Kardinal Barbarin will nicht mehr Erzbischof von Lyon sein
Trotz Freispruch im Missbrauchsprozess

Kardinal Barbarin will nicht mehr Erzbischof von Lyon sein

Ende Januar wurde der französische Kardinal Philippe Barbarin im Missbrauchsprozess freigesprochen. Nicht zum ersten Mal bietet er jetzt seinen Rücktritt als Erzbischof von Lyon an. Darüber entscheiden kann aber nicht er selbst.

Paris - 10.02.2020

Der vom Vorwurf der Missbrauchsvertuschung freigesprochene französische Kardinal Philippe Barbarin (69) kann sich keine weitere Zukunft an der Spitze der Erzdiözese Lyon vorstellen. Das geht aus einem Interview des seit 2002 amtierenden Erzbischofs im Wochenmagazin "Le Point" hervor. Die Entscheidung liege aber beim Papst.

Der Kardinal betonte, er sehe seine Zukunft als Wallfahrtspriester, als Prediger bei geistlichen Exerzitien oder als Seelsorger in Madagaskar, wo er schon in den 90er Jahren als Priester arbeitete. Schon unmittelbar nach seinem Freispruch durch ein Berufungsgericht am 30. Januar hatte Barbarin erklärt, er wolle sein Amt als Erzbischof erneut in die Hände des Papstes legen, um ein neues Kapitel für die Kirche von Lyon aufzuschlagen. Der Vatikan gab damals bekannt, auf unmittelbare personelle Maßnahmen verzichten zu wollen. Papst Franziskus wollte die Entscheidung "zu gegebener Zeit" mitteilen.

Barbarin war zunächst im März 2019 wegen Nichtanzeige von sexuellem Missbrauch in erster Instanz schuldig gesprochen und zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Der Vorwurf lautete, er habe Fälle sexuellen Missbrauchs durch den Ex-Priester Bernard Preynat nicht bei den staatlichen Behörden angezeigt. Der Kardinal legte Berufung ein und bot bereits damals dem Papst seinen Amtsverzicht an, den Franziskus jedoch nicht annahm. Barbarin nahm sich in der Folge eine Auszeit; die Leitung der Erzdiözese Lyon übertrug der Papst im Juni für das Berufungsverfahren übergangsweise dem früheren Bischof von Evry-Corbeille-Essonnes, Michel Dubost (77).

Vorwurf wird ihm "immer anhängen"

Im "Le Point"-Interview bekräftigte Barbarin nun, er habe "niemals gewollt oder daran gedacht, irgendetwas zu vertuschen". Das habe ihm nun auch das Berufungsgericht bestätigt. "Diese Angelegenheit wird mir jetzt trotzdem immer anhängen", hielt er fest. "Ich werde immer derjenige sein, der schreckliche Taten nicht angezeigt hat", so Barbarin – auch wenn die Justiz bestätigt habe, dass er "in dieser Hinsicht nicht schuldig" sei.

Dem Missbrauchstäter Preynat gegenüber habe er es "an Mut und Entschlossenheit fehlen lassen", räumte der Kardinal ein. "Ich habe immer – fälschlich – gedacht, das hätten meine Vorgänger alles schon gelöst." Barbarin klagt sich im Nachhinein auch an, das Ausmaß der Missbrauchsfälle in der Erzdiözese sei ihm zu spät klar geworden. "Es ist mir erst gegen Ende 2014 brutal bewusst geworden, was diese Taten konkret bedeuteten - das Leiden der Opfer."

Freimütig räumt der Kardinal im Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin "Fehler bei der Amtsausübung" ein. Er spricht aber auch von einem "Medien-Tsunami", den er in den vergangenen vier Jahren erlebt habe. Immerhin hätten die "Angriffe" auf ihn aber "auch zu etwas Positivem geführt", nämlich zu einem "allgemeinen Aufwachen" in Sachen Missbrauch. (mpl/KNA)