Romano Guardini im Porträt
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Katholischer Denker beschäftigte sich mit Thema Macht

Warum der Theologe Romano Guardini erstaunlich aktuell klingt

Hat der Mensch noch Macht über seine Macht? Kann er noch unterscheiden zwischen gewünschten und ungewünschten Folgen seines Tuns? Solche Fragen formulierte der katholische Theologe und Denker Romano Guardini schon vor fast 70 Jahren. Vor 135 Jahren wurde er geboren.

Von Burkhard Schäfers |  Verona/Bonn - 17.02.2020

"Für die kommende Epoche geht es im Letzten nicht mehr um die Steigerung der Macht – obwohl diese sich immer weiter und in immer rascherem Zeitmaß vollziehen wird –, sondern um deren Bändigung." Diesen Satz schreibt der katholische Theologe und Religionsphilosoph Romano Guardini in einem Aufsatz, den er 1951 veröffentlicht: ‚Die Macht – Versuch einer Wegweisung‘. Das ist fast 70 Jahre her, die wichtigsten Gedanken könnten aber ebenso aus dem Jahr 2020 stammen.

Guardini beschreibt die Neuzeit als eine Ära, in der "jede Zunahme an wissensmäßig-technischer Macht einfachhin als Gewinn empfunden" worden sei. Aber: "Die Sicherheit dieser Überzeugung ist erschüttert". Was folgt, ist ein flammendes Plädoyer dafür, die Macht des Menschen zu begrenzen, um die "globale Katastrophe" abzuwenden. Guardini hatte damals die sechs Jahre zuvor beendete NS-Herrschaft und die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki vor Augen. Heute würde er wohl über den Klimawandel schreiben, sagt Markus Vogt, Professor für Christliche Sozialethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München: "Da ist er durchaus visionär. Ich denke die ökologische Situation heute ist das Umkippen der Macht in ihr Gegenteil. Wir haben so viel Macht über die Natur, dass wir unsere eigene Macht nicht mehr kontrollieren und verantwortlich handhaben können."

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Michael Seewald ist seit 2017 Inhaber des Lehrstuhl für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Universität Münster.

Verantwortung und Macht gehören bei Guardini untrennbar zusammen. Er prangert ein fehlendes "Ethos der Herrschaft" an, weil die Handelnden sich hinter Institutionen versteckten. "Die Verantwortung verliert sich in anonymen Mächten", sagt Sozialethiker Vogt: "Die Macht wird abgegeben an Systeme, sie ist nicht mehr von Personen durchdrungen und gehandhabt." Guardini bringt die aus seiner Sicht grassierende Verantwortungslosigkeit so auf den Punkt: "Es breitet sich vielmehr das Bewusstsein aus, im Grunde sei es überhaupt kein jemand, der da handelt, sondern eine nirgends fassbare, niemandem sich stellende, auf keine Frage antwortende, das Geschehen verantwortende Unbestimmtheit. Deren Verhalten wird als zwangsläufig empfunden".

Die dämonische Qualität der Macht

Michael Seewald, Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Universität Münster, sagt: "Wo die Trias zwischen Geist, Freiheit und Verantwortung auseinanderdriftet, und zum Beispiel in politischen Systemen Macht als eine entpersonalisierte erscheint, dort würde Guardini von einer dämonischen Qualität der Macht sprechen."

Und heute? Viele spüren eine Ohnmacht gegenüber dem menschengemachten Klimawandel, dem rasanten Fortschritt in der Gentechnik oder gegenüber Maschinen, die mittels so genannter Künstlicher Intelligenz funktionieren. Romano Guardini – 1885 in Verona geboren und aufgewachsen in Mainz, katholischer Priester und Religionsphilosoph, gestorben 1968 in München – formulierte bereits Anfang der 1950er Jahre Antworten, die wie gemacht klingen fürs 21. Jahrhundert: Der Gang der Geschichte bestehe nicht aus naturgegebenen Notwendigkeiten. Vielmehr betrachtet er den Menschen als von einem freien Geist bestimmt: "Der Mensch muss das volle Maß seiner Verantwortung kennen und auf sich nehmen. Um das aber zu können, muss er wieder das richtige Verhältnis zur Wahrheit der Dinge (…) und, letztlich, zu Gott gewinnen."

Erste Synodalversammlung

Guardini beschäftigte sich mit Macht – dieses Thema wird heute auch beim Synodalen Weg diskutiert.

Wie das gelingen kann? Guardini antwortet scheinbar schlicht: mit Demut. Ein verstaubter Begriff, der schon damals als "Ausdruck für Schwäche" galt. Doch, so Guardini: "Demut im christlichen Sinne ist eine Tugend der Kraft". Dogmatiker Seewald sagt: "Für Guardini ist Demut die Art und Weise, in der Macht erträglich werden kann." Das gelte im Übrigen auch für die Theologie: "Eine machtsensible Theologie spürt die Orte auf, an denen Macht eingesetzt wird, die aber keine moralisch qualifizierte Macht ist." Insofern hält Seewald es für richtig, dass die katholische Kirche in Deutschland sich beim Synodalen Weg mit dem Thema Macht beschäftigt. Insbesondere, wenn es um das Zusammenspiel von Macht und Dienst gehe. Guardini habe nicht gemeint, dass es sich bei jeglicher Macht in der Kirche um Dienst handle. "Sondern der Dienstbegriff ist bei Guardini ein Korrektiv, der an den Machtbegriff herangetragen wird. Und diesem Korrektiv haben sich auch die Machtstrukturen in der Kirche zu stellen", so Seewald.

Selbst in der zunehmend säkularen Gesellschaft hält Sozialethiker Vogt den Begriff Demut nicht unbedingt für überkommen: "Ich denke, Glück hängt davon ab, dass man die eigenen Grenzen erkennt. Also Demut quasi als Bereitschaft, die eigenen Fehler offen zuzugeben." Tatsächlich ist etwa in Wirtschaftsunternehmen gern die Rede von einer "neuen Fehlerkultur". Und Politiker, die auch einmal einen Irrtum zugeben, gelten vielen als glaubwürdiger. Die so verstandene Macht sieht Guardini, der Sachverhalte stets in Gegenpolen betrachtete, durchaus als positiv. Das also lässt sich von einem der wegweisenden Theologen und Religionsphilosophen des 20. Jahrhunderts lernen: Eigene Fehler zu erkennen kann ein erster Schritt sein, die Macht des Menschen zu bändigen.

Von Burkhard Schäfers