Warum die Sprache der Kirche das Prädikat "scheinheilig" verdient
Autorenduo untersucht "blutleere Sprache" der Kirche

Warum die Sprache der Kirche das Prädikat "scheinheilig" verdient

"Die kirchliche Sprache verschweigt viel, sie kennt Sprachlosigkeiten – und sie vertuscht Macht, Hierarchien und auch Gewalt": In einem neuen Buch beleuchten die Autoren Jan Feddersen und Philipp Gessler den Zustand der Sprache der Kirche. Ihr Urteil fällt wenig schmeichelhaft aus.

Von Steffen Zimmermann |  Berlin - 03.03.2020

Als der PR-Berater Erik Flügge 2016 seinen in Buchform gekleideten Wutanfall über die Sprache der Kirche veröffentlichte, landete er damit einen Coup. "Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt" wurde ein Bestseller und löste über die kirchliche Blase hinaus lebhafte Diskussionen aus. Flügge warf der Kirche in seinem Buch vor, sprachlich in der Vergangenheit steckengeblieben zu sein und in ihren Predigten mit verschrobenen, gefühlsduselnden Wortbildern zu hantieren, die niemand mehr hören wolle – eine ebenso emotionale wie wortgewaltige Analyse, die von vielen Lesern geteilt wurde.

Vier Jahre nach Flügge beschäftigt sich nun erneut ein Buch mit der kirchlichen Sprache. "Phrase unser. Die blutleere Sprache der Kirche" heißt das Werk der beiden Journalisten Jan Feddersen und Philipp Gessler, das an diesem Dienstag im Münchner Claudius Verlag erscheint. Wer nun allerdings denkt, das Duo komme mit seiner Analyse vier Jahre zu spät oder wärme alte Thesen auf, der irrt. "Phrase unser" ist kein neuer "Jargon der Betroffenheit", sondern geht über das analytisch eher schwache Vorgängerbuch deutlich hinaus. Das betonen auch die beiden Autoren, die in der Einleitung ankündigen, "weiter und tiefer" schürfen zu wollen, als es Flügge getan habe. Dessen Buch sei zwar ein Bestseller gewesen, in Kirchenkreisen und der Wissenschaft aber nicht sehr ernst genommen worden.

Interviews mit namhaften Kirchenvertretern

Für ihr Buch haben Feddersen und Gessler mit namhaften Kirchenvertretern und Theologen wie Essens Bischof Franz-Josef Overbeck, dem Religionspädagogen Fulbert Steffensky und dem Dogmatiker Michael Seewald sowie Historikern, Soziologen und Journalisten gesprochen. In der Regel, so das Autorenduo, hätten sie dabei zu hören bekommen, dass die Sprache der Kirche ein wichtiges und drängendes Thema sei, zu dem aber bisher eigentlich nichts Ernsthaftes erschienen sei – eine Aussage, die als weitere Abgrenzung zu Flügge gelesen werden kann.

Linktipp: Verreckt die Kirche an ihrer Sprache?

"Jesus lädt dich ein. Ja, er lädt dich ein zum gemeinsamen Mahl." Es sind Predigten wie diese, die den Katholiken und Strategieberater Erik Flügge zur Verzweiflung treiben. Ein Interview. (Interview von Mai 2016)

Die Grundthese von "Phrase unser" ist, dass die Sprache der Kirche in einer tiefen Krise steckt und das Prädikat "scheinheilig" verdient. "Die kirchliche Sprache verschweigt viel, sie kennt Sprachlosigkeiten – und sie vertuscht Macht, Hierarchien und auch Gewalt. Sie ist in weiten Teilen eine Sprache der Vorsicht, ja der Angst, sie meidet Klarheit und verdeckt Verantwortung. Sie simuliert eine Nähe, ja manchmal gar eine Sinnlichkeit, die sie in Wahrheit gar nicht besitzt", so die Autoren. So sozialpädagogisch-psychologisch die Tonlage der Kirchensprache auch anmute, in Wirklichkeit basiere sie auf Vermeidung und Vertuschung.

Während die Kirche in den 1980ern von einer Soziologen- und Politologensprache und in den 1990ern von einer Managementsprache geprägt worden sei, habe man "im Augenblick die Achtsamkeitssprache", sagte Gessler vor wenigen Tagen dem Evangelischen Pressedienst (epd). Diese sei sehr vorsichtig, weil man "niemandem auf die Füße treten will und alles 'auf Augenhöhe' passieren muss".  Vieles in der kirchlichen Sprache habe zudem einen doppelten Boden. "Wer sagt, 'Ich kann das gut hören', meint eher: 'Ich finde das ärgerlich, aber ich ertrage das jetzt'", so Gessler weiter. Diese Form der sprachlichen Konfliktvermeidung habe auch damit zu tun, dass die Kirchen in den vergangenen Jahren hunderttausende Mitglieder verloren hätten. In dieser Situation der Angst sei es schwer, die richtige Sprache zu finden.

Warnung vor einer selbst gewählten sprachlichen Wagenburg

Ein weiteres Problem aus Sicht der Autoren: Die Sprache der Kirche ist weitgehend gefärbt vom Bürgertum. Sie werde von der bürgerlichen Gesellschaft geprägt, wirke aber auch auf sie zurück. "Die Sprache, die wir untersuchen, hat Vorteile, weshalb sie sich etablieren konnte und sich so hartnäckig hält. Sie hat aber auch Nachteile, die größer sind, ja womöglich einen Teil der Krise der Volkskirchen ausmachen", betonen Feddersen und Gessler – und münden in der Frage, ob die Kirchen diese weiche und unklare Sprache vielleicht deshalb nutzen, weil es ihnen selbst an Klarheit, Kraft oder gar festem Glauben fehlt.

Dass das, sollte diese Vermutung zutreffen, für Katholiken und Protestanten kein kleines Problem wäre, auch das macht das Autorenduo deutlich. Die kirchliche Sprache sei von enormer Bedeutung, denn das Wort sei nach wie vor ihr zentrales Verkündigungsinstrument in die Gesellschaft hinein: "Eine Kirche, die mit ihrer Sprache nur noch die Ihrigen, die Gläubigen, erreicht und nur noch von ihnen verstanden wird, verliert sich in einer selbst gewählten Wagenburg, in einer splendid isolation", schreiben die beiden Journalisten. Wo die Kirche nur noch in den Innenraum spreche oder aufgrund ihrer ganz eigenen Sprache nur noch von ihren Gläubigen verstanden werde, verfehle sie ihren wichtigsten Auftrag und höre auf Kirche zu sein.

"Phrase unser – Die blutleere Sprache der Kirche" ist im Münchner Claudius Verlag erschienen.

Die Stärke des Buchs ist es, dass die beiden Autoren nicht bei ihren teilweise sehr plakativen Problembeschreibungen stehenbleiben. In den 18 Kapitel des Buchs beleuchten Feddersen und Gessler vielmehr mit großem analytischem Interesse die Herkunft und Entwicklung der Kirchensprache, ihre Vor- und Nachteile sowie ihre Wirkung und Abgründe. Das Buch, dem zudem noch ein fast 50-seitiges Glossar mit zentralen Begriffen der kirchlichen Sprache angehängt ist, erfüllt so sehr souverän den in der Einleitung formulierten Anspruch, einen Beitrag zur Ergründung der kirchlichen Sprachkrise zu leisten. Zu kurz kommt dagegen der Ausblick in die Zukunft. Wie die Kirchen ihre Sprachprobleme überwinden können, dazu äußern sich die Autoren und die von ihnen befragten Experten nur vage. Ob mehr Poesie, leichtere Sprache oder mehr Schweigen – was den Kirchen bei der Verkündigung helfen könnte, wird nur angedeutet.

Nur wenn die Kirche auch ihre Sprechweise erneuert, kann sie sich selbst erneuern

Immerhin: Am Ende ihrer Streitschrift äußern die Autoren die Hoffnung, dass die Botschaft des Evangeliums über alle Milieus und Echoräume hinweg auch in Zukunft ihren Weg zu den Menschen aller Generationen finden wird. Zumal sich der Fluch der weichen kirchlichen Sprache in einer Zeit, in der vor allem in den sozialen Medien mit immer größerer Härte kommuniziert werde, sogar zu einem Segen wandeln könne. "Die kirchliche Sprache hat, trotz aller Schwächen, etwas Umarmendes. Sie eröffnet zumindest rhetorisch Partizipationsmöglichkeiten und betont ihre Offenheit. Das ist etwas Positives in einer Gesellschaft, die offensichtlich immer mehr einem Diskurs von Besserwissern und Sprücheklopfern gehorcht", so Feddersen und Gessler.

Wer sich für die in der Kirche gesprochene Sprache und die damit zusammenhängenden Fragen interessiert, dem sei "Phrase unser" zur Lektüre empfohlen. Das Buch ist gut geschrieben und klar strukturiert und die interviewten Experten steuern interessante Sichtweisen bei. Am Ende des Buchs steht die Erkenntnis: Nur wenn die Kirche auch ihre Sprechweise erneuert, kann sie sich selbst erneuern.

Von Steffen Zimmermann

Buchtipp

Jan Feddersen, Philipp Gessler: Phrase unser – Die blutleere Sprache der Kirche. Claudius Verlag, München 2020, 184 Seiten, 20 Euro. ISBN: 978-3-532-62844-7.