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Standpunkt

Die Kirche kann sich Angst vor Veränderungen nicht mehr erlauben

Vor sieben Jahren wurde Papst Franzikus gewählt. Vom "Wind des Wandels" sei heute aber nichts mehr übrig, kommentiert Ricarda Menne. Dass die Kirche heute beschmutzt ist, habe sie sich deshalb selbst zuzuschreiben.

Von Ricarda Menne |  Bonn - 13.03.2020

Als heute vor sieben Jahren ein älterer Herr in Weiß auf die Loggia des Petersdoms trat und die Menschen mit einem einfachen "Buona sera" begrüßte, passte das so gar nicht zu einem "eminentissimum ac reverendissimum dominum". Dass "der Neue" die Menschen bat, "Betet für mich", ehe er den Segen Urbi et Orbi spendete, ließ aufhorchen.

Ich hatte jedenfalls den Eindruck, dass da auf einmal ein "Wind des Wandels" durch die Kolonnaden des Petersplatzes weht; dass Bischöfe und Theologen furchtlos und in aller Öffentlichkeit innerkirchliche Missstände und Desiderata benennen, über die allzu lange nur "unter dem Radar" gesprochen wurde. Dass Rom dazu ermutigt, sich die Ärmel hochzukrempeln.

Und dann in "Evangelii gaudium" ein neues Kirchenbild – nicht mehr "ein Haus voll Glorie", das "weit über alle Land" schaut, sondern: "Mir ist eine verbeulte Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist." Lieber als eine Kirche, die sich einschließt in Strukturen, Normen und Gewohnheiten und den Hungerschrei der Menschen überhört, während Jesus uns pausenlos wiederholt: "Gebt ihr ihnen zu essen!" (EG 49)

Vebeult, verletzt und beschmutzt – so steht die Kirche in unserer Gesellschaft heute tatsächlich da; krank und leider auch krank machend. Aber größtenteils hat sie das selbst zu verantworten: Die Türen zu den Schaltstellen der Macht – gerne als "Dienst" verbrämt – sind nach wie vor für einen Großteil der Katholiken verschlossen, vor allem, wenn sie Frauen sind.  Die Sorge um das Image der Kirche hat Menschen, die Hirten sein sollten und wollten, dazu verführt, die Schwächsten im Stich zu lassen. Offiziell gilt es immer noch als "moralisch ungeordnet", wenn zwei Männer oder zwei Frauen sich lieben. Und in den immer größer werdenden Seelsorgeeinheiten mit ihren phantasievollen Namen werden Seelsorgerinnen und Seelsorger verheizt und verhungern Menschen spirituell – oder suchen sich ihr "Futter" woanders.

Ob Papst Franziskus Angst vor der eigenen Courage bekommen hat oder ob er sich an den zähen Strukturen der Kurie müde gearbeitet hat, vermag ich nicht einzuschätzen. Nur soviel: Die Kirche kann sich Furcht vor Veränderung nicht länger erlauben, denn unter denen, die gehen, sind auch immer mehr Menschen, die bisher das kirchliche Leben vor Ort getragen haben – teils über Jahrzehnte.

Von Ricarda Menne

Die Autorin

Ricarda Menne ist Lehrerin für Englisch, Geschichte und katholische Religion. Außerdem ist sie in der Hochschulpastoral der Bergischen Universität Wuppertal tätig.

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