Die Herausforderung und die Macht seine Feinde zu lieben
Schwester Jordana Schmidt über das Sonntagsevangelium

Die Herausforderung und die Macht seine Feinde zu lieben

Wer sind meine Feinde? Diese Frage stellt sich für Schwester Jordana Schmidt beim heutigen Evangelium. Reicht es, geliebten Menschen zu vergeben und für die Kriminellen dieser Welt zu beten? Nein, denn Jesus stößt uns ganz konkret in unseren Alltag.

Von Sr. Jordana Schmidt OP |  Schwalmtal-Waldniel - 22.02.2020

Ausgelegt Autorin Schwester Jordana Schmidt OP

Impuls von Schwester Jordana Schmidt

Was für eine Herausforderung diese Bibelstelle ausgerechnet heute zu lesen, wo meine Elfjährige erste pubertäre Widerstandskämpfe vollzieht und die Neunjährige mal wieder nicht ihre Aufgaben gemacht hat, ganz zu schweigen von der trotzigen Zweijährigen... ja ich liebe sie trotzdem! Sie sind nicht meine Feinde, also sollte es mir ja leicht fallen ihnen auch zu vergeben. Oder ist es Erziehung, wenn ich nicht nachgebe, nicht schweigend hinterherräume und meine Ansprüche vergesse und mit einem Scherz die Situation entspanne? Jesus, was willst du heute von mir?

Da schiebe ich doch lieber schnell mal ein nettes Gebet für die fiesen Machthaber dieser Welt ein und für die Kriminellen. Die sind weit weg und haben mir persönlich ja nichts getan. Ok, ich weiß, das meinst du nicht, Jesus, mit dieser Stelle. Du stößt mich mit der Nase in meinen Alltag. Auf diejenigen die mich gekränkt oder gar verletzt haben. Meinen Stolz vielleicht nur, denn auf die Wange geschlagen worden bin ich schon lange nicht mehr. Da reichen heute Blicke oder Worte oder einfach nur die Umstände, die mir jemanden unsympathisch machen – Feind hört sich so heftig an.

Es gibt Menschen, denen möchte ich nicht begegnen und sollte ich es tun, dann würde ich sie links liegen lassen, ihnen die kalte Schulter zeigen oder irgendwie anders zeigen was ich von ihnen halte. Und genau da setzt dieses Evangelium an: mein Denken über andere Menschen. Und dann natürlich mein daraus resultierendes Handeln. Bin ich bereit meine Nachfolge Jesu ernst zu nehmen und über diese Menschen liebevoll zu denken? Ihnen zu vergeben, dass sie Dinge gemacht haben, die mich oder andere verletzt haben? Und ihnen dann noch die Hand in ehrlicher Freundlichkeit (du sprichst sogar von "Liebe") zu reichen? Ihnen zu ermöglichen Dinge klarzustellen, neu anzufangen oder einfach nur nachdenklich zu werden, weil ihnen plötzlich anders und liebevoll begegnet wird?

Martin Buber sagte mal "der Mensch wird am Du zum Ich" – meine Einstellung zu jemandem, kann ihn oder sie verändern. Was für eine Macht gibst du uns da in die Hände, Jesus! Denn nichts ist mächtiger gegen alles Böse der Welt, als die Liebe – das wissen inzwischen die meisten Kinder – dank Harry Potter. Nehmen wir uns das als erwachsene Christen auch mal wieder vor. Es kann nur Gutes bewirken!

Von Sr. Jordana Schmidt OP

Evangelium nach Matthäus (Mt 5, 38-48)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn.

Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin. Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel.

Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm. Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab.

Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.

Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden? Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.

Die Autorin

Schwester Jordana Schmidt OP ist gelernte Familientherapeutin und Diplom-Heilpädagogin. Seit 1994 gehört sie den Dominikanerinnen von Bethanien an. Von 2002 bis 2012 arbeitete sie als Erziehungsleiterin im Bethanien Kinderdorf in Schwalmtal-Waldniel. Seitdem ist sie Kinderdorfmutter von fünf Kindern. Sie ist mehrmals im Jahr im Radio bei "Kirche im WDR" zu hören. Ihre Bücher "Auf einen Tee in der Wüste" und "Ente zu verschenken" waren wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreiben Ordensleute und Priester für uns.