Die "Immer-Mehr"-Logik steigert nicht die Lebensqualität
Johannes Wallacher über Konsum, Zufriedenheit und die Schöpfung

Die "Immer-Mehr"-Logik steigert nicht die Lebensqualität

Das Kilogramm Schweinefleisch für 3,99 Euro, der Kurztrip nach London mit dem Flugzeug: ein Schnäppchen oder ein Problem? Manchmal ist es beides. Aber kann der Einzelne mit seinen Konsumentscheidungen wirklich etwas verändern?

Von Johannes Wallacher |  Speyer - 22.02.2020

Das T-Shirt für 1,99 Euro, das Kilogramm Schweinefleisch für 3,99 Euro, der Flug für den Kurztrip nach London, der billiger ist als die Bahn zum Flughafen, – ist das ein Schnäppchen oder ein Problem? Nun, manchmal ist es beides, und die Zweifel, die uns bei solchen Angeboten kommen, verweisen auf zentrale wirtschafts- und gesellschaftspolitische Fragen für die Zukunft: Inwieweit sind unsere Konsummuster weltweit verallgemeinerbar? Und steigern immer mehr Konsum, Preiswettbewerb und Wachstum tatsächlich Wohlergehen und Lebensqualität, oder schaffen sie nur vermeintlich und vorübergehend mehr Zufriedenheit – zumal, wenn die wahren Kosten dafür andere begleichen müssen? 

Denn nicht nur die weltweit verfügbaren Rohstoffe, sondern auch die Fähigkeit natürlicher Senken (Erdatmosphäre, Ozeane, Böden etc.) Abfallstoffe aufzunehmen, sind begrenzt. Nach Angaben des UN-Welternährungsprogramms wurden schon 2013 bereits knapp ein Drittel der Fischbestände in den Ozeanen in einem Maße genutzt, das biologisch nicht nachhaltig ist. Bei weiteren knapp 60 Prozent der Fischbestände sind keine weiteren Steigerungen des Fangs mehr möglich. Der Erdüberlastungstag, an dem die Gesamtheit der natürlichen Ressourcen, welche unser Ökosystem im Laufe eines Jahres regenerieren und damit langfristig zur Verfügung stellen kann, fällt inzwischen auf Ende Juli. Ein klarer Beleg dafür, dass die Risiken der Umweltveränderungen nicht mehr beherrschbar wären, wenn weltweit alle Menschen ähnlich viel Ressourcen verbrauchen und Schadstoffe ausstoßen würden wie weite Bevölkerungsteile in den wohlhabenden Regionen, die Eliten und eine rasch wachsende Mittelschicht in Entwicklungs- und Schwellenländern. 

Ökologische und soziale Krisen sind eng miteinander verwoben

Gleichzeitig werden wir eine Welt ohne extreme Armut und Hunger, bessere Bildung, Zugang zu sauberem Wasser, Sanitäranlagen oder sauberer Energie in ärmeren Ländern kaum ohne wirtschaftliche Entwicklung und unter bestimmten Bedingungen auch wirtschaftlichem Wachstum erreichen können. Ist es doch ein Gebot der globalen Gerechtigkeit und in unserem ureigenen Interesse, den ärmeren Menschen in ihrer Heimat eine Entwicklungsperspektive zu verschaffen.

Dies zeigt, wie sehr die ökologischen und sozialen Krisen unserer Zeit eng miteinander verwoben sind. Darauf hat Papst Franziskus in seiner im Mai 2015 veröffentlichten Enzyklika Laudato si‘ aufmerksam gemacht und aufgefordert, die wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Probleme gemeinsam zu lösen, damit "unser gemeinsames Haus" eine Zukunft hat. Grundlage dafür ist für ihn eine neue Leitidee von Fortschritt. Die internationale Staatengemeinschaft hat diesen Impuls mit der 2030 Agenda für nachhaltige Entwicklung und ihren 17 Globalen Nachhaltigkeitszielen Ende September 2015 aufgegriffen.

Blick in den Umweltenzyklika von Papst Franziskus
Bild: © KNA

Papst Franziskus hat in seiner im Mai 2015 veröffentlichten Enzyklika Laudato si‘ dazu aufgefordert, die wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Probleme gemeinsam zu lösen.

Eines davon, Ziel 12, fordert die Umstellung auf nachhaltige Konsum- und Produktionsweisen und formuliert dafür – für wohlhabendere wie ärmere Länder geltende – Unterziele wie eine effizientere Nutzung von Rohstoffen, die Reduzierung von Abfällen und Nahrungsmittelverschwendung, nachhaltigere Beschaffung oder bessere Aufklärung und Bewusstseinsbildung für Nachhaltigkeit. Da der private Konsum in Deutschland und anderen Wohlstandsländern für einen erheblichen Anteil des Rohstoff- und Energieverbrauchs wie der CO2-Emissionen verantwortlich zeichnet, bietet nachhaltiger Konsum große Potenziale für eine nachhaltige Entwicklung. 

Bei näherer Betrachtung wird aber auch deutlich, dass nachhaltiger Konsum eine voraussetzungsreiche und anspruchsvolle Aufgabe ist. Zunächst gilt es zu klären, was nachhaltiger Konsum überhaupt bedeutet. Zwei Dimensionen sind hier zu berücksichtigen. Ein Lebensstil, der gutes Leben nicht allein von materiellem Konsum her definiert und das Moment der Genügsamkeit (Suffizienz) kennt. Nachhaltiger Konsum richtet bei Kaufentscheidungen zudem den Blick auf Langlebigkeit, möglichst sparsamen Einsatz von Ressourcen bei Produktion wie Gebrauch, ökologische und menschenwürdige Herstellungsbedingungen, umweltschonenden Transport sowie eine möglichst hohe Wiederverwendbarkeit von Produkten wie Einzelteilen. 

Wie kann ich als Konsument Einfluss nehmen?

Die Konsumenten brauchen möglichst verlässliche und umfängliche Informationen über die Herstellungs- und Transportbedingungen wie über die Produkteigenschaften. Dazu sind die Konsumenten auf strukturelle Unterstützung durch Anbieter, Verbraucherschutzorganisationen und die Gesetzgeber angewiesen. Die Möglichkeiten, nachhaltig zu konsumieren, hängen immer von konkreten Entscheidungen der Produzenten ab, überhaupt entsprechend nachhaltige Produkte zu erschwinglichen Preisen anzubieten. Verbraucherschutzorganisationen und die Gesetzgeber stehen zudem in der Verantwortung, durch angemessene Kennzeichnungspflichten sowie Qualitäts- und Herkunftssiegel für die notwendige Transparenz zu sorgen. Damit Konsumenten im "Dschungel" der unzähligen Siegel den Überblick behalten können, braucht es einfache und verbindliche Kennzeichnungen, die verlässliche Informationen über Herkunft, Beschaffenheit und Herstellungsbedingungen bieten und damit wirklich Orientierung für nachhaltigen Konsum geben können. Ein Beispiel, dass dies gelingen kann, sind die Vorschriften für eine relativ einheitliche Kennzeichnung von Eiern, die als Vorbild für Fleisch und andere Waren dienen könnten.

Dies allein reicht aber noch nicht aus, um nachhaltigen Konsum wirklich zu stärken. Denn einzelne Konsumentscheidungen haben immer nur eine begrenzte Reichweite. Daher müssen Konsumenten ihr Verhalten durch bessere Informationen, Kampagnen oder veränderte Strukturen abstimmen, um beeinflussen zu können, was angeboten und auf welche Weise produziert wird. Viele der angesprochenen Probleme lassen sich nur auf der Basis koordinierter und politischer Umgestaltung lösen. Insofern müssen Bürger nicht nur als Konsumenten, sondern auch als politische Akteure und Wähler die strukturellen Veränderungen einfordern, die nachhaltige Konsum- und Lebensstile befördern und attraktiver machen.

Die Demonstrationen der Fridays for FutureBewegung haben das Bewusstsein für die Bedrohtheit der Schöpfung geschärft. Die jungen Aktivisten fordern von Politik und Wirtschaft vor allem schnelle und wirksame Maßnahmen gegen den Klimawandel.

Ein Schlüssel dafür sind verursachergerechte Preise. Das eigentliche Problem liegt nicht im Wachstum von Konsum und Produktion, sondern dass die damit verbundenen ökologischen und sozialen Folgelasten nicht den Verursachern zugerechnet, sondern auf Dritte – besonders auf nachfolgende Generationen – abgewälzt werden. Ökonomen sprechen von "Externalisierung", wenn die ökologischen und sozialen Kosten des Dumping-T-Shirts, des Discounter-Fleisches oder des Billigfliegers nicht vom Verbraucher, sondern anderen getragen werden. Umso wichtiger sind politische Rahmenbedingungen, welche den Umweltgebrauch mit einem verursachergerechten Preis belegen und den sozialen Ausgleich sowie menschenwürdige Arbeitsbedingungen strukturell sichern.

Wenn die Verursacher zukünftig die ökologischen Kosten von Produktion und Konsum selbst tragen müssen und nicht weiter unbeteiligten Dritten aufladen, wäre nachhaltiger Konsum im Vergleich zu den Alternativen wettbewerbsfähiger und attraktiver. Zudem würde dies erhebliche Anreize für die Entwicklung neuer Technologien, eine effizientere Nutzung von Energie und Ressourcen sowie umweltschonendere Entsorgung und besseres Recycling schaffen. Damit wäre strukturell auch der Einstieg in eine Kreislaufwirtschaft gegeben, in der Anbieter nicht einfach möglichst viele Produkte verkaufen, sondern ein Interesse daran haben, dass diese möglichst lange genutzt und die verwendeten Rohstoffe auch wirklich recycelt und für spätere Nutzungen wiederaufbereitet werden. 

Ausstieg aus Wachstumsgesellschaft und sozial-ökologische Modernisierung

Solche Preissignale sind etwa durch eine einheitliche CO2-Bepreisung möglich, die auch den Verkehrssektor und den Konsum einbezieht und durch Klimazertifikate oder eine CO2-Abgabe realisiert werden kann. Damit könnten Umweltgebrauch und Schadstoffausstoß wesentlich effizienter gemindert werden als durch Verbote mit zahllosen Ausnahmeregelungen oder Einzelfallregelungen wie Abwrackprämien, staatlich geförderte Kaufanreize, Steuerbefreiungen oder -ermäßigungen für Flugbenzin oder Dieselkraftstoffe mit fragwürdiger Wirkung und Verteilungseffekten.

Die Sachverständigengruppe "Weltwirtschaft und Sozialethik" der Deutschen Bischofskonferenz plädiert in ihrer im Mai 2018 veröffentlichten Studie "Raus aus der Wachstumsgesellschaft?" in Anknüpfung an die Enzyklika Laudato si‘ für eine sozial-ökologische Modernisierung. Kern dessen ist eine verursachergerechte Bepreisung von Umweltgebrauch und Schadstoffausstoß, die sozial abgefedert und international abgestimmt werden muss. Denn ärmere Menschen leben zum Beispiel oft in Wohnungen mit schlechter Isolierung, so dass ihre Energiekosten überproportional steigen würden. Daher sollten die Einnahmen dieser Lenkungsabgabe nicht zum Stopfen von Haushaltslöchern verwendet werden, sondern Bürgerinnen und Bürgern wie Unternehmen in Form von Infrastruktur-Förderung, Innovations- und Investitionsprogrammen, sozialen Ausgleichsmaßnahmen oder wie in der Schweiz als "Öko-Bonus" über die Krankenkassen rückerstattet werden.

Der Philosoph und Wirtschaftsethiker Johannes Wallacher ist Präsident der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München.
Bild: © KNA

Der Philosoph und Wirtschaftsethiker Johannes Wallacher ist Präsident der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München. Außerdem ist er Vorsitzender der Sachverständigengruppe "Weltwirtschaft und Sozialethik" der Deutschen Bischofskonferenz.

Ähnlich wie bei der Mehrwertsteuer könnte eine solche Umweltabgabe auch beim Im- oder Export von Waren berücksichtigt werden, ohne darauf warten zu müssen, dass gleich alle Staaten mitmachen. Klar ist aber auch, dass die genannten Reformen durch einen tiefergreifenden Kultur-, Bewusstseins- und Wertewandel vorbereitet, ergänzt und begleitet werden müssen. Denn es gibt keine Garantie dafür, dass eine Politik der ökologischen Modernisierung ausreichen wird, weil wir möglicherweise das Potenzial an technischen Möglichkeiten über- und die Kosten einer konsequenten Umwelt- und Klimapolitik unterschätzen. Wie die Verhandlungen um das Klimapaket der Bundesregierung gezeigt haben, besteht die Gefahr, dass notwendige Reformen hinausgezögert oder nur halbherzig umgesetzt werden oder ganz am Widerstand mächtiger Interessengruppen scheitern. 

Deshalb sind Leitbilder wie die Suffizienz so wichtig, die ein gutes Leben nicht vom "immer mehr und billiger", sondern von der Tugend des rechten Maßes her verstehen und gerade auch die "unbezahlbaren" Dinge wertschätzen. Das Erleben der Natur, die Sorge um Familienangehörige und bedürftige Mitmenschen, der Einsatz für Kultur und das Engagement für Ideale wie Mitmenschlichkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt sind kaum in Geld aufzuwiegen – und doch sind sie Grundlage für das Gemeinwohl, das die christliche Tradition seit jeher als Wohl des Ganzen und aller Menschen auffasst.

Das Verhalten vieler Einzelner kann öffentliche Meinung beeinflussen

Die empirische Forschung zeigt uns, dass die Logik des "Immer-Mehr" unsere Lebensqualität nicht automatisch steigert. Ein Lebens-, Konsum- oder Arbeitsstil, der sich im Ansatz unabhängig macht von Versprechungen, die suggerieren, dass die bloße Anhäufung materieller Güter unser Wohlergehen mehren würde, hat nichts mit Verzicht zu tun. Es ist eher umgekehrt. Mehr Freiheit verschafft sich, wer der Tretmühle permanent steigender materieller Ansprüche entkommt und stattdessen dem mehr Aufmerksamkeit schenkt, was sein oder ihr Leben auf Dauer gelingen lässt. Dann können wir uns unabhängiger davon machen, unser Wohlergehen immer auch im Vergleich zu anderen zu bewerten und sich bei Konsumentscheidungen an Trends und vorgegebenen Lebensstilen zu orientieren.

Vorherrschende Leitbilder beeinflussen jedoch nicht nur das Verhalten Einzelner, sondern auch gesetzliche Rahmenbedingungen. Je stärker unsere Leitbilder von materiellem Besitz und immer mehr Konsum dominiert werden, umso schwieriger dürften die nötigen politischen Veränderungen durchzusetzen sein. Wenn aber eine kritische Masse von Menschen sich der anspruchsvollen Aufgabe stellt, nachhaltig zu konsumieren, kann dies die öffentliche Meinung beeinflussen und gesellschaftliche Leitbilder hin zu nachhaltigen Konsum- und Lebensstilen verändern. 

Gleichzeitig können solche Leitbilder Menschen motivieren, politische Veränderungen anzustoßen. Wenn immer mehr Bürger sich entsprechend politisch engagieren, setzen sie die Regierenden unter Zugzwang, die notwendigen ordnungspolitischen Reformen voranzutreiben. So gesehen, werden Leitbilder zum unverzichtbaren Scharnier zwischen persönlichem Verhalten auf der gesellschaftlichen Mikroebene und ordnungspolitischen Strukturen auf der Makroebene. Und in diesem Sinne hat – wie Papst Franziskus immer wieder betont – jede wirtschaftliche Entscheidung immer auch eine moralische und öffentliche Dimension. Diese verschiedenen Perspektiven sind nicht zu trennen, sondern verweisen aufeinander.

Von Johannes Wallacher

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