Schachfigur
Standpunkt

Trotz radikaler Einschränkungen solidarisch werden und bleiben

Ein Virus verändert die Welt: Wie werden unsere Kirche und unsere Gesellschaft nach der Pandemie aussehen? Thomas Seiterich sieht einen Hinweis darin, dass der Sieg über Corona nicht einem neuen Impfstoff allein gelingen kann.

Von Thomas Seiterich |  Bonn - 24.03.2020

Thomas Seiterich ist Redakteur der Zeitschrift Publik-Forum.

Wenn wir irgendwann in zahlreichen Monaten zurückschauen werden auf die Corona-Krise, dann werden wir dies aus einer veränderten Gesellschaft und aus einer veränderten Kirche tun. Wir werden die Formen des Egoismus, mit denen wir konfrontiert waren, vom Tisch fegen, nicht aber den Wärmestrom, der sich im historischen Moment der Lebensgefahr durch unser Land zog und viele Millionen Menschen erfasste.

Corona wird dann vergangen sein, jedoch nicht vorbei. Die neue Normalität nach Corona wird eine andere sein, als die Normalität des gierigen, perfektionierten Kapitalismus in den Jahren vor der Seuche. Denn es gibt historische Momente, in der die Zukunft ihre Richtung korrigiert. Trendforscher Matthias Horx nennt das "Bifurkation" (so jüngst in einer lesenswerten Analyse im Wiener "Kurier") oder Tiefenkrise.

Wir werden uns beim Rückblick wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, nur selten zu Vereinsamung führte, sondern zu neuen Formen von Gemeinschaft - auch in den Kirchengemeinden. Nach anfänglichem Schock waren viele Zeitgenossen sogar erleichtert, dass das ewige Eilen und Kommunizieren auf vielerlei Kanälen binnen weniger Tage stoppte. Die Verlangsamung war wohltuend. Ebenso das Verstummen des Lärms.

Christen, die in Fastenzeiten fasten, wissen, dass Verzichte nicht Verluste sind. Völlig unerwartet schuf die körperliche Distanz, die das Virus erzwang, gleichzeitig neue Nähe. Viele haben in der Seuchenzeit Menschen, Helfende und Lebensermöglicher kennengelernt, denen sie sonst nie begegnet wären. Mitbürger in den übersehenen, schlecht bezahlten Dienstleisterberufen wurden mit Respekt wahrgenommen und sozial gewürdigt. Viele alt gewordenen Eltern, entfernte Angehörige und fast schon vergessene Freunde wurden häufiger angerufen. Und die Wirtschaft? Sie brach dank Staatshilfen nicht auf Dauer zusammen.

Die gesellschaftliche Freundlichkeit, die in der Welt vor Corona dem unrettbar auf dem Rückzug schien, stieg an. Bei großen Fußballspielen herrscht jetzt eine andere Stimmung vor der Seuche, als es menschenverachtende Schmähungen gegeben hatte.

Wir werden uns beim Rückblick wundern, dass Forscher - schneller als allgemein befürchtet - rettende Medikamente gegen das Virus fanden. Nun ist das Virus - zumindest im reichen Teil der Erde - eine handhabbare Krankheit, so ähnlich wie die Grippe.

Die breite Veränderung sozialer Verhaltensformen war neben der Pharmaforschung beim Sieg über Corona das Entscheidende. Dass die Menschen trotz radikaler Einschränkungen solidarisch wurden und und konstruktiv blieben, gab den Ausschlag. Deshalb: Vergesst beim Rückblick nicht den Wärmestrom!

Von Thomas Seiterich

Der Autor

Thomas Seiterich ist Redakteur der Zeitschrift "Publik-Forum".

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