen.Sie lehrt Fernsehjournalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal, ist Aufsichtsratsvorsitzende des ifp (Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses) und Mitglied im Zentralkomitee der Katholiken.

Die deutsche Kirche steht mit diesen Fragen nicht allein da, ihre europäischen Nachbarn begleiten den Prozess sehr aufmerksam. Vieles wird bei ihnen auch diskutiert, manches anders betrachtet. Aber was wichtig ist: Ganz sicher geht es nicht um einen deutschen Alleingang, wohl aber um eine Beschäftigung mit den ganz spezifischen Fragen und Problemen in einer konkreten Gesellschaft.

Was die erste Versammlung in Frankfurt ausgezeichnet hat: eine überraschende Offenheit. Ein Wort, das schon fast zu den vergessenen Wörtern gehörte, Daniel Deckers bringt es in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf und es macht in der Versammlung schnell die Runde: Freimut.

Für einen Moment stand die Zeit still

Die Fragen, die Themen, die Probleme wurden offen ausgesprochen in ihrer ganzen Tragweite. Von Transgender bis Zölibat, von Frauenweihe bis zur Sexualmoral. Von Angst war die Rede, von Tätern und von Opfern. Mara Klein aus Halle spricht sichtlich bewegt von dem Verein von Tätern und der strukturellen Sünde und ihrer Hoffnung, gemeinsam daraus ausbrechen zu können. Und als Janosch Roggel von den ganz persönlichen Missbrauchserfahrungen sprach, da stand für einen Moment die Zeit still.

Dennoch: Die wahre Nagelprobe steht noch aus. Wenn die Probleme nicht mehr nur benannt werden, wenn um gemeinsame Position gerungen wird, muss sich der Synodale Weg bewähren. Wenn schon ein gemeinsamer Einzug von Bischöfen und Laien in die Kirche zu einem Politikum werden kann, dann ist klar, wie weit der Synodale Weg ist. Aber wir sind gemeinsam als Volk Gottes auf ihm unterwegs, das hat die erste Versammlung gezeigt. Es ist viel mehr möglich als gedacht. Teilhabe, Aufbruch und Hoffnung. Da hat tatsächlich jemand ein Fenster aufgemacht.

Von Claudia Nothelle