Schachfigur
Standpunkt

Sind wir blind geworden für die Brutalisierung unseres Lebens?

Mit wachsender Sorge blickt Europa auf das Coronavirus. Sollte man in dieser Situation ein Computerspiel spielen, in dem es darum geht, die Menschheit durch Infektionen zu vernichten? Volker Resing und seine Söhne sind da unterschiedlicher Ansicht.

Von Volker Resing |  Bonn - 25.02.2020

Hunderte Tote in China, Europa ist in Teilen bereits im Ausnahmezustand, weltweit wächst die Angst vor dem neuartigen Coronavirus. Der neue Erreger hat den Namen SARS-CoV-2 und birgt die Sorge und den Schrecken einer unkontrollierbaren und verheerenden Epidemie in sich.

Stellen Sie sich vor, das ganze wäre ein Spiel. Ziel ist es, die Menschheit auszulöschen. Dazu müssen immer resistentere Erreger erdacht werden, die immer subtilere Angriffspunkte bei der menschlichen Gesundheit finden. Land für Land, Kontinent für Kontinent müssen Sie Leid und Elend verbreiten, die Bewohner vernichten – und so die Weltherrschaft erringen.

Das Spiel gibt es, es heisst "Plague Incorporated", zu deutsch: "Seuchen-AG". Es ist ein weltweit erfolgreiches Strategie-Video-Spiel. Bei Wikipedia findet sich die Information, dass es bis 2013 bereits 21 Millionen Mal heruntergeladen wurde. Das Online-Lexikon erklärt: "Jeden Spielmodus kann man in den Schwierigkeitsstufen Einfach, Normal, Brutal und Mega-Brutal spielen." Punkte erhält der Spieler "durch die Infektion eines neuen Staats, (...) durch die Verbreitung seiner Krankheit oder den Tod von Menschen". Der Spieler kämpft gegen die Entwicklung von Heilmethoden an, da dies seinem Ziel, die Menschheit zu vernichten, im Wege steht. "Das Spiel erhielt größtenteils positive Kritiken", fasst Wikipedia zusammen.

Mein Sohn wollte von mir die Erlaubnis, das Spiel herunterzuladen. Wir waren dann beide perplex. Er, weil ich die Erlaubnis verweigerte. Ich, weil er das Spiel spielen wollte. Ich habe inzwischen gelernt, dass das Spiel zum einen alt, zum anderen sehr verbreitet ist. Mein anderer Sohn hatte es schon bei einem Freund gespielt. Wir haben dann viel diskutiert. Mir wurde entgegengehalten, ich wüsste doch, dass es in vielen Spielen um Kampf und somit auch um "Töten" ginge. Das mache sie, so meine Söhne, nicht zu schlechten Menschen. Ich versuchte eine Argumentation mit dem Völkerrecht: Kampf im Krieg sei schrecklich, aber erlaubt. Massenvernichtung aber sei ein furchtbares Menschheitsverbrechen, das tauge doch nicht zu Spiel. Mein Sohn akzeptierte das Verbot, aber überzeugt war er nicht. "Es ist doch nur ein Spiel." Inzwischen weiß ich, dass das Spiel gerade durch die Corona-Seuche in China wieder auf Platz eins der beliebtesten Spiele steht. Was bedeutet das?

Ich will festhalten: 1. Ich bin immer noch fassungslos. 2. Das Gespräch mit meinen Jungs war super. Wir müssen mehr über Computerspiele reden. 3. Ich will wissen, wie andere das sehen. Bin ich zu empfindlich? Oder sind wir doch alle blind geworden für die alltägliche Brutalisierung und Banalisierung unseres Lebens?

Von Volker Resing

Der Autor

Volker Resing ist Chefredakteur der Herder Korrespondenz.

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